• Tag Sechsundzwanzig

    May 14 in Germany ⋅ ☁️ 9 °C

    (English Version Below)

    PILGERREISE INS LEBEN
    Tag 3.607
    14/05/2026
    Calvörde

    Während wir noch im Bus liegen und den Regentropfen lauschen, die ziemlich doll auf den Bus platschen, eilt die Familie mit Hund Cronos zurück ins Haus, denn der Starkregen hat sie beim Spaziergang erwischt.

    Hilde mag auch nicht aufstehen, also füttere ich sie mit der Medizin, und weil sie nichts trinken will, gibt's heute Ayran ins Wasser. Ja, das schmeckt. Dann ist der Bauch voll und ohne Regen und Papa stromert sie durch die Gründüngung, in der sie sich wohl ungestört fühlt.

    Vielleicht ist auch das feuchte, kühle Gras am Bauch eine angenehme Erfrischung. Intuitiv machen wir Lebewesen ja manchmal das Richtige. Zurück im Bus wird kurz der Knochen bearbeitet, dann überkommt die kleine Maus aber schlagartig die Müdigkeit. Und da das Bettzeug noch da ist, wird das Liegen super bequem.

    Um elf Uhr kommt die Familie vorbei und weckt mich aus der Lethargie mit einem Spaziergang. Am Ende kann ich sagen, gut gelaufen, mich angenehm unterhalten, der Regen ist zum Glück ausgeblieben, die dunklen Wolken sind vom Sonnenschein vertrieben.

    Ich habe einem dieser netten Menschen, die sich gerne mit mir unterhalten, von einer Episode aus meinem Leben erzählt, und dazu zwei Bilder rausgesucht, die belegen, wie ich mit etwa dreißig Jahren 1980 ausgesehen haben.

    Das Bild am Fluss ist um zwei Uhr morgens am finnisch-schwedischen Grenzfluss entstanden, das andere in den Niederlanden. Ich dachte, wenn ich sie schon raussuche, dann kann ich sie auch öffentlich zeigen.

    Für Hilde habe ich den größten Markknochen, den ich auftreiben konnte. Ihre Bearbeitung ist ziemlich lautstark, besonders als sie ihn auf die Palette knallt und dort hin und her schiebt. Irgendwann ist sie so erschöpft, dass sie sich wieder schlafen legt.

    Meine Tochter überrascht mich mit einem Teller, lecker gefüllt mit Kartoffelpüree, Spinat und Rührei. Ich bin ihr sehr dankbar, wie sie so hin und wieder mich umsorgt.

    Mitten in einem Regenschauer, kurz bevor die Sonne wieder herausbricht, gibt es zwei heftige Donnerschläge, die wohl so schnell kamen und gingen, dass nicht mal die Wetter App sie erfassen konnte.

    Allerdings hat sich Hilde sehr erschrocken und muss sich erstmal langsam wieder fassen. Dabei wollten wir beide gerade ein Nickerchen am Nachmittag machen.

    Das ist der neunte Tag bei meiner Tochter, der neunte Tag an einem Ort, der neunte Tag ohne zu reisen. Ich versuche zu vermeiden, darüber nachzudenken, was das mit mir macht, um nicht das innere Gleichgewicht zu gefährden, das ich mir aufgebaut habe.

    Aber ich merke schon, dass meine Motivation zur wertfreien Aufnahme all der Möglichkeiten um mich herum sinkt. Mir ist ständig kalt, wenn ich ans Rausgehen denke, obwohl die Sonne so schön scheint. Die Bücher gucken mich blicklos an, ich könnte lesen, fühle mich aber nicht motiviert.

    Letztendlich zwinge ich mich zur Bewegung, um den Gefühlen entgegen zu arbeiten, ihnen eben keinen Raum zu geben. Der früheste Reparaturtermin könnte der 22. Mai sein, vermutlich wird es aber erst nach Pfingsten klappen.

    Das wichtigste Element ist, dass ich jedem Tag positiv begegne und nicht von einer verlorenen Zeit spreche, in der ich unterwegs hätte sein können. Eine junge Frau, die ich persönlich kenne, schreibt mir heute (und ich hoffe, sie ist damit einverstanden, dass ich ihren Text veröffentliche),
    "Es ist wunderbar, wie positiv du bleibst und wie du die schönen kleinen Dinge erlebst und wertschätzt. Davon können wir so viel lernen."

    Das freut mich, aber ich weiß auch, dass es wichtig ist, seinen eigenen Abgrund zu kennen, um dem Bewusstsein Mut zuzusprechen, dagegen anzukämpfen. Keine großen Ziele, sondern die kleinen Schritte sind es, die uns am Leben halten.

    Mir hilft dabei so kämpferische Musik wie die von Beluga Lagoon, auch ein Tipp einer anderen jungen Frau. Wir lernen, dass wir uns gegenseitig bereichern können, wenn wir offenherzig miteinander leben.

    Hör einfach mal rein und nimm den Spirit mit in deinen Alltag.

    https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_lIRum…

    Mitten in Musik und Gedanken hinein, schreibt mein Schwiegersohn, er holt Hilde und mich zu einem Spaziergang ab. Wir würden jetzt die Lücke zwischen dem letzten kleinen Baum und dem nächsten dicken Baum schließen.

    Sie waren schon mit ihrem Hund im Wald. Die ersten fünfzig Meter sind schwer. Da tut der Rücken noch nicht weh, aber die Knie sind steif. Hilde erwischt eine Spur, zum Glück an der Leine, die zu halten schwer ist, weil sie Kraft hat.

    Krebs und Kraft schließen sich eigentlich aus, aber bei Hilde nicht. Sie grinst übers ganze Gesicht, sowas macht ihr besonders Spaß. Zehn Minuten lang ist der Geruch hoch aktuell. Uns folgen zwei Wanderer. Schweres Gepäck, heute fünfundvierzig Kilometer. Morgen nochmal, dann hätten sie ihr Ziel erreicht.

    Der Storch fliegt über unsere Schulter, gerade eben über die Spitzen der Bäume. So elegant, wie er den Wind ausnutzt. Wunderschön anzuschauen. Der Himmel ein Potpourri von Wolken und Blau, Sonne und Weite.

    Manchmal mache ich mir ein paar Gedanken, was über den Juni hinaus gehen könnte. Ganz vorsichtig, keine Tagträume, lediglich einige Flusen wie Schneegestöber oder Blütenstaub.

    Tag für Tag, Stunde um Stunde. "Sei heute achtsam darauf, wie jetzt in der Frühlingszeit das Leben neu aufkeimt und aufblüht. Das Lebendige hat Kraft in sich, allen Widerständen zum Trotz." (Anselm Grün)
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    PILGRIMAGE INTO LIFE
    Day 3,607
    May 14, 2026
    Calvörde

    While we are still lying in the bus, listening to the raindrops—which are drumming quite heavily against the roof—the family, along with their dog Cronos, rushes back inside; a sudden downpour caught them right in the middle of their walk.

    Hilde doesn't feel like getting up either, so I feed her her medicine; and since she refuses to drink plain water, I mix some Ayran into it today. Yes, that hits the spot. With her belly full—and free from both the rain and Dad—she wanders through the cover crops, where she seems to feel completely undisturbed.

    Perhaps the cool, damp grass against her belly also provides a welcome refreshment. After all, we living creatures sometimes do the right thing purely by intuition. Back inside the bus, she works on her bone for a moment, but then, quite suddenly, a wave of exhaustion washes over the "little mouse." And since the bedding is still laid out, lying down feels incredibly comfortable.

    At eleven o'clock, the family stops by and rouses me from my lethargy with an offer of a walk. In the end, I can say it went well; I enjoyed some pleasant conversation, and—fortunately—the rain held off, with the dark clouds having been chased away by the sunshine.

    I shared an episode from my life with one of those lovely people who enjoy chatting with me, and I dug out two photos to show what I looked like around 1980, when I was about thirty years old.

    The picture by the river was taken at two in the morning on the Finnish-Swedish border river; the other was taken in the Netherlands. I figured that since I had already gone to the trouble of digging them out, I might as well share them publicly.

    I found the biggest marrow bone I could get my hands on for Hilde. Her approach to it is quite boisterous—especially when she slams it down onto the pallet and shoves it back and forth. Eventually, she gets so exhausted that she lies back down to sleep.

    My daughter surprises me with a plate deliciously piled high with mashed potatoes, spinach, and scrambled eggs. I am deeply grateful to her for the way she looks after me every now and then.

    Right in the middle of a rain shower—just before the sun breaks through again—there are two violent claps of thunder; they came and went so quickly, it seems, that even the weather app failed to pick them up.

    However, Hilde got quite a fright and needs some time to slowly compose herself again. And here we were, both just about to take an afternoon nap.

    This marks my ninth day staying with my daughter—the ninth day in one place, the ninth day without traveling. I try to avoid dwelling on what this is doing to me, so as not to jeopardize the inner equilibrium I have managed to build.

    Yet I can already feel my motivation waning—my drive to simply and non-judgmentally take in all the possibilities surrounding me. I feel constantly cold whenever I think about stepping outside, even though the sun is shining so beautifully. The books stare at me with vacant eyes; I *could* read, but I just don't feel motivated to do so.

    Ultimately, I force myself to move—to actively counter these feelings, to simply deny them any room to take hold. The earliest possible date for repairs is May 22nd, though in all likelihood, it won't actually happen until after Pentecost.

    The most important thing is that I approach each day with a positive attitude, refusing to speak of this as "lost time"—time I could otherwise have spent out on the road. A young woman I know personally wrote to me today (and I hope she won't mind me sharing her words here):
    "It is truly wonderful how positive you remain, and how you experience and cherish all the beautiful little things around you. We have so much to learn from that."

    I’m glad to hear that, but I also know that it is important to know one’s own abyss—to find the courage within oneself to fight against it. It isn’t grand goals, but rather the small steps that keep us alive.

    Music with a fighting spirit—like that of Beluga Lagoon (a tip I actually got from another young woman)—helps me in this regard. We are learning that we can enrich one another if we live together with open hearts.

    Just give it a listen and carry that spirit with you into your daily life.

    https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_lIRum…

    Right in the midst of the music and my thoughts, my son-in-law texts to say he’s coming to pick up Hilde and me for a walk. He says we’re going to close the gap between the last small tree and the next big one.

    They had already been out in the woods with their dog. The first fifty meters are tough. My back doesn’t hurt yet, but my knees are stiff. Hilde catches a scent—luckily she’s on a leash, though holding onto her is a challenge because she’s so strong.

    Cancer and strength are usually mutually exclusive, but not in Hilde’s case. She’s grinning from ear to ear; that kind of thing is her absolute favorite. For ten minutes straight, that scent is the most important thing in the world to her. Two hikers are following us. Heavy packs; they’re covering forty-five kilometers today. Another forty-five tomorrow, and they will have reached their goal.

    The stork flies over our shoulders, just skimming the treetops. How elegantly he harnesses the wind—a truly beautiful sight. The sky is a potpourri of clouds and blue, of sunshine and vastness.

    Sometimes I find myself pondering—ever so gently—what might lie beyond June. No daydreams, mind you; merely a few wisps, like drifting snowflakes or pollen dust.

    Day after day, hour after hour. "Be mindful today of how, in this springtime season, life is newly sprouting and blossoming. Life itself holds a power within it—defying all resistance." (Anselm Grün)
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