• Dülmen

    Jun 22–23 in Germany ⋅ ☁️ 28 °C

    (English Version Below)

    AUSFLUG INS GRÜNE
    Tag 3.646
    22/06/2026
    Dülmen

    Beim Spaziergang hat Hilde eine Spur, so vermute ich, denn einen Hasen sehe ich nicht. Ich habe die Leine losgelassen, weil es gestern völlig unproblematisch war.

    Zum Glück nur Wiesen und weit genug von den Kühen entfernt. Irgendwann dreht sie um, rennt aber den Weg zurück von mir weg. Erst als sie mal zu mir rüber schaut, und ich mit Rufen und Signalen der Hände, wie ein Schiffbrüchiger auf ner Insel einem Flugzeug zuwinkt, ihre Aufmerksamkeit errege, läuft sie mir entgegen.

    Und ich bin froh. Heute ist alles besser. Gestern war es anders, auch wenn alles vielleicht nur ein Gefühl ist, hat es trotzdem eine tiefe Wunde in mir hinterlassen. Wie in Wellen kommt meine Vergangenheit in unterschiedlichen Zeitepochen in meine Gegenwart gebrochen, und ich erkenne einen roten Faden, einen kausalen Zusammenhang.

    Manchmal fragen mich Menschen nach dem Grund meiner Reise, und jede Antwort decken einen Teil der Wahrheit auf, jede erfüllt in ihrer Zeit den Sinn meiner emotionalen Erfahrungen.

    Und nein, es ist keine Flucht, dazu bin ich einfach zu alt, als dass ich - selbst vor der Vergangenheit - fortlaufen müsste. Aber es ist ein Schutz für meine eigenen Schwächen des Charakters.

    Und natürlich muss es einen Grund geben, dass ich nur mit Hilde lebe, obwohl ich mir durchaus manchmal eine andere Lebenssituation vorstellen kann.

    Aber letztendlich geht es mir ohne eine Lebensgefährtin besser, als es je zuvor in den Partnerschaften möglich war. Ich genieße die Gemeinschaft mit anderen Menschen, besonders mit Frauen, und auch auf gemeinsamen Reisen, weil der gegenseitige Respekt und die notwendige, durchaus liebevolle Distanz jedem ein großes Maß an Freiheit gewährt.

    Das Schreiben hat mich erstmal ermüdet, zumal es mir gesundheitlich nicht gut geht. Ich habe einen Pickel am Kopf überm rechten Ohr, den ich mit einem Tuch voll Wundspray behandele. Trotzdem schmerzt das Liegen, weil ich auf dieser Seite schlafe. Ich habe Beschwerden beim Schlucken, die Lymphdrüse rechts ist geschwollen, was ja ein aktives Zeichen der Bekämpfung eines Infektes ist.

    Die linke Körperhälfte ist schmerzfrei, und selbst wenn der Rücken sich meldet, ist es rechts. Also auf der herzlosen Seite des Menschen. Demnach könnte die Seele rechts angesiedelt sein. Das ist natürlich nur haltloses Geschwafel, denn mir fehlt jegliches Wissen in diesem Bereich.

    Mittags fahren wir nach Haltern, wo wir fünf Stunden später nach dreihundert Kilometern ankommen. Alex erneuert die defekten Querlenker, und neunzig Minuten später begeben wir uns auf die Suche nach einem Spazierweg und dem Schlafplatz für die Nacht.

    Durchs Dülmener Tor fahren wir in die Stadt und stehen mit der Seitentür vor einer grünen Wand aus Kastanien und so einem dornigen Gestrüpp, in dem die Mücken herumsurren, sodass ich immer nur einen Moment Frischluft reinlassen kann.

    Hilde liegt bei den Pedalen und atmet ruhig.
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    OUTING IN THE COUNTRYSIDE
    Day 3,646
    June 22, 2026
    Dülmen

    During our walk, Hilde picks up a scent—or so I assume, since I don’t see a hare. I’ve let her off the leash because it went perfectly smoothly yesterday.

    Fortunately, there are only meadows here, and we are far enough away from the cows. At one point she turns around, but runs back along the path away from me. Only when she glances my way—and I manage to catch her attention by calling out and using hand signals, waving like a castaway on an island trying to flag down a plane—does she run toward me.

    And I am relieved. Things are better today. Yesterday was different; even if it was perhaps just a feeling, it still left a deep wound inside me. My past, spanning different eras, comes crashing into my present in waves, and I recognize a common thread—a causal connection.

    Sometimes people ask me the reason for my journey; each answer reveals a part of the truth, and each, in its own time, gives meaning to my emotional experiences.

    And no, it is not an escape; I am simply too old to need to run away—even from the past. But it does serve as a safeguard against my own character flaws.

    And naturally, there must be a reason why I live only with Hilde, even though I can certainly imagine a different living situation at times.

    Ultimately, however, I am better off without a romantic partner than I ever was in my past relationships. I enjoy the company of others—especially women, and sharing trips with them—because mutual respect and a necessary, yet affectionate, distance allow everyone a great deal of freedom.

    Writing has tired me out for the moment, especially since I am not in good health. I have a sore on my head above my right ear that I am treating with a cloth soaked in antiseptic spray. Even so, lying down is painful because I sleep on that side. I am having trouble swallowing, and the lymph node on the right is swollen—a clear sign that my body is actively fighting an infection.

    The left side of my body is pain-free, and even when my back acts up, it’s on the right—the heartless side of a person. That might suggest the soul is located on the right. Of course, that’s just baseless rambling, since I lack any knowledge in this area.

    At midday, we drive to Haltern, arriving five hours and three hundred kilometers later. Alex replaces the faulty control arms, and ninety minutes later, we set out to find a walking path and a place to spend the night.

    We drive into town through the Dülmen Gate and park with the side door facing a green wall of chestnut trees and thorny undergrowth; mosquitoes are buzzing about, so I can only let in a breath of fresh air for a moment at a time.

    Hilde is lying by the pedals, breathing calmly.
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