• Alles was das Herz begehrt

    June 10 in Germany ⋅ ☁️ 18 °C

    Liebes Tagebuch, heute morgen war ich etwas verknittert. Mein Schlaf war tief und fest. Ich wollte gestern noch meinen Footprint hochladen und bin dabei wohl einfach eingeschlafen. 😅
    Robin muss zur Arbeit und ich mache mich langsam fertig. Wir verabschieden uns. Danke 🙏. Bevor es weitergeht muss ich noch zu Rewe, Rossmann und in einen Outddorladen (Zeckenmittel kaufen). Erste beiden sind schnell abgehakt, aber auf dem Weg zum "Unterwegs" gehe ich über den Markt und ein Taco Wagen erregt meine Aufmerksamkeit. Da muss ich essen. Die Karte ist vielversprechend. Nur Tacos. Leider sind sie noch nicht soweit. "Eine halbe Stunde noch." Ok. Ich komme wieder. Also erstmal den Shopping Trip beenden. Ich bin der erste Kunde und äussere gleich mein Begehren. Zeckenmittel. Der Verkäufer will gerade ausholen, um mir das Sortiment zu zeigen. "Deet! Ich brauche Deet!" Er greift ins Regal. "50% Deet ist alles was ich dir legal verkaufen kann." Ich frage ihn ob er evtl noch was unter der Ladentheke hat. Er muss lachen.
    Eigentlich meide ich diese Chemiekeule wo es geht, da sie in hoher Konzentration sogar manchen Kunststoff auflösen kann. Aber es ist einfach das wirksamste Mittel gegen diese Mistviecher. Her damit. Die Familienpackung, bitte!
    Der andere Verkäufer fragt mich, ob ich auf dem NST unterwegs bin und Robin kenne. Beides kann ich mit "Ja" beantworten. Wir quatschen ein bisschen aber dann muss ich los. Die Tacos warten. Also zurück zum Markt. Ich bestelle erstmal zwei zum Testen. Köstlich. Authentisch. Nochmal zwei bitte. 😅 Rein in den Leib. Tacos, ach Tacos. Ihr leckereren Happen.
    Ich muss weiter. Ab zur Bahnhaltestelle. Und ja, heute fährt sie. Ein Glück. So einen Quatsch wie gestern brauche ich nicht nochmal. Trotzdem sind die Strassen völlig verstopft. Wenn das Doktor Helmut Kohl wüsste, was aus seiner prächtigen Hauptstadt a.D. geworden ist. Marode Brücken, kaputte Schienen. Mit dem Song "Bonn Duell" von Canalterror warte ich auf die Bahn. 😅
    Die Fahrt dauert eine halbe Stunde. In Königswinter steige ich in die Drachenbahn um und lasse mich gemütlich zurück zum Trail fahren. Es ist fast halb eins, bevor ich meinen ersten Schritt mache. Es geht rauf zur Ruine Drachenfels. Die Aussicht ist mal wieder bombastisch. Steil geht es den Hang hinab und mir kommen einige Grüppchen entgegen. Völlig ausser Atem. Eine ältere Frau hängt über einem Geländer. Sie ringt mit sich. Ich frage ob alles ok ist. Ja. Da sie noch Begleitung hat gehe ich weiter. Also hier hoch will ich auch nicht... Kaum unten angekommen geht es auch für mich wieder steil bergauf. Hoch zur Ruine Löwenburg. Es ist ein Fest. Wunderbare Wege schlängeln sich am Hang den Berg hoch. Genau das!
    Der Schweiss läuft. Mein Körper entgiftet sich wohl nebenbei von den paar Kölsch gestern Abend. Das Siebengebirge mit seinen tiefen Tälern und schönen Buchenwäldern lenken mich gut vom langen Anstieg ab. Die Ruine selbst gebe ich mir nicht. Ich möchte heute noch ein wenig was schaffen. Leider geht es jetzt auf breiten Forstwegen bergab. Was heisst leider. Die Natur ist immer noch wunderschön. Ja und dann? Was dann wohl? Genau. Es geht wieder bergauf. Der nächste Anstieg ist leider etwas zäh, da der Weg breit ist und man schon weit vor sich die Steigungen sehen kann. Hilft ja nichts. Gut drei Kilometer geht es bergauf, bevor ich "Das Auge Gottes" erreiche. Ein kleiner Schrein an einer Kreuzung. Es sieht wohl alles, laut der Inschrift. Joa, also puh, das tut mir leid was es da bei mir alles schon sehen musste. 😅 Muss ja nicht gucken.
    So lang wie der Aufstieg, so lang ist der Abstieg. Wieder ganz famose Wege. Das schöne, die Singletrails sind meist nicht so zugewachsen. Hier ist offenbar mehr los. Und so sehe ich nur eine Zecke. Einsam hängt sie an einem Grashalm, das blöde Vieh. Na willste mal probieren? Ich biete ihr mein Bein an. Sie nimmt den Köder und ärgert sich zwei Sekunden später. Das Deet scheint zu wirken und sie weiss nicht wohin und lässt sich fallen. Hahaha. Nimm das. 🖕Vielleicht auch nur Zufall. Wer weiss. Ich gucke trotzdem ständig meine Beine ab. Die nächsten Kilometer sind ein Genuss. Ich bin im flow. Am Horizont ziehen Wolken auf. Als ich das Gut Haanhof passiere fängt es leicht an zu tröpfeln. Es hat sich auch merklich abgekühlt. Ja mir ist sogar fast etwas frisch. Mich erreicht eine Nachricht von Albhiker. Er und der Wanderschmied wollen 12km von mir an einer Grillhütte pennen. Man kann sich Pizza dort hinliefern lassen. Die Versuchung ist groß durchzuziehen, aber dann würde ich frühestens um zehn ankommen. Uff. Ich vertage eine Entscheidendung auf später. Erstmal gucke ich mir die Hütte 245 an, die nicht mehr weit entfernt ist. Es geht nochmal kräftig bergauf und ich erreiche Orsberg. Am Weg steht ein Kühlschrank mit Getränken für durstige Wanderer auf Vertrauensbasis. Ich gönne mir eine Apfelschorle, aber dann fängt es plötzlich ziemlich doll an zu regnen. Schirm raus. Unterstellen. Es wird schnell weniger. Angeblich gibt es im Ort einen Brunnen aus dem ich mir Wasser filtern will. Leider muss ich feststellen, dass das Wasser abgestellt wurde. Mist. Also irgendeinen Anwohner fragen, ob sie mir mein Wasser auffüllen. In einer Garage rumpelt es. Das Tor ist oben und ein Mann schraubt an einem Moped. Ich erzähle ihm von meiner Not und er bietet mir sogar Sprudel an. Ich lehne dankend ab. Leitungswasser genügt. Meinen Plan aus dem Brunnen zu saufen hält er für lebensmüde. Er wünscht mir einen guten Weg. Der Regen setzt wieder ein. Aber nur leichter Niesel. Die Hütte ist nur ein paar hundert Meter von der kleinen Ortschaft entfernt. Ein paar Leute gehen Gassi. Ansonsten wirkt alles sehr friedlich hier. Kein Müll. Keine Schmierereien. Hier werde ich bleiben und nicht noch die sieben Kilometer durchkloppen. Es ist schon fast acht und dank der Höhenmeter bin ich nach 26 Kilometern auch ganz gut im Sack. Ich gebe den anderen kurz bescheid. Hoffentlich bekommen sie ihre Pizza. Der Regen hört langsam auf, aber es ist echt kalt. Ich ziehe mir meine wenigen Kleidungsstücke an, bevor ich auskühle und lass den Körper mit etwas Nahrung arbeiten und Wärme erzeugen. Zeit den Tag zu reflektieren. Ich hatte Tacos und es ging hoch und runter. Schöne Aussichten. Keine Wehwechen (nur Phoenix vermisse ich). Alles was das Herz begehrt.
    Es scheint ein ruhiger Abend zu werden, liebes Tagebuch. Falls sich daran etwas ändert wirst du es morgen erfahren.
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