• Vom Fährtenlesen und einem Fass

    June 11 in Germany ⋅ ☁️ 18 °C

    Liebes Tagebuch. Nachdem die Füchse mir einen Besuch abgestattet hatten verlief die Nacht ohne weitere Zwischenfälle. Gegen halb sieben war ich endlich abreisebereit. Ich hatte mich etwas geziert aufzustehen, denn es war wirklich sehr frisch und unter meiner Decke sehr gemütlich warm.
    Das erste Highlight war die nahegelegene Erpeler Ley. Der Ausblick war anders spektakulär als erwartet. Statt Weitsicht zogen dicke Nebelschleier am Hang hoch und verwandelten alles in einen undurchsichtigen Dunst, der hier uns da mal aufbrach und kleine Details in der Ferne offenbarte. Weiter ging es über Stock und Stein nach Linz. Schnell alles nötige für den Tag einkauft und auf der Supermarkt Toilette etwas frisch gemacht und Ballast abgeworfen. In der Altstadt war noch tote Hose, aber ein paar schicke Häuschen gab es hier.
    Natürlich ging es nun mal wieder steil bergauf und durch den gestrigen Regen war alles extrem matschig und rutschig. Ich erreichte eine Grillhütte und mein Trapperinstinkt sagte mir, dass hier gestern Pizza bestellt wurde von zwei hungrigen Hikern. Sie waren nicht zu sehen und hatten ihre Spuren gut verwischt. Gut genug? Ihr Fährte der abgeknickten Grashalme und das Profil halbhoher Wanderschuhe führte mich nach Leubsdorf zu einer kleinen Bäckerei. Nur ein paar Krümel waren von ihrem Aufenthalt übrig geblieben. Ich verhörte die Bäckerin über ihren Verbleib, während sie mir netterweise mein Wasser auffüllte. Sie waren wohl kurz vor meiner Ankunft weitergezogen. Ich nahm die Verfolgung auf. Ein steiler Anstieg bremste mich ein wenig aus, aber als es durch Felder wieder hinunter ging sah ich sie hinter einer Kurve verschwinden. An der nächsten Aussicht konnte ich sie stellen: Wanderschmied und Albhiker. Unsere Begrüßung wurde jedoch schnell durch einen heftigen Regenschauer unterbrochen. Schnell die Rüstung anlegen. Wir stapften zusammen den Hang hinunter zum Schloss Arensfels. Der Regen hörte auf und bei Kaffee und Kuchen plauderten wir ein wenig im Garten des Schlosscafes. Es tat gut mal nicht alleine unterwegs zu sein und nicht nur mit mir selbst in meinem Kopf zu reden. Wir machten uns wieder auf den Weg und die Achterbahnfahrt ging weiter. Seit dem Siebengebirge waren die Anstiege nicht mehr so lang, aber häufiger. Das ständige auf und ab frisst natürlich Energie, die wir bei einer Pause am der Rheinbrohler Ley wieder auffüllen konnten. In der Hütte war eine Familie, die ein Picknick machte und sie boten uns sehr leckere Nüsschen aus Afghanistan an. Sehr salzig und mit einer säuerlichen Zitrusnote, ähnlich wie Sumac, aber doch anders.
    An der Ley trennten sich erstmal unsere Wege. Die beiden wollten zu einer Hütte. Ich in eine Unterkunft, da ich Akkus laden, Duschen und der Regenfront, die auf uns zu kam, aus dem Wege gehen wollte. Und ich war kaputt. Aber eine Unterkunft zu kriegen war gar nicht so einfach. Ich telefonierte jede Pension ab, aber es ging niemand nirgendwo dran. Komisch. Dann erreichte ich jemanden. "Ja. Also das Einzelzimmer können sie kriegen, aber ich weiss nicht, vielleicht ist es belegt. Da muss ich mal meinen Mann fragen. Also nicht das sie umsonst kommen, weil das Zimmer doch belegt ist. Ich rufe sie zurück." Aha. Meine letzte Hoffnung war ein Campingplatz. Haben die zufällig...? Ja das haben sie. Ein Schlaffass. Seit Jahren wollte ich schon immer mal in einem Fass schlafen. Das war meine Chance. War es frei ohne das irgendwer irgendwessen Mann fragen musste? Ja war es. Immerhin war das nun erledigt und ich machte mich auch an den Abstieg am Hang entlang, welcher von knochigen Eichen bewachsen war. Wie bildhübsch. Der Weg führte aus dem Wald an einem Weingut vorbei und von der Seite kamen plötzlich Rufe. Im Schatten des Hofes lungerte schwäbischer Hiker Trash und verköstigte sich am Kaffee. Den nächsten Anstiegt machten wir anschließend noch zusammen und dann musste ich Richtung Campingplatz abbiegen. Während ich zum Platz ging sah ich die beiden in den Weinbergen winken. 👋 Bis später.
    Kurz vor meinem Ziel fing es auch wieder an zu regnen. Gutes Timing. Ich konnte Fett riechen. Frittierfett. Und neben meinem Fass gab es auf dem Campingplatz auch eine Gaststätte, die aus allen Nähten platzte. Ich machte mich kurz frisch und landete unter einem Pavillon an einem Tisch mit einem älteren Pärchen aus Ostfriesland, die sofort ziemlich redselig waren und ich merkte schnell, dass sie das Herz am rechten Fleck hatten. Was folgte war eine ziemlich gute Unterhaltung, während wir uns unser Essen schmecken ließen. Ja und dann waren wir auch fast die letzten im Lokal.
    Die beiden bedankten sich ganz lieb für das Gespräch und das konnte ich nur erwidern.
    Es war Zeit ins Fass zu gehen. Welch gemütlich rundes Teil. Der Regen prasselte auf das Dach. Hier werde ich gut schlafen können.
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