Alles was nass macht
June 12 in Germany ⋅ ☁️ 17 °C
Liebes Tagebuch.
Die Nacht im Fass war ganz toll. Der Regen prasselte auf das Dach und ich wollte gar nicht aufstehen. Musste ich ja auch nicht. Also erstmal noch ne Runde gegammelt, gefrühstückt und geduscht. So verging die Zeit. Gegen halb zehn wurde der Regen weniger. Das war mein Startschuss. Es ging hoch in die Weinberge und der Regen fing wieder an zu prasseln und sollte so schnell nicht wieder aufhören. Zum Glück war der Weg heute mal so gar nicht gepflegt. Alles zugewachsen und verwildert. Hohes Gras, Brennnesseln und Dornen. Im Handumdrehen waren meine Schuhe und Socken völlig mit Wasser gesättigt, die Beine brannten. Quitsch quatsch machten sie beim Gehen. An der Hütte 258 stand ein Kreuz und eine Gedenktafel. Hier war Radusel auf seiner NST Wanderung verstorben. Ich kannte ihn nicht, aber es nahm mich doch ziemlich mit und machte nachdenklich. Mir kamen die Tränen. Koste jeden Moment aus. Schieb nichts auf. Lebe! Nicht morgen. Jetzt. Es ist gut an die Zukunft zu denken, aber dabei sollte man die Gegenwart nicht vergessen. Der Regen unterstützte die trübe Stimmung. Der heutige Tag ist für dich, Radusel. Ein Stück, welches du nicht mehr selber gehen konntest.
Ich kam nur langsam voran. Nach zwei Stunden hatte ich gerade mal 6km geschafft. Dazu gab es eine kleine Kraxelpassage. Nichts lebensbedrohliches, aber auf den nassen Steinen musste ich schon aufpassen wo ich meinen Fuß absetzte. Stahlseile gaben mir Sicherheit.
An einer Hütte machte ich eine kleine Pause und versuchte Socken, Schuhe und Einlagen irgendwie trockener zu bekommen, denn die Sonne kam kurz raus. Vergeblich. Es gibt doch kaum ekligere Dinge als klatschnasse Zehensocken wieder an die Füße zu bekommen. Kaum wieder unterwegs setzte der Regen erneut ein. Dafür wurde der Weg etwas besser. Trotzdem die reinste Rutschpartie. Mir kam ein Mann mit zwei Hunden entgegen. Und eine Katze. Ich erkundigte mich, ob die Katze auch mit Gassi geht. Ja, war die Antwort. Wie niedlich das aussah. Sie tapste hinter den Hunden her, den Kopf stolz gehoben. Ich schlitterte weiter durch den Matsch. Natürlich ging es rauf und runter, aber heute war es eher hügelig und nicht so kräftezehrend. Aussichten gab es nur wenige bzw wurden sie durch die riesige Regenwolke, die sich im Neuwieder Becken festgesetzt hatte, verdeckt. Ich machte noch eine Pause, um wenigstens für ein paar Minuten die Füsse aus den nassen Schuhen zu bekommen. Ganz schrumpelig waren sie. Haut löste sich ab. Kein schöner Anblick und schon gar kein schöner Geruch. Weiter ging es durch tiefe Täler, die sich durch den Buchenwald schnitten, immer stetig bergauf gen Rengsdorf. An einen Viehverschlag wartete eine weitere Katze auf mich. Sie mauzte und folgte mir den Weg entlang. Erst als ich ihr gehörig den Kopf gekrault hatte ließ sie mich weiterziehen. Wie gerne hätte ich sie mit auf die Wanderung genommen. Kurz vor Rengsdorf wurde es nochmal richtig steil und der Schweiss durchnässte mich zusätzlich. Alles klebte und war klamm. Überall an mir Dreck und Unrat. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es die folgenden Tage angeblich wieder schöner werden sollte.
Bevor es zur auserkorenen Hütte ging musste ich noch einkaufen. Ja und wer saß dort beim Bäcker? Genau. Albhiker und Wanderschmied. Ich gesellte mich mit einer Tasse Kaffee dazu und war beruhigt, dass sie den ersten Abschnitt heute morgen auch fürchterlich fanden. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ich machte meine Besorgungen und brachte für jeden eine Dose Bier mit. Von innen musste ich auch noch nass werden. Wenn schon denn schon. Wir packten unsere Sachen und machten ins auf den kurzen Weg zur Hütte. Sie war perfekt. Riesig, trocken und nicht gut einsehbar. Es war Zeit aus den nassen Schuhen zu kommen. Oh welch schönes Gefühl trockene Socken verursachen können. Aus dem Supermarkt hatte ich mir Gemüsebeutel aus Plastik mitgenommen. Mit ihnen über den Socken konnte ich immerhin wieder in meine Schuhe. Es war Zeit fürs Abendessen. Meinen Couscous peppte ich mit einer frischen Limette und Gurke auf. Sollte ich öfters mal machen. So langsam kriege ich schon ganz passable Cold Soaking Mahlzeiten zusammengepampt. Es fehlte nur Koriander, der leider ausverkauft war.
Bei Bierchen, Süßigkeiten und Gequassel ließen wir den Abend ausklingen. Der Regen machte weiter sein Ding.Read more



























TravelerAlles dabei heute, Nässe, Wehmut, Trauer, Katzentrost, auch Freude und zum Glück Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Habt eine gute Nacht. ✨️
Traveler
Sieht aus wie Gletscher am Horizont
TravelerDas ist der Everest. Bin falsch abgebogen. ☺️