• Viel Licht und ein großer Schatten

    June 13 in Germany ⋅ ⛅ 22 °C

    Liebes Tagebuch.
    Ich hatte mir gestern keinen Wecker gestellt. Einfach mal gucken wann mein Körper so los möchte. Kurz vor sechs war ich wach. 😅 Der Blick aus der Hütte machte mich hellwach. Blauer Himmel. Meine Beine zuckten. Sie wollten gehen. Also rein in die immer noch feuchten Socken und Schuhe. Schnell gefrühstückt und nebenbei alles möglichst leise eingepackt. Die anderen beiden waren noch am ratzen. Wer war jetzt der Schwabe? Sie bauten ihre Häusle noch im Traum. Ich musste sie letztendlich doch wecken, denn ich wollte noch Tschüss sagen, weil ich nicht wusste ob ich sie heute nochmals sehen würde. Ihr seid ein duftes Team.
    War super mit euch und man sieht sich bestimmt wieder.
    Was der Tag wohl bringen würde? Nach ca 20 Minuten das erste Highlight. Mein Darm meldete sich urplötzlich und heftig mit Bedürfnis 2. Ungünstig. Rechts und links nichts zum reinhuschen. Nur Hang und ein Bach. Etwas panisch machte ich mich auf die Suche. Da, ein Waldweg führte den Hang hinauf. Rauf da. Es wurde eng. Da ein Hochsitz und etwas weitläufigeres Gebüsch dahinter. Was war denn das? Da stand der erste Steinpilz für sie Saison. Jetzt hatte ich die Wahl. Ein Foto machen oder ein Unglück riskieren. Hätte ich mich zum Pilz gebückt... na du kannst es dir schon denken, liebes Tagebuch. Ich schlug mich ins Gebüsch, die Schaufel schon bereit zum buddeln. Eine Zecke machte sich an mir hoch. Arghhhhhhh. Ich muss kacken. Keine Zeit für eine Blutabnahme. Hinfort. Erdreich wurde hastig ausgehoben und dann... das war knapp. Was soll ich sagen? Auch das ist eine Fernwanderung oder eine Möglichkeit eins mit der Natur zu werden.
    Erleichtert konnte ich mich nun auf das konzentrieren was folgte: wundervolle Pfade. Und viel Matsch. Die Vögel sangen mir ein Konzert und ich flog dahin. Dann kamen ein paar Forstwege hinzu, welche sich noch leichter gingen. Vorbei am Zoo Neuwied (ein trauriges Gelände) und gen Sayn. Rentner bevölkerten das Schloss und den Park. Es ging hoch zur Burg und immer weiter hinauf. Dann hinab ins Brexbachtal. Traumhaft schlängelte sich der Pfad am Hang hinunter nur um dann steil auf der anderen Seite wieder empor zu klettern. Die Höhenmeter gingen sich in dieser Umgebung von alleine. Ich erreichte den Gasthof Meisenhof. Eigentlich war mein Plan hier ein alkoholfreies Weizen zu zischen, aber der Plan wurde jäh durch einen wild bellenden schwarzen Hund, der mit der Leine am Hals, aus dem Gasthof auf mich zu lief verworfen. Aus einer Seitentür schrie jemand. "Kommst du hier her!" Den Hund kann er nicht gemeint haben, denn der zog seine Kreise um mich und bellte. Hinter dem Mann erschien eine Frau und lief auf den Hund zu und bekam ihn dann endlich zu fassen. "Komm her!" brüllte sie den Hund an. Zu mir sagte sie nichts. Dann musste ich wohl was sagen: "Gehören sie hier zur Wirtschaft?"
    "Ja, aber wir haben noch nicht offen."
    "Kein Problem. Ich trinke mein Bier jetzt eh lieber wo anders!" 🖕
    Der Weg nach Vallendal war dann eher unspektakulär. Durch Felder und unter der Autobahn durch ging es ins Tal. Ich kam zu der Hütte in der die beiden anderen nächtigen wollten. Ein wirklich schöner Platz. Aber es war erst kurz nach zwei. Das war noch zu viel Tag und meine Beine waren geil auf Kilometer und mein Kopf auf das grandiose Wetter. Gestern war vergessen.
    Von Vallendal ging es erst auf Forstwegen und dann durch Siedlungen hoch zur Festung Ehrenbreitstein. Kein schöner Weg. Aber anstrengend. Ich war wohl nun quasi in Koblenz angekommen. An der Festung war die Hölle los. Ich war hier schonmal und somit beschränkte ich mich auf das Moselblick Plateau. Hier standen die Menschen Schlange für ein Selfie mit dem Dreiländereck, obwohl die sich darauf gar nicht so gut war. 😅
    Ich musste hier weg. In den Massen suchte ich den Trail und fand ihn irgendwann. Er führte nun unterhalb der Festung lang hinunter zum Rhein. Aber statt abzusteigen ging der Weg durch Dornen super steil wieder hinauf. Abenteuerlich. Ich fühlte mich wie ein Spion, der sich einen geheimen Weg in die Burg suchte. Ich kam am Südtor raus und wusste nicht so recht wohin. Der Wegweiser zeigte auf eine Wand. Um die Ecke versteckte sich doch tatsächlich ein schmaler Treppengang, der durch die Mauer führte. Also man geht in der Mauer hinunter. Ja und plötzlich stand ich unten. Es war kurz nach fünf. Ich war 36km gegangen. Was nun? In Koblenz wollte ich nicht bleiben. Völlig absurde Preise für Unterkünfte. Die nächste Hütte, die mir gescheit vorkam war noch 10km entfernt und es sollte nur bergauf gehen. Etwas too much, wenn auch machbar, aber sein musste es nicht. Der Bahnhof war meine Rettung. Von hier konnte ich schnell in die Ortschaften entlang des Rheins kommen. In Neuwied fand ich eine billige Absteige in Bahnhofsnähe. 12 Minuten Fahrt? Duschen und nach 6 Tagen mal wieder Wäsche waschen. Go! Es verlief alles reibungslos. Das Hotel, etwas abgeranzt, aber sauber. Dann kam leider der absolute Tiefpunkt für heute. Mir war gerade noch eingefallen, dass morgen Sonntag war und ich unbedingt noch einkaufen musste. Auf dem Weg zum Supermarkt passierte es. Ein Paar mit Kleinkind an der Hand ging an einer Frau vorbei und ohne einen Grund schlug die dem Kind auf die Schulter. Schlug!!! Der Vater zog das Kind weg und die Mutter schrie hilflos "Warum das Kind schlagen?" Die Frau beleidigte die Mutter. Ich schritt ein und schrie die alte Pisstante an, dass sie gleich eins in ihre kranke Fresse kriegen würde, wenn sie sich nicht verpissen sollte. Sie ging rückwärts. Das Kind weinte. Zwei andere Passanten hielten geschockt die alte Pisstante von der Familie fern, die verängstigt weiter ging. Ich rief ihnen hinterher, ob sie die Polizei einschalten wollten. "Nein. Keine Polizei. Dann wir kriegen nur Probleme!" Offenbar fürchteten sie Behörden mehr als gewalttätige alte Pisstanten. Das machte mich wütend und traurig. Und Hilflos. Kein gutes Gefühl.
    Offenbar hatten sie Angst und ich wollte nicht über ihren Kopf hinweg entscheiden. Das einzige was ich tun konnte war ihnen zu sagen, dass es mir leid tat, dass sie sowas durchleben müssen. Da waren sie wieder. Diese kaputten Begegnungen und Situationen. Auch sie gehören, zumindest offenbar bei mir, zu einer Fernwanderung.
    Und nur um es mal klarzustellen, liebes Tagebuch, ich hätte der alten Pisstante keine in ihre kranke Fresse gehauen.
    Deprimiert machte ich meinen Einkauf im völlig heruntergekommen Supermarkt. Neuwied, ey.
    Anschließend kümmerte ich mich um meine Wäsche und um mich. 🧼🚿
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