• Kuschelkurs mit einer Klapperschlange 🐍

    13 maggio, Stati Uniti ⋅ 🌙 18 °C

    Mit einer Verspätung von zehn Minuten begann unser zweiter Tag um 5:30 Uhr. Eigentlich wollten wir um 5:00 Uhr aufstehen und spätestens um 5:20 Uhr loslaufen, aber uns beiden fehlt offenbar noch die Routine beim morgendlichen Zusammenpacken. Trotzdem war ich stolz darauf, dass wir überhaupt schon so früh unterwegs waren.

    Der Weg führte unterhalb des Big Hatchet entlang. einer wunderschönen Bergformation, mitten in der Wüste. Mit der Navigation hatten wir allerdings so unsere Schwierigkeiten. Teilweise liefen wir minutenlang off trail, nur um später wieder auf den eigentlichen Weg zu stoßen. Alles in allem verlief der Morgen aber ziemlich gut und wir kamen zügig voran, bis wir den etwa acht Meilen entfernten Water Cache erreichten.

    Dort trafen wir erneut das kanadische Pärchen, MK und Thanksgiving. Wir unterhielten uns eine Weile und gönnten uns eine längere Pause. Sie fragten uns, ob wir die Klapperschlangen gesehen hätten. Ich erzählte daraufhin, dass ich beinahe auf eine draufgetreten wäre. Lustigerweise war Thanksgiving fast auf dieselbe Schlange getreten. Ich glaube, wir hatten beide Glück. Vermutlich hatte die Schlange gerade eine Maus im Bauch und war deshalb nicht besonders angrifflustig.

    Nach der Pause schafften wir allerdings nur ungefähr zwei weitere Meilen, bis Brad völlig erschöpft war. Ich schlug vor, unter einem Baum Pause zu machen. Dort hatten wir tatsächlich eine ziemlich lustige Zeit und unterhielten uns gut. Nach etwa drei Stunden ging es gegen 14 Uhr weiter. Brad meinte, er sei wieder topfit, konsumierte noch ein paar Dope-Gummischlangen und rauchte Gras.

    Leider kam es dann genau so, wie ich es bereits vermutet hatte. Nach ungefähr zwanzig Minuten machte er an einem kleinen Hügel schlapp. Er meinte, ihm fehle einfach die Ausdauer und die Sonne mache ihn fertig, obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits bewölkt war. Für mich war irgendwie klar, dass Cannabis und Wandern, besonders in der Wüste, keine gute Kombination sind.

    Ich blieb zunächst bei ihm und wollte ihn unterstützen, hatte aber gleichzeitig das Gefühl, dass er lieber für sich sein wollte. Er sagte, dass er mich nur aufhalte und ich besser weiterlaufen solle, wenn ich den Trail in hundert Tagen schaffen wolle. Eigentlich hatte er das schon am Vortag gesagt. Schließlich vereinbarten wir, dass ich die etwa sechs Meilen bis zur nächsten Wasserquelle weiterlaufe und dort auf ihn warte.

    Ganz wohl war mir bei dem Gedanken nicht. Ich fragte ihn mehrfach, ob das wirklich okay für ihn sei und ob er sich körperlich in der Lage fühlte, den restlichen Weg alleine zu gehen. Er meinte, er brauche nur noch eine Pause und würde dann nachkommen.

    Während ich alleine unterwegs war, machte ich mir viele Gedanken. Sollte ich ohne ihn weiterlaufen? Oder lieber bei ihm bleiben? Dazu kam der immer stärker werdende Wind und die dunkler werdenden Wolken. Es sah ganz danach aus, als würde Regen kommen. Vielleicht sogar ein Gewitter.

    Super, dachte ich. Erst der Kampf mit der Einsamkeit — und jetzt auch noch Gewitter. Meine zwei größten Ängste auf dem Trail.

    Als ich bereits eine Weile am Water Cache saß, dachte ich irgendwann, dass ich Brad spätestens nach zwei Stunden entgegenlaufen würde. In der Zwischenzeit hatte ich uns einen Zeltplatz gesucht und mein Bidet ausprobiert, welches tatsächlich erstaunlich gut funktionierte. Jochen würde jetzt wahrscheinlich sagen: „Da ist untenrum dann alles schön frisch.“ 😁

    Nach ungefähr zwei Stunden schrieb ich Brad eine Nachricht, erhielt aber keine Antwort. Gerade als ich mich entschied, ihm entgegenzulaufen, raschelte es plötzlich hinter mir. Ich stand auf und ging dem Geräusch nach. Im nächsten Moment hörte ich ein bedrohliches Klappern.

    Eine Klapperschlange. Vielleicht zwanzig Zentimeter hinter mir!

    Ich bekam fast einen Herzinfarkt und sprang auf. Problematisch war nur: Meine Wanderstöcke, mein Rucksack, meine Schuhe und mein Wasserfilter lagen noch direkt neben ihr. Jeden Versuch, meine Sachen zurückzuholen, beantwortete die Schlange mit immer aggressiverem Klappern. Ich konnte mich ihr nicht einmal auf fünf Meter nähern, ohne dass sie komplett am Rad drehte.

    Also stand ich dort. Vierzig Minuten lang. In sicherem Abstand. Mitten in der Sonne. Bewacht von einer wütenden Klapperschlange, bis schließlich Brad auftauchte.

    Er war dehydriert und mental völlig fertig. Ich begrüßte ihn mit:
    „Ich bin froh, dich zu sehen. Wie geht’s dir?“

    Seine Antwort:
    „Ich hätte dich gerne zwei Meilen früher mit zwei Wasserflaschen in der Hand gesehen.“

    Er war angepisst. Verständlicherweise. Er war dehydriert. Und es tat mir auch leid. Ich hatte tatsächlich vorgehabt, ihm Wasser entgegenzubringen, aber diese verdammte Klapperschlange hatte mich einfach nicht durchgelassen.

    Natürlich hatte sich die Schlange genau in dem Moment verzogen, als Brad ankam.

    Ich gab ihm erstmal Elektrolyte und er trank fast zwei Liter Wasser. Anschließend zeigte ich ihm einen Platz für sein Zelt und wir unterhielten uns noch kurz. Er meinte, dass er generell wohl nicht mehr als zwanzig Meilen pro Tag schaffen würde und ich besser ohne ihn weiterlaufen solle. Wir vereinbarten aber, am nächsten Morgen nochmal in Ruhe darüber zu sprechen.

    Der Sonnenuntergang war dafür absolut genial.

    Neben dem starken Wind und meiner Angst vor einem Gewitter plagte mich an diesem Abend vor allem mein schlechtes Gewissen… Wäre ich doch einfach früher mit Wasser zurückgelaufen.
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