• Estnisches Nationalmuseum in Tartu

    5 hours ago in Estonia ⋅ ☁️ 20 °C

    Eigentlich hatte der Wetterbericht für heute Regen angekündigt. Deshalb entschieden wir uns bereits vor einigen Tagen für einen Besuch im Estnischen Nationalmuseum in Tartu. Doch statt grauer Wolken erwarteten uns strahlender Sonnenschein, ein angenehm warmer Wind und frühlingshafte 20 Grad Aussentemperatur. Trotzdem hielten wir an unserem Plan fest – zum Glück.

    Schon von aussen beeindruckt das Estnische Nationalmuseum, kurz ERM genannt. Es wurde auf dem ehemaligen sowjetischen Flugfeld Raadi errichtet und die moderne Architektur integriert sich eindrucksvoll in die frühere Start- und Landebahn. Kostenlose Parkplätze stehen direkt vor dem Museum zur Verfügung und bei unserem Besuch waren genügend Plätze frei.

    Im Inneren begeistert das Museum sofort mit seiner modernen und durchdachten Gestaltung. Bereits beim Ticketkauf wird die gewünschte Sprache hinterlegt. An allen Bildschirmen genügt ein kurzer Scan des Tickets und sämtliche Informationen erscheinen automatisch in der ausgewählten Sprache – ein tolles System.

    Die Dauerausstellung „Encounters“ nimmt uns mit auf eine faszinierende Reise durch die estnische Geschichte und das Alltagsleben vom 13. Jahrhundert bis heute. Drei Stunden verbringen wir im Museum und werden regelrecht überflutet von spannenden Informationen, eindrucksvollen Exponaten und multimedialen Installationen. Auch die Sonderausstellung über das Färben von Stoffen zieht uns völlig in ihren Bann.

    Besonders beeindruckend finden wir den digitalen Fortschritt Estlands:

    * Seit dem Jahr 2000 laufen Kabinettssitzungen papierlos ab.
    * Seit 2007 kann online gewählt werden.
    * Seit 2014 besitzen die Esten eine digitale e-ID.
    * 94 % aller Steuererklärungen werden online eingereicht.
    * Mehr als die Hälfte der Bevölkerung erledigt ihre Bankgeschäfte per E-Banking.

    Davon können selbst wir Schweizer vielerorts noch träumen.

    Ein weiterer wichtiger Teil der Ausstellung widmet sich der Sowjetzeit und der Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Besonders bewegend ist die Darstellung des „Baltischen Weges“ vom 23. August 1989. Damals bildeten rund zwei Millionen Menschen aus Estland, Lettland und Litauen eine etwa 670 Kilometer lange Menschenkette von Tallinn über Riga bis nach Vilnius. Die friedliche Aktion wurde zu einem Symbol der „Singenden Revolution“, die letztlich zur Unabhängigkeit der baltischen Staaten führte. Auf historischen Filmaufnahmen im Museum kann man die beeindruckenden Szenen noch heute erleben – vielleicht erkennt sich sogar der eine oder andere Besucher selbst darauf wieder.

    Natürlich kommt auch die traditionelle Kultur Estlands nicht zu kurz. Das Museum widmet dem Leben auf dem Land viel Raum und zeigt spannende Einblicke in Kochen, Handwerk, Trachten, Wollgewinnung und Leinenherstellung.

    Für uns steht fest: Dies ist das beste Museum, das wir je besucht haben. Wer im Baltikum unterwegs ist, sollte sich einen Besuch auf keinen Fall entgehen lassen.

    Nach drei Stunden sind unsere Köpfe allerdings randvoll mit Eindrücken und Informationen. Eigentlich wollten wir anschliessend noch einen Spaziergang durch Tartu machen, doch das verschieben wir auf unseren nächsten Besuch. Stattdessen verlassen wir die Stadt und machen uns auf die Suche nach einem ruhigen Übernachtungsplatz.
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