Pura Vida: Dinge und Radfahrer
October 12, 2015 in Chile
Wir haben unsere Ausrüstung während den zwei Jahren immer mehr abgespeckt. Doch es gibt Dinge, die das Radlerleben erheblich vereinfachen und auf die wir nicht verzichten können. Ein stabiles Zelt, ein guter Schlafsack, unser Kocher. Doch dann gibt es auch unscheinbare Gegenstände, die jahraus- jahrein ganz unspektakulär, aber zuverlässig ihren Dienst tun. Zum Beispiel unser Topfgriff. Er stammt noch aus dem Reisegepäck von Ivo's Eltern, ist schon fast vierzig Jahre im Einsatz und trotzdem hat er noch nie schlapp gemacht. Auf der Innenseite des Griffs steht der Markenname Marco. Darum heisst er für uns auch so. Tatsächlich passiert es, dass wir Marco an einem Morgen, nachdem wir wild gezeltet haben, vergessen einzupacken. Wir merken es erst am Abend, hundert Kilometer später. Der Wertverlust würde bloss fünf Franken betragen, doch Marco ist das einzige Reiseutensil, welches ohne Ersatz während insgesamt sechs Reisejahren und über 80'000 km unserer bisherigen Reisegeschichte immer dabei war. Sicher liegt er jetzt todtraurig und verlassen am Fluss. Wir sind uns einig: Wir müssen ihn holen. In drei Stunden trampen wir zurück – und er ist wirklich noch da. Welch ein Glück, Marco wird seine Reise mit uns fortsetzen!
Über den Paso Los Libertadores geht es von Mendoza zurück nach Chile. Um diese Jahreszeit sind die weiter nördlich und südlich liegenden Pässe noch geschlossen und auch diese Hauptverbindung wird oft willkürlich gesperrt, je nach Wetter oder politischer Laune. Wir hängen zwei Tage auf der Anfahrt fest und langsam staut sich ein beachtliches Radfahrergrüppchen. Als wir im Massenlager bei Puente del Inca übernachten, sind wir zu fünft. Ein französisches Pärchen, das von Kolumbien bis Ushuaia radelt, mit gesponserter Ausrüstung und aufgedruckten Reiselogos auf den Klamotten, das von seiner „Expedition“ spricht und nach strengem Zeitplan fährt. Und Klaus, ein österreichischer Lebenskünstler, der zu Hause die Behörden auf die Palme bringt, indem er sich als freier Vagabund mit Wohnsitz Wald anmeldet, der vor vierzehn Monaten mit einem einfachen, selbst bemalten, von seinem ehemaligen Chef geschenkten Fahrrad in den USA losgeradelt ist und dessen Reise bald in Santiago zu Ende geht. Noch nie sind wir auf so unterschiedliche Radfahrer getroffen.
Am nächsten Morgen schnappen sich die beiden Franzosen einen 4x4 Pick Up um nicht wieder vor geschlossenem Pass sitzenzubleiben, während Klaus und wir uns entscheiden, auch noch die restlichen Kilometer bis zum Tunnel hochzuradeln. Bald stürmt und schneit es, Lastwagen stehen quer und die letzten drei Kilometer stemmen wir uns gegen ein Whiteout, das uns vom Rad fegt. Nach zwei Stunden finden wir einen Transport, der uns durch den internationalen Tunnel bringt und wir rollen die Serpentinen hinunter in den Frühling.Read more






