• El Niño: Trotzphase

    October 30, 2015 in Chile ⋅ ⛅ 18 °C

    El Niño wenigstens war kalkulierbar. Alle paar Jahre um die Weihnachtszeit erwärmte sich der ansonsten kalte Humboldtstrom infolge ausbleibender Passatwinde und verarmte an Nährstoffen, und Makrelen, Bonitos und Sardellen ließen sich nicht blicken, weil sie nichts zu fressen fanden. Darum hatten Ucañans Vorfahren dem Phänomen den Namen El Niño gegeben, frei übersetzt ›das Christkind‹. Manchmal beließ es das Christkind dabei, einfach ein wenig die Natur durcheinander zu bringen, aber alle vier bis fünf Jahre schickte es die Strafe des Himmels über die Menschen, als wolle es sie vom Angesicht der Erde tilgen. Wirbelstürme, verdreißigfachte Regengüsse und tödliche Schlammlawinen – jedesmal verloren Hunderte ihr Leben. El Niño kam und ging, so war es immer gewesen. Man konnte sich nicht unbedingt mit ihm anfreunden, aber irgendwie arrangieren. (Aus „der Schwarm“ von Frank Schätzing)

    Seit geraumer Zeit hatte El Niño seine Aufgabe nicht mehr ernst genommen und die wirklich grossen Klimageschenke blieben in Südamerika aus. Doch just in diesem Jahr ist ›das Christkind‹ aufgewacht, um die Pazifikküste mit einer Heftigkeit heimzusuchen, wie sie es seit fünfzehn Jahren nicht mehr erlebt hat. Zuerst haben wir Freude daran. Ein paar aussergewöhnliche Regentage haben die Atacamawüste zum Leben erweckt. Von einem Tag auf den anderen platzen die Kakteenblüten auf und wir radeln durch ein pinkfarbenes Meer aus Blumen. „El desierto florido“ wird das Phänomen genannt. Verschwunden ist die heisse, staubige und öde Landschaft, die wir in Erinnerung haben. Danke für die Überraschung. Warum sollte man sich nicht mit El Niño anfreunden können?

    Doch El Niño bringt eben nicht nur freudige Überraschungen. Als wir in La Serena ankommen, twittern die Grenzbeamten: Alle Andenpässe geschlossen. Der warme Wüstenregen ist in den Hochanden als meterhoher Schnee gefallen. Und weiter nördlich hat ein Vulkan zu spucken begonnen. Uns bleibt nichts anderes übrig. Wir stellen die Velos in eine Ecke, mieten uns ein gemütliches Zimmer und verbringen die nächste Zeit mit Schlafen, Filmeschauen und Essen. „Andentraining“ nennen wir die Woche, tun so, als wäre das sowieso alles geplant gewesen und hoffen schon bald nach jedem neuen Supermarktbesuch, dass ›das Christkind‹ noch etwas länger in der Trotzphase bleibt.

    Doch nach einer Woche ist unser „Trainingsabo“ abgelaufen. Wir schwingen uns wieder auf die Räder und fahren Richtung Norden. Der Paso San Francisco, über welchen wir erneut nach Argentinien hinüberfahren wollen, ist zwar noch geschlossen, aber immerhin steht beim Strassenzustandsbericht schon „obras en ejecucion“. Bis wir dort sind, wird eine weitere Woche vergangen sein. Das sollte doch sowohl für Chilenen, wie Argentinier reichen, um einmal mit dem Schneepflug durchzufahren. Der Plan geht auf. Als wir in Copiapo ankommen, ist der Pass offen. ›Das Christkind‹ hat seinen Spass am Schnee verloren und sich ein neues Spielzeug gesucht. Als wir langsam auf 4000 Meter hochkurbeln, schickt es uns den Wind. Schön in West-Ost Richtung. Wir segeln regelrecht über den ersten Pass. Hoch und immer höher. Beim Salar de Maricunga gibts den Stempel in den Pass und dann fliegen wir hinaus in die Weite der argentinischen Puna. Hätte El Niño eine Fanpage auf Facebook, wir würden sie liken.

    Doch auch das schönste Geschenk hält nicht ewig. Nach dem Paso San Francisco gehts von Tinogasta Richtung Norden. Spätestens nachdem wir beim Googeln gesehen haben, dass sich unser ›Christkind‹ nur den Namen ausgeliehen und sich im Gegensatz zum Original (je nach Quelle und Sprache zwischen 36'951 und 1'058'097 likes) nicht im geringsten um soziale Kontakte schert, hätten wir wissen müssen, dass es nichts bringt, unsere Geschenkliste einzureichen. El Niño ist der Trotzphase entwachsen und weiss nun schon recht gut, was ihm gefällt. Ein bisschen mehr Nord ins Ost-West und definitiv noch einen Zacken Puste drauf. In Zukunft heisst's für uns Gegenwind. Freundschaftsgefühle für El Niño? Wie konnten wir nur...
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