El Niño: Pubertät
14. november 2015, Argentina
Sie schaute in die Ferne. Überfallartig bestürmten sie Eindrücke. Grosse Teile der Umgebung liessen sich von hier oben überblicken. Ein Hochland. Hügel und Grate, der Scherenschnitt langer Schatten. Krater wie Becken voll schwarzer Tinte […] kulissenartig stach die Landschaft gegen den Weltraum ab. Alles erschien ungeachtet seiner tatsächlichen Entfernung zum Greifen nahe, scharf konturiert. […] jetzt verspürte sie keinen anderen Wunsch mehr, als diese fremdartige, unberührte Landschaft zu bestaunen, das brutal Archaische ihrer Steilwände und Höhenrücken, die samtige Verschwiegenheit ihrer staubgefüllten Täler und Ebenen, die völlige Abwesenheit von Farben. Kalt erstrahlte die Sonne auf den Rändern der Einschlaglöcher, in ihrer Glut zerrann die Zeit. (aus „Limit“ von Frank Schätzing)
Zehn Jahre hat die Puna Strecke hoch nach Antofagasta de la Sierra und über den fast vergessenen Paso Socompa in unseren Köpfen rumgespukt. Und nun stehen wir mittendrin. Eine unermessliche Hochgebirgswüste aus Stein, Sand und Staub. Licht und Schatten, Einsamkeit. Ist das noch die Erde? Oder ist es der Mond?
In Antofagasta de la Sierra treffen wir Anibal Vasquez, um Routeninfos einzuholen. Er ist Lehrer, Bergführer, Fahrradfahrer und Extremsportler. Wohl kaum ein Vulkan oder Gipfel, den er in der Umgebung nicht bestiegen hat oder eine Ecke der Puna, die er nicht kennt. Sein nächstes Projekt: Ein Höhenrekord mit seiner siebenjährigen Tochter auf dem Ojos del Salado. Sie ist hier auf 3300 Metern aufgewachsen, 6893 Meter ist für sie wie für uns eine Wanderung auf den Wildstrubel... Doch Anibal kann nicht los. El Niño beschert in der nächsten Woche auf dieser Höhe Tag- und Nachtwinde von 160km/h. Klar, es ist Advent. Dem ›Christkind‹ käme nicht im Traum in den Sinn, jetzt abzuhauen. Dem Kindesalter entwachsen, freut es sich nun vielmehr auf seine pubertäre Phase.
HInaus aus Antofagasta auf der direkten Piste nach Antofalla sind wir zum Glück noch recht gut windgeschützt. Wir fahren durch eine Vega hoch, ein Tal mit Wasser, eine Lebensinsel in der Puna. Lamas grasen, Vicunas stillen ihren Durst und es hat auch einige Puestos, aus Stein gebaute Schäferhütten. Dann geht es steil hinunter auf den Salar de Antofalla. Die Brauntöne werden vom salzdurchtränkten Boden aufgesogen, der Wind hat wieder freie Bahn. Der Anstieg zum nächsten Pass wird zur Kraftprobe. Es stürmt mit 100km/h. Drei Stunden brauchen wir für zehn Kilometer. Weder Wasser- noch Proviantvorrat reichen für ein solches Tempo. Wenn der Wind nicht nachlässt, müssen wir morgen umkehren.
Um 4.00 Uhr klingelt der Wecker. Mit der ersten Morgendämmerung fahren wir los. Der Wind hat letzte Nacht zu lange gezecht und schafft das Frühaufsteherprogramm nicht. Als er um 11.00 Uhr erwacht, haben wir das Tagesprogramm schon durch und die Mina Mansfield am Rand des Salars de Arizora erreicht, des grössten Salzsees Argentiniens. Nun haben wir den Dreh raus, wie wir mit dem Teenager El Niño fertig werden.Læs mere











