Socompa
December 7, 2015 in Chile
Geschmeidig wand sich der Lunar Express ins Mare Imbrium hinein, die angrenzende Wüstenebene. Am Horizont türmten sich neue Berge auf, die Mondalpen, grell bestrahlt, von Schatten geädert. Kühn schwangen sich die Gleise in die Berglandschaft, krallten sich die Pfeiler der Magnetbahn in abschüssigen Fels. Je höher sie gelangten, desto atemberaubender gestaltete sich das Panorama, schroffe Zweitausender, kubistisch geformte Überhänge, scharf gezackte Grate. Ein letzter Blick auf den Staubteppich des Mare Imbrium, dann ging es kurvig ins Hinterland, zwischen Gipfeln und Hochebenen hindurch zum Rand eines lunaren Grand Canyon. (aus „Limit“ von Frank Schätzing)
1921 erhielt der US-amerikanischen Ingenieur Ricardo Fontaine Maury den Auftrag eine Zuglinie von Salta durch die Anden an die chilenische Küste zu bauen. Siebenundzwanzig Jahre lang wurden die Schwellen und Schienen bis auf Höhen von 4000 Metern durch die unwirtliche Landschaft verlegt. Als das Meisterwerk fertig war, umfasste es einunddreissig Brücken, einundzwanzig Tunnel, dreizehn Viadukte, zwei Kehrschleifen, zwei Spitzkehren und einundzwanzig Stationen auf neunhundert Bahnkilometern. Hätten Chile und Argentinien nicht gepennt, würde heute vielleicht auch ein Touristenhighlight à la Frank Schätzings Lunar Express durch die Mondlandschaft der Puna rattern. Doch dieser Zug ist wohl definitiv abgefahren. Zweihundert Kilometer sind heute noch in ein paar ausrangierten Wagen der Schweizer Zentralbahn als „Tren a las nubes“ befahrbar und die Presse berichtet aktuell von einer Wiedereröffnung der gesamten Cargo Linie. Doch irgendwie sieht es da oben nicht danach aus.
Fünf Tage lang folgen wir der Piste von Tolar Grande hoch zum Socompa Pass und hinüber nach San Pedro de Atacama. Der Grenzübertritt ist nur für Fussgänger und Velofahrer offen. Immer wieder kreuzen wir die Bahnlinie, legen ein paar Kilometer auf der Trasse zurück, um steile Anstiege zu umgehen oder Höhenmeter zu sparen.
Die verlassenen Zugstationen Chuculaqui und Monturaqui versorgen uns zusammen mit der Grenzstation mit Wasser. Ansonsten sind wir in der weiten, kompromisslosen Landschaft auf uns selbst gestellt. OK, nicht ganz. Denn das ›Christkind‹ hat uns nicht verlassen. Es ist immer noch zickig und ob es sich Freunde macht oder nicht, ist ihm wurscht. Es kommt und geht, wie es immer gewesen ist. Man kann sich nicht unbedingt mit ihm anfreunden. Aber man kann sich irgendwie mit ihm arrangieren. Und mit der Zeit wird es sogar etwas kalkulierbar. Der Nordwestwind wird in der Puna zweifellos sein Lieblingsgeschenk bleiben. Darum fahren wir nach einer langen Pause in San Pedro nun wieder nach Süden. Mit Rückenwind.Read more























