Puna
December 29, 2015 in Argentina
„Ah, mucha arena, mucha caminata, mucho viento!“ klagt einer der beiden argentinischen bici-expedicionistas im youtube Video. Ja, es sieht sehr sandig aus, mehr als die Hälfte des Weges von Fiambala hoch über den Paso de Buenaventura und weiter am Vulkan Galan vorbei bis zum Salar del Hombre Muerto scheinen die beiden ihre Bikes zu schieben. Und der Wind... nun, es ist halt Puna... und wir hätten ihn von Norden her kommend ja mehrheitlich im Rücken... Drei Tage wälzen wir das Projekt im Kopf, bevor wir uns ernsthaft auf die Suche nach Informationen machen. Schwierig, denn eigentlich gibt es abgesehen vom youtube Video keine. Nicht einmal die Bildersuche über google zeigt viel an. Per Zufall stossen wir schliesslich auf die Viajeros mapa, eine Digitalkarte von und für 4x4 Fahrer, die den weissen Fleck auf unserer Landkarte ziemlich genau kartografiert. Wir sehen, dass es zumindest wassermässig kein grosses Problem wäre. Alle 40-60km kämen wir an einer Vega mit Süsswasser vorbei. Mit einem GPS-Track und einem Höhenprofil ausgerüstet, fällt die Entscheidung zu Gunsten der Strecke. Die restlichen Tage unserer Pause widmen wir dem Carboloading und schliesslich dem grossen Einkauf. Jedes Kilo zählt in der Höhe doppelt bis dreifach. Vorsichtig versuchen wir den schmalen Grat zwischen „so leicht wie möglich und trotzdem genug Kalorien“ zu treffen. Vorbereitungen abgeschlossen.
Ein gewaltiger Rückenwind bläst uns über den Paso Sico nach Argentinien. Im trostlosen Pocitos füllen wir im kleinen Laden bereits entstandene Proviantlücken und versuchen noch ein paar Infos aus erster Hand zu bekommen. „Es gibt dort einen Weg?“ wundert sich die Senora im Laden, während der Senor auf dem Sanitätsposten unumwunden zugibt, dass er noch nie von dieser Strecke gehört habe. Willkommen zurück im Niemandsland der Puna. Die nächsten fünf Tage sehen wir keine Menschenseele.
Im Osten wird es langsam hell. Pastellfarben erwacht der Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen werfen ein Muster aus Licht und Schatten an den Himmel, tasten zaghaft über die Berghänge, streichen vorwitzig über die struppigen Büschel des Punagrases. Von einem Augenblick zum nächsten explodieren die Farben. Das Gras in intensivem Gelb, in einem warmen Ocker der Lavaboden. Die dünne Eisschicht auf dem Rinnsal vor unserem Zelt schmilzt.
Marmorierte Berghänge. Ein Spiel mit Aquarellfarbe im Wasserglas. Rot, Orange, Gelb, Braun. Eine leichte Bewegung des Pinsels schafft neue Zwischentöne. Schlieren aus Farbmischungen, für die wir keine Namen kennen. Schwefelgelb? Oxidgrün? Kupferrot? Bodenschätze, die offen daliegen. Darüber spannt sich der indigoblaue Himmel der Hochanden.
Er spiegelt sich in den Ojos de agua, „Wasseraugen“, in denen Grundwasser hochsteigt. Das bisschen Nass bringt eine neue Farbe ins Spiel: Dunkelgrün - und damit zugleich Leben in die Einöde der Puna. Vicunas knabbern am zähen Gras. Aufmerksam zucken ihre Ohren, witternd heben sie die Nüstern in die Luft und schon stieben sie in wilder Flucht davon. Zurück bleibt eine Staubwolke und kleine Wellenkreise, die sich in den Ojos ausbreiten.
Türkisgrün leuchtet es weiter vorne im sandigen Grau des Kraters: Die Laguna El Diamante, in der riesigen Caldera des Vulkans Galan gelegen. Am Nachmittag drücken Gewitterstöcke aus dem Tiefland über den Kraterrand, die Farben verblassen und wir fahren durch eine entsättigte, monochrone Landschaft. Wolkenschatten hetzen über die Ebene wie ein hungriger Puma seine Beute. In der Ferne grollt dumpf der Donner.Read more





