• Momente

    5. oktober 2023, Mongoliet ⋅ 🌩️ 9 °C

    Auch wenn wir Orte bereisen, an denen wir schon waren, erleben wir sie mit unseren Kindern noch einmal neu. Wie Janoschs Bär, der zuhause ankommt und es nicht wiedererkennt, meint, er sei in einem neuen Land gelandet. Wir reisen langsamer. Auf einer Strecke, auf der wir vor Jahren einfach durchgefahren sind, vergehen nun rasch drei Wochen, in denen uns nicht langweilig wird. Genau so geht es uns, als wir nach zwei Nächten Zugfahrt die Mongolei erreichen. Mit unseren kurzen Tagesetappen könnten wir uns hier rasch in der Weite verlieren. Und so landen wir am Ende am bekannten Orkhon. In seinen Seitentälern waren wir aber noch nie unterwegs und sie scheinen für eine Runde mit kleinen Kindern geeignet. Mongolei, wie man sie sich vorstellt: Nomaden, Jurten, Pferdeherden. Menschen um uns, falls etwas schiefläuft. Die Lärchen färben sich, die Nachttemperaturen purzeln rasch unter null Grad. Noch zwei, drei Wochen, dann versinkt hier alles in eisiger Kälte. Durch unsere Köpfe ziehen Bilder. Dampfender Milchtee in einer Jurte, das krachende Eis am Khövsgöl See. Weit ist sie weg, unsere Fahrt durch die Mongolei im Winter. Und doch plötzlich wieder ganz nah. Bei den heissen Quellen oben im Tal des Mogoit sitzen wir einen stürmischen Tag aus. Eine Horde betrunkener Mongolen feiert, als gäbe es kein Morgen. Vielleicht grölt da auch der Herbst sein letztes Lied zum Tanzen der ersten Schneeflocken. Vielleicht gibt er eine letzte Runde aus, im Wissen, dass er bald die Segel streichen muss. Auch für uns sind die Tage hier gezählt. 

    Noch hält die Wärme des Abends in unserem Zelt. In den frühen Morgenstunden wird die Kälte in die Schlafsäcke kriechen und die Atemluft als feine Eisschicht am Aussenzelt kondensieren.  Die Kinder schlafen. Sie können bloss erahnen, dass diese Zeit bald zu Ende geht. Dreimal drei Reisemonate - was wird ihnen bleiben? In einigen Wochen wird dieser Abend zu Bruchstücken zerfallen sein, zu Erinnerungen. Doch nun liegen wir da und geniessen den Moment, sprechen über Vergangenes und Neues. Diese Reise, sie wird sich nicht wiederholen, wie auch keine andere. Und trotz des Endes, das jetzt ansteht, ist es gut so. Es werden neue Momente kommen, voller Schönheit. Denn "in jedem Ende liegt ein neuer Anfang".
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