• Im Gleichgewicht mit Mutter Erde

    June 12, 2019 in Germany ⋅ 🌧 15 °C

    Viele indigene Völker der Anden Südamerika hatten (und haben auch heute noch) eine besonders enge Beziehung zu Mutter Erde (oder auch "Pachamama" genannt). Wen wundert das? Das Leben in der schwierigen kargen Gebirgslandschaft der Anden mit ihren nicht optimalen Voraussetzungen für einfache Landwirtschaft war schließlich in besonders unmittelbarer und sensibler Weise von den Launen der Natur abhängig. Aus diesen Gegebenheiten entwickelte sich eine enge Wechselbeziehung zwischen den Menschen und Pachamama. Aus Ehrfurcht und Achtung vor der Natur wurde es zum Selbstverständnis, dass jede gute Tat von Pachamama auch mit einer entsprechenden Gegenleistung, im Allgemeinen einer entsprechenden Opfergabe, zu begleichen ist. Auf diese Art und Weise wird das natürliche Gleichgewicht aufrecht erhalten. Bleibt die Opfergabe aus, so befindet man sich schließlich in der sogenannten Opfer-Schuld. Die Zuneigung und das Wohlwollen von Pachamama steht dann in den Sternen...

    Was hat das mit uns zu tun? In den vergangenen Monaten waren wir auf unserer Reise intensive Konsumenten unsere Mutter Erde und haben viele Leistungen selbstverständlich entgegengenommen: weiße, paradiesische Sandstrände, atemberaubende Berglandschaften, fruchtbare, blühende Tropenwälder, beruhigendes Meeresrauschen, farbenfrohe Sonnenuntergänge, hunderte von Sonnenstunden und unbeschreibliche Begegnungen mit unzähligen Tierarten. Bisher hat uns Pachamama für diese Leistung keinerlei Rechnung geschickt und ich gehe davon aus, dass ich wohl auch zukünftig keine Zahlungsaufforderung in meinem Briefkasten vorfinden werde. Auch wenn wir uns nach dem Verständnis der indigenen Völker somit im Zustand der Opfer-Schuld befinden, ist in unserem Kulturkreis ein Opfer unsererseits kein Selbstverständnis und geschieht rein auf freiwilliger Basis.

    Auf unserer Reise sind mehr als einhundert Footprints entstanden. Diese Footprints stehen im Positiven für die vielen Fußabdrücke, die wir in unseren Erinnerungen hinterlassen haben und die uns hoffentlich noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Die Footprints symbolisieren auf der anderen Seite aber auch unsere ökologischen Fußabdrücke, die wir rund um die Welt hinterlassen haben. Auch wenn wir uns stets bemüht haben, so respektvoll wie möglich mit der Natur umzugehen, so haben wir doch bei genauerem Hinsehen unumstritten bleibende Spuren hinterlassen.

    Wenn man wie wir so lange unterwegs ist und einmal die Zeit hat, so intensiv die Natur wahrzunehmen und zu spüren (ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man im Alltag hierzu nur selten die Gelegenheit findet), dann wird man unweigerlich erkennen, wie unglaublich schön und vielfältig unser Planet Erde mit all seinen Landschaften, seiner Pflanzen- und Tierwelt ist, aber auch wie komplex, zerbrechlich und daher schützenswert unsere Natur ist. So unverständlich es auf den ersten Blick klingen mag, aber "Ja", es kann tatsächlich eine wesentliche Rolle für das gesamte Ökosystem spielen, wenn bestimmte Pflanzenarten auf Grund des Klimawandels plötzlich verschwinden oder sich eine scheinbar unbedeutende Vogelart vor dem Aussterben befindet, weil ihr ursprünglicher Lebensraum einem neuen Industriegebiet gewichen ist.

    Was können wir also tun? Ich könnte jetzt egoistisch sein und mir sagen, dass ich ja zum Glück noch rechtzeitig um die Welt gereist bin und viele Naturschönheiten noch im intakten Zustand erleben durfte. Was kümmert es mich da, dass vielleicht in 10 Jahren keine Manta-Rochen mehr vor der Küste Balis schwimmen, weil die Buchten mit Plastikmüll überflutet sind, dass in 10 Jahren vielleicht keine Koalas mehr in den Eukalyptusbäumen der freien Wälder Australiens hängen, weil ihre Lebensräume zu stark verringert wurden, dass in 10 Jahren vielleicht keine Kondore mehr über den Schluchten des Colca Canyons in Peru kreisen, weil sie vor den Touristenmassen an abgelegenere Orte geflüchtet sind, oder dass sich vielleicht in 30 Jahren die Eismassen der Gletscher Neuseelands vollständig in Gebirgswasser umgewandelt haben, nur weil die Durchschnittstemperatur um ein paar lächerliche Grad gestiegen ist? Ja, es kümmert mich, denn es ist mein ehrlicher Wunsch, dass meine Familie, Freunde, Verwandte, Bekannte und Kollegen ebenfalls die Möglichkeit haben werden, zukünftig ähnliche magische Orte zu besuchen und zu erleben. Und ich wünsche mir insbesondere von Herzen, dass auch nachfolgende Generationen unsere Natur noch in Realität erleben können und nicht nur aus Büchern, Fotos, Filmen oder bestenfalls in Zoos oder künstlichen Parks kennenlernen werden.

    Aus diesem Grund ist es mir ein wichtiges Anliegen, die auf unserer Reise verursachten ökologischen Fußabdrücke wo möglich zu beseitigen oder zumindest einen adäquaten Ausgleich zu schaffen, um unser Gleichgewicht mit Pachamama wieder herzustellen. Vielleicht kann ich ja auf diese Weise auch ein kleines Vorbild für andere sein, auf ihrer nächsten Reise oder auch zu Hause im Alltag ihre Wechselbeziehung mit unserer Natur zu reflektieren und ihren Beitrag zum Erhalt unseres schönen Planeten Erde zu leisten.

    Würde ich mir sehr viel Zeit nehmen und intensiv Nachforschung betreiben, so bin ich mir sicher, dass die Liste unser ökologischen Fußabdrücke während der Reise sehr sehr lange werden könnte. Ich möchte es an dieser Stelle dabei belassen, zumindest die wesentlichen Spuren zu benennen und wie ich sie zu beseitigen gedenke:

    1. Ausstoß von Kohlenstoffdioxid
    Reisen kostet Energie. Damit meine ich nicht nur die persönliche Energie, sondern vielmehr die Energie, die in Form von fossilen Brennstoffen notwendig war, um die vielen tausend Kilometer rund um den Globus zurückzulegen. Knapp 60000 Kilometer haben wir in den vergangenen Monaten zurückgelegt, davon etwa 50000 Kilometer per Flugzeug. Zu Hause wäre ich in dem gleichen Zeitraum lediglich knapp 5000 Kilometer mit dem Auto unterwegs gewesen plus eventuell 1-2 Mittelstreckenflüge. Ich mache mir die Rechnung einmal ganz einfach und beschränke mich bei der Mehrbelastung einfach ausschließlich auf die Reisekilometer per Flugzeug. Der CO2-Rechner des deutschen Bundesamts für Umwelt verrät mir, dass ich bei meiner Flugroute für den Ausstoß von 12,17 t CO2 verantwortlich bin (zum Vergleich: dies entspricht in etwa dem Jahresdurchschnitt für den Gesamtausstoß eines deutschen Bundesbürgers). Um mich gemäß des Kyoto-Protokolls zum Ausstoß dieser CO2-Menge zu berechtigen, müsste ich also 12 CO2-Emissions-Zertifikate besitzen (derzeitiger Stand ca. 25 Euro pro Zertifikat). Ich stehe also bei Pachamama für meinen verschwenderischen CO2-Ausstoß mit etwa 300 Euro in der Schuld. Diese Schuld möchte ich mit einer entsprechenden Spende an die Klimaschutzorganisation atmosfair begleichen, die hiermit Projekte finanziert, die zur Reduktion des CO2-Ausstoßes führen (z.B. Finanzierung energieeffizienter Öfen für die Dritte Welt, Aufbau von Windkraft- und Solarkraftanlagen, usw.). Ich hoffe, hiermit indirekt meine erhöhte CO2-Belastung kompensieren zu können.

    2. Produktion von Plastikmüll
    Praktisch jeden Tag unserer Reise haben wir eine kleine Tüte Müll zum Container bringen müssen. Hauptbestandteil dabei Verpackungsmaterial von Lebensmitteln. Ein kleiner Fluch von Reisenden, denn jeden Tag unterwegs zu sein und jeden Tag den Aufenthaltsort zu wechseln macht den Einkauf größerer unverpackter Mengen von Essen und Trinken praktisch unmöglich. Als Konsequenz haben wir auf viele Einwegprodukte zurückgegriffen, wohl portioniert verpackt. Dabei waren wir ernsthaft mit der Einstellung in die Supermärkte gezogen, möglichst wenig Plastikmüll zu generieren. Nur vereinzelt konnten wir das tatsächlich umsetzen (ich denke der Kauf von großen Mehrliter-Wasserkanistern anstatt kleinen Einzelflaschen war aber leider unsere größte Leistung). Ich bin mir sicher, dass wir dadurch mehr Müll produziert haben als wir im gleichen Zeitraum in Deutschland produziert hätten. Zwar haben wir den Müll stets brav in die Tonne geschmissen und nicht in der Landschaft verteilt, aber bis heute ist mir das Recycling-System in Australien und Neuseeland ein Rätsel und wer versteht schon, wieviel Plastik am Ende des Tages tatsächlich wiederverwendet wird oder nicht doch über Umwege schließlich seinen Weg in die Weltmeere findet. Und wer einmal das Vergnügen hatte zwischen Plastiktüten im Meer zu baden, dem wird klar, dass hier echter Handlungsbedarf besteht. Symbolisch möchte ich daher 5 Armbänder der Organisation 4Ocean an Bekannte und Verwandte verschenken, die unseren Footprints besonders treu gefolgt sind. Mit jedem Armband wird ein Pfund Plastikmüll aus den Ozeanen entfernt und liefert damit einen symbolischen Beitrag im Kampf gegen die Vermüllung unserer Meere. Vielleicht erinnert es ja den einen oder anderen zukünftig ab und zu daran, wieviel unnötigen Müll wir täglich produzieren und lädt zur Reflexion ein.

    3. Eindringen in natürlichen Lebensraum
    Mit die schönsten Momente unserer Reise waren solche, in denen wir das Treiben freier Tiere in wilder Natur beobachten konnten, unverfälscht und nicht hinter den Gittern eines Zoos. Seien es die quirligen Fan-Tails Neuseelands, die majestätischen Manta-Rochen Balis, die knuffigen Wallabies Australiens, die schönen Viscunas Chiles oder die anmutenden Meeresschildkröten Curacaos: eine Begegnung mit solch außergewöhnlichen Tieren in freier Wildbahn ist immer ein einmaliges Erlebnis. Aber ich erkenne, dass solch eine Begegnung letztlich nur zu Stande kommt, weil wir in den Lebensraum dieser Tiere eindringen. Und so sehr wir uns auch anstrengen, unbeachtet zu bleiben, sind wir doch ein kleiner Störfaktor und hinterlassen unsere Spuren. Als Wiedergutmachung möchte ich daher in Australien ein Projekt unterstützen, welches sich für die Aufforstung von Eukalyptuswäldern und damit für die Schaffung von Lebensraum von Koalas und anderen nativen Wildtieren einsetzt (Organisation OneTreePlanted). Mit meiner kleinen Spende werden symbolisch 100 neue Bäume gepflanzt, in denen in vielen Jahren vielleicht eine Koala-Familie ihr zu Hause finden wird :-)

    Zu guter letzt würde ich mich freuen, wenn auch unsere nachfolgenden Generationen früh erkennen, wie schön unser Planet ist. Denn was wir schätzen und bewundern, das werden wir auch versuchen zu bewahren. Daher werde ich meinen Neffen und Nichten (oder in Vertretung ihren Eltern) einen Bildband von National Geographics zukommen lassen ("Wie sie die Welt noch nicht gesehen haben"). Vielleicht erzeugen ja manche Bilder bei ihnen wie bei mir ein ehrfürchtiges Staunen und wecken in vielen Jahren bei ihnen auch einmal die Lust, unsere wunderschöne Erde zu entdecken. Ich wünsche mir sehr, dass ein Großteil unserer Natur noch erhalten sein wird, wenn sie ihre Reise starten werden.

    Anmerkung: Auch wenn es vielleicht in Teilen so aufgefasst werden könnte: ich habe mich auf meinen Reisen nicht zum extremen Umweltaktivisten gewandelt, ich werde nicht ab morgen nur noch ökologische Tomaten aus den Pflanzenkübeln meines Balkons essen, ich werde nicht mein Auto verkaufen und zukünftig nur noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein und ich werde auch in Zukunft ins Flugzeug steigen, um weite Strecken zurückzulegen. Ich schätze durchaus die Bequemlichkeiten und die Möglichkeiten, die uns unser Fortschritt gebracht hat und zunehmend bringen wird. Und ich werde von diesem Fortschritt auch weiterhin Gebrauch machen, selbst wenn er in einem gewissen Maße auch eine Belastung unserer Umwelt darstellt. Ich bin vielmehr durch meine Reise für Umweltschutz stärker sensibilisiert wurden, mir ist bewusster geworden, dass wir alle es sind, die die Zukunft unsere Planeten mitgestalten, und ich werde daher zukünftig vielleicht häufiger kritisch hinterfragen, wo ich vermeidbare Umweltbelastungen einschränken und meinen Beitrag zum Umweltschutz leisten kann.
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