• Oil Springs

    April 28 in Canada ⋅ 🌬 20 °C

    Und auf einmal ist sie da. Meine letzte Woche im Wildlife Rescue. Und sie wird wild. Und unvorhersehbar. Und dramatisch. Und auch extrem emotional. Davon ist aber zu Beginn noch nix zu merken, denn das Wetter schwenkt mal wieder um und plötzlich liegen wir wieder bei 25 Grad und Sonnenschein auf der großen Wiese hinter dem Haupthaus. Nora und ich beschließen diesmal die beiden Wasserschildkröten am geilen Wetter teilhaben zu lassen und so gönnen wir ihnen einen Vormittag mit uns und richtiger Sonne anstatt der künstlichen Sonne in ihrem Aquarium. Als nach einer Stunde der Größeren der beiden Schildkröten augenscheinlich die Wärme zuviel wird und sie sich unter meinem Oberschenkel im Schatten versteckt, beschließen wir den Ausflug zu beenden. Allerdings nicht bevor wir unsere ausschweifende Fachsimpelei um Gabber Musik beendet haben, die offensichtlich beste Erfindung die Holland hervorgebracht hat. Neben Poffertjes.
    Wir brechen also 10 Minuten später auf, sammeln Schildkröte Nummer 2 ein und beim Aufstehen stelle ich fest, dass Schildkröte Nummer 1 nicht wie erwartet unter meinem Bein chillt sondern verschwunden ist. Das ist der Moment in dem sich in mir ein lange verdrängtes Kindheitstrauma zurück meldet. Als ich ca. 6, vielleicht auch 7 Jahre alt war ist meine heißgeliebte Schildkröte Susi bei einem Ausflug am Badesee entwischt. Ein paar Minuten nicht aufgepasst und sie war nicht mehr zu finden. Und wurde auch nie wieder gesehen.
    Dieses nicht aufgearbeitete Trauma lässt mich sofort in Panik verfallen und zusammen mit Nora krabbel ich auf allen vieren über diese Wiese und taste jeden Grasbüschel ab. Wir finden sie nicht. In meinem Kopf sehe ich mich schon in Handschellen vor dem obersten Gericht, als plötzlich an der Scheune am anderen Ende der Wiese eine Schaufel umfällt. Im Vollsprint hetzen wir rüber und finden sie tatsächlich zwischen der Schaufel und einem Besen. Dieser Moment lässt mich eine lebensverändernde Entscheidung treffen. Niemals wieder werde ich die Verantwortung für eine Schildkröte in einem freiem Auslauf übernehmen. Mach ich einfach nicht mehr. Bin ich fertig mit.
    Auf diesen Tiefpunkt in meinem Leben folgt aber kurze Zeit später ein Hoch auf das wir schon viel zu lange gewartet haben. Unser Erstgeborener Gonzo macht zum ersten Mal die Augen auf. Erstmal nur das Linke. Und wirklich nur das Linke, was die ganze Geschichte anfangs ziemlich gruselig wirken lässt. Nora und ich fühlen uns trotzdem wie Helden und stolze Eichhörnchenmamas. Zwei Tage später fängt dann auch unser kleines Waschbärbaby Paul an die Augen zu öffnen und wir fangen tatsächlich an zu glauben, dass die Welt ab jetzt nur noch aus Sonnenschein besteht und uns nichts mehr aus der Bahn werfen kann.
    Sehr schnell schwenkt die Stimmung aber wieder um, als Gonzo bei der abendlichen Fütterung plötzlich anfängt zu niesen, röchelnd durch das Maul zu atmen und ihm dabei die Milch aus der Nase läuft. Sofort gehen die Alarmglocken an, haben wir doch gelernt, dass die große Gefahr bei Fütterung durch die Spritze ist, dass Milch in die Lunge und die Atemwege kommt und die Tiere daran ersticken. Wir holen uns also schnellstmöglich die Expertise der Leitung des Rescue zur Hilfe, die direkt eine ziemlich schlechte Prognose stellt, denn von Minute zu Minute wird Gonzo mehr und mehr apathisch und stellt seine lebenserhaltenden Maßnahmen ein. Er bekommt direkt Antibiotikum und eine Druckmassage um die Atemwege zu befreien. Im Anschluss packen wir ihn in eine Art Inkubator, ähnlich dem eines Brutkasten, der Wärme und Luftfeuchtigkeit regelt und so helfen soll, dass Gonzo wieder frei atmen kann. Wir werden noch auf die Möglichkeit eingestellt, dass er es nicht bis zum nächsten Morgen schafft, was mir eine extrem schlaflose Nacht bereitet. Aber Gonzo erweist sich als Kämpfer und übersteht diese kritische Phase. Er ist zwar weiterhin durch das Antibiotikum sehr müde und geschwächt, entwickelt aber schnell wieder Appetit und atmet nach ca 24 Stunden auch wieder normal. Die Erleichterung darüber ist am Ende nicht mit Worten zu beschreiben.
    Und wenn ich nach diesem Erlebnis geglaubt habe, es kann nicht schlimmer kommen, werde ich doch eines besseren belehrt. Kurz vor Ende meines Einsatzes hier wird Patrick bei der Fütterung von einem Waschbären gebissen. Nicht tief, aber es reicht dass die Wunde rot und warm wird und leicht anschwillt. Ein mit dem Rescue vertrauter Arzt wird direkt telefonisch kontaktiert, der bescheinigt, dass seine dreistufige Tollwutimpfung ausreichend ist, die Wunde aber trotzdem schnellstmöglich im Hospital versorgt werden muss. Das erweist sich allerdings als Problem, da Patrick (typisch Amerikaner) über einen extrem unzureichenden Krankenschutz verfügt, der für Kanada zudem überhaupt nicht gültig ist. Er muss also schnellstmöglich abreisen und zurück in die USA um sich dort ärztlich versorgen zu lassen.
    Da er aber bereits in meiner ersten Woche hier angeboten hatte Nora und mich am Ende unseres Einsatzes mit seinem Auto bis Mississauga mitzunehmen, da er eh dort vorbei muss und wir uns somit die teure und extrem lange Zugfahrt nach Toronto ersparen, stehen wir vor der Frage ob wir einen Tag vor dem offiziellem Ende unserer Arbeit auch abbrechen und mit ihm mitfahren. Der hinzugezogene kanadische Arzt nimmt uns diese Entscheidung am Ende ab, da er empfiehlt Patrick so wenig wie möglich alleine Auto fahren zu lassen. Wir packen also im Eiltempo unsere Sachen und müssen uns überstürzt von unseren Babys verabschieden, was die ganze Situation neben der Sorge um Patrick´s Gesundheit noch deutlich erschwert. Am Ende des Tages fahre ich das Auto ein Stück bis Mississauga damit sich Patrick ausruhen kann und habe so ausreichend Zeit um zu realisieren, dass meine Zeit in Oil Springs endgültig vorbei ist.
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