• Peggy Pöschke
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Canada 2026

A 58-day adventure by Peggy Read more
  • Trip start
    April 3, 2026

    Berlin

    April 3 in Germany ⋅ ☁️ 9 °C

    Die Nacht war nicht so geil. Abgesehen davon, dass ich schwer einschlafen konnte, weil die Gedanken immer wieder gekreist sind, bin ich dreimal aufgewacht in der Angst ich habe den Wecker nicht gehört.
    Bereits beim gestrigen Versuch den Abschied von Sebastian kurz und nicht zu emotional zu halten, bevor ich in den Zug nach Berlin gestiegen bin, habe ich kläglich versagt. Seitdem kreist diese eine Frage in meinem Kopf. Warum zur Hölle bin ich auf die Idee gekommen diesmal eine so lange Zeit von zuhause wegzubleiben. Selbst für mich die gerne alleine unterwegs ist, sind 4 Monate eine ganz andere Hausmarke, die ersten beiden Monate davon komplett alleine. Was hab ich mir dabei gedacht?
    Und so stehe ich nun an einem Karfreitag beim Boarding am Berliner Flughafen und ergebe mich meiner eigenen Idee. Jetzt wird halt durchgezogen. Ein sehr langer Tag steht mir bevor. Mein Koffer hat bereits bei der Aufgabe das längste Gepäcklabel seiner Reisekarriere erhalten und ich steige in den ersten Flieger nach London, der natürlich direkt Verspätung hat. Meine Umsteigezeit von 2 Stunden wird noch stärker strapaziert als der Flieger nach Landung in Heathrow locker noch ne halbe Stunde auf dem Rollfeld rumsteht, sodass ich kurz vor Start des Boardings meines Anschlussfluges nach Toronto immer noch im ersten Flieger sitze.
    Eigentlich Zeit nervös zu werden, Aber dank Digitalisierung steht die Leitung zum besten Mann der Welt nach Hause, der mich mit Ruhe und routinierten Anweisungen direkt zum richtigen Gate schickt und mich allein durch die Kommunikation gut runterholt. Am Ende sitz ich im zweiten Flieger und fliege die nächsten 8 Stunden auf die andere Seite der Weltkugel.
    In Toronto habe ich das netteste und charmanteste Einreiseerlebnis mit einem kanadischen Grenzbeamten und fühle mich direkt als Kanadier, zumindest für die nächsten beiden Monate.
    Der letzte Flug in Richtung Ottawa dauert nur 40 Minuten und als mein geliebter Koffer der schon so viel mit mir durchgemacht hat, recht schnell wieder mit mir vereint ist, kann ich nach gut 22 Stunden auf den Beinen ins Bett fallen und mit dem Gedanken einschlafen, dass er erste Schritt doch am Ende nicht so erschreckend war, wie es sich noch gut einen Tag vorher angefühlt hat. Hello Canada! Hier bin ich!
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  • Ottawa

    April 4 in Canada ⋅ ☁️ 4 °C

    Mein erster Tag als Kanadier beginnt sehr deutsch mit dem Anstoß des Bundesligaspieles zwischen meinem Verein und Wolfsburg. Aufgrund der Zeitverschiebung geht das hier also bereits 9.30 Uhr für mich los. In Deutschland nennt man das Spieltagszerstückelung. Scheiss DFB.
    Ich gönne mir also den ersten von vermutlich demnächst drölfzig tausend Tim Hortons Kaffee und sehe zu wie der Bayer eine desolate Abwehrleistung in der zweiten Halbzeit vergessen macht und hoffentlich gut dabei mithilft die Wolfsburger in die zweite Liga zu schiessen.
    Nachdem der Tag also so gut startet, mach ich mich direkt auf den Weg zu meinem ersten Highlight. Schon in den Planungen vorab war mir klar, dass ich (wenn schon solange in Kanada) unbedingt mal die Nationalsportart Nummer 1 hier erleben möchte. Und da mich Eishockey bereits in Deutschland aufgrund seiner Intensität fasziniert und die Tickets für die Ottawa Senators deutlich erschwinglicher sind als für die Toronto Maple Leafs singe ich also das erste Mal während meines Aufenthaltes hier die kanadische Nationalhymne und schaue mir mein allererstes NHL Spiel an. Sportlich ist die NHL ohne Zweifel eine eigene Liga und das Spiel mit drei Schlägereien und insgesamt 5 Toren für mich sehr spannend anzuschauen, leider am Ende zu Ungunsten der Senators. Scheint hier aber keinen zu interessieren. Viel mehr geht es scheinbar allen nur darum ständig neue Riesenportionen Popcorn und Hotdogs ranzuschaffen und immer nur kurz zu jubeln, sobald der Bildschirm einen auffordert. Am wichtigsten ist aber mit lustigen Dance Moves auf genau diesem während der ständigen Spielunterbrechungen zu erscheinen. Dass die eigene Mannschaft haushoch verliert, ist da eher nebensächlich.
    Irgendwie schade, habe ich doch im eher drittklassigen Österreich schon erlebt wie geil Stimmung beim Eishockey in der Halle sein kann. Aber dass Sport auf dieser Seite des Erdballs anders gelebt wird als in Europa ist nichts Neues, sodass ich mich einfüge, brav klatsche wenn ich aufgefordert werde und ansonsten mein erstes NHL Spiel genieße. Schon ein geiles Erlebnis.
    Am Nachmittag hatte ich ursprünglich vor noch einige versteckte Spots in Ottawa anzuschauen die wir beim ersten Mal aufgrund der kurzen Aufenthaltsdauer nicht gesehen haben. Leider ist das Wetter heute nicht mein Freund. Trotz eigentlich angenehmer 6 Grad regnet es ununterbrochen und ein eisiger Wind macht es deutlich schwerer Spaß am Sightseeing zu entwickeln. Ich zwinge mich dennoch ein paar Sachen abzulaufen, gönne mir eine typisch kanadische Poutine und gebe am Ende komplett durchnässt doch auf.
    Ist aber ok. Bloß nicht direkt am ersten Tag schon krank werden.
    Und der Schlafmangel der ersten beiden Tage macht sich auch früh bemerkbar, sodass mein Körper sich freut früh zu schlafen und ausgeruht ins Arbeitsleben zu starten.
    Morgen geht´s dann zu meinem Tierschutz Projekt. Ich fühle mich unvorbereitet, aber endlich bereit mich komplett darauf einzulassen.
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  • Oil Springs

    April 6 in Canada ⋅ ☁️ 7 °C

    Die Anreise von Ottawa nach Oil Springs hat mich tatsächlich einen kompletten Tag gekostet. Was auf der Karte, für das an europäische Verhältnisse gewöhnte Auge, aussieht wie die Strecke Köln - Berlin entpuppt sich in der kanadischen Realität als 12 Stunden Trip mit der Bahn inklusive Umstieg in Toronto. Immerhin sind die Bahnen hier pünktlich, kaum überfüllt und mit einem stabilen Wifi, sodass das Reisen tatsächlich sehr angenehm ist.
    Ich komme also spät nachts in Wyoming / Ontario an und merke schnell, dass ich hier genau das finde was ich erwartet habe. Viel kanadisches Hinterland, keine Spur Stadtgewusel, viel Kompromisse und ein Leben ohne Termine, Druck und Onlinemeetings.
    Die Farm auf der ich die nächsten 4 Wochen verbringen werde gehört Peggy und Dallas. Zwei alteingesessene Kanadier mit einem Hauch Alt-Hippie Feeling und einem großen Herz für den Tierschutz. Beide haben hier eine Tierauffangstation aufgebaut und opfern sich für den Artenschutz der einheimischen Tiere auf.
    Ich teile mir einen Trailer mit zwei weiteren Volunteers. Patrick aus New York und Nora aus Holland. Beide in ihren Zwanzigern und super offen. Wir haben direkt einen Draht.
    Im Trailer finde ich alles was wir zum Wohnen benötigen, nur für das Badezimmer müssen wir rüber ins Haupthaus. Ist aber kein Problem, nachts durch die Dunkelheit aufs Klo kenne ich bereits aus Namibia. Mit dem Unterschied dass es hier weniger gefährlich ist, da man hier keine Angst haben muss versehentlich auf Schlangen oder Skorpione zu treten.
    Die ersten Tage verbringe ich also damit mich in den Alltag hier einzufügen, Lebensmittel für die Farm im nächsten Ort einzukaufen, der witzigerweise Dresden heisst und die aktuell auf der Farm zu versorgenden Tiere kennenzulernen. Das sind im Moment zwei Hunde, einige Schildkröten, eine kleine einheimische Dekay´s Brownsnake, ein Eichhörnchen und Roo ein blindes Waschbärmädchen.
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  • Oil Springs

    April 10 in Canada ⋅ 🌧 12 °C

    Der erste Patient ist eingezogen und ab sofort bin ich eine Eichhörnchen Mama, mit allen Pflichten. Der kleine Eichhörnchenjunge ist gerade einmal drei Wochen alt, hat die Augen noch nicht offen und wurde von einer Familie aus dem Maul ihres Hundes gerettet.
    Nach einer ausführlichen Einweisung sind wir uns relativ schnell bei der Namensfindung einig. Da er bereits beim Füttern einen sehr starken Fluchtinstinkt beweist, mehrfach versucht vom Tisch zu krabbeln (teilweise auch mit Erfolg) und dabei unsere Reflexe beim Auffangen stark strapaziert, wird er aufgrund seiner Fähigkeiten nach dem Stuntmen aus der Muppet Show getauft. Gonzo fordert uns also nun im 4-Stundentakt beim Füttern, sodass die Nächte ab sofort gestückelt und kurz werden. Ist aber kein Problem, super schnell sind die Schichten verteilt und der Fokus liegt ab sofort nur darauf den kleinen Kerl soweit zu bringen, dass er es zurück in die Wildnis schafft.
    Zwischen den Schichten bleibt uns hier und da genug Zeit, um die Gegend zu erkunden und da Patrick aus den USA glücklicherweise mit dem Auto angereist ist, sind wir auch entsprechend mobil unterwegs.
    So nehmen wir uns einen Nachmittag um das Öl Museum im Nachbarort anzuschauen und erfahren, dass diese Gegend hier die erste in Nordamerika war in der Öl gefunden und gefördert wurde. Was dann auch die Ortsnamen Oil Springs und Petrolia erklärt. Wieder was gelernt. Im Supermarkt haben meine holländische Volunteer-Kollegin Nora und ich uns zur Aufgabe gemacht gutes und leckeres Schwarzbrot zu finden. Aktuell testen wir uns durch verschiedene Brotsorten, bisher noch ohne Erfolg. Was uns aber nicht davon abgehalten hat bei den kanadischen Preisen von umgerechnet 3 Euro für Ben&Jerrys Eis zu eskalieren. Ich bin damit zum jetzigen Zeitpunkt mit Eis für einen ganzen Monat eingedeckt. Es muss sich also niemand Sorgen um mich machen, mir geht´s hervorragend.
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  • Oil Springs

    April 14 in Canada ⋅ 🌬 24 °C

    Ich verbringe meine Tage hier ganz entspannt mit Patrick und Nora und fühle mich immer mehr angekommen in meinem Leben als Kanadier. Bereits jetzt ist es für mich schon sehr schwer vorstellbar nach Deutschland zurückzukehren.
    Unser kleines Team ist super gegensätzlich in den Interessen und den individuellen Lebensweisen, aber das macht das Zusammenleben auch mega spannend. Die gute Verbindung untereinander trägt dazu bei, dass wir uns in der Aufgabenverteilung extrem gut eingegroovt haben, sodass wir einen sehr harmonischen Tagesablauf mit viel Spass und ausufernden Diskussionen über die Unterschiede zwischen dem Leben in Nordamerika und Europa haben.
    So habe ich Patrick völlig aus der Fassung gebracht, als ich ihm erzählt habe, dass mich meine Tollwutimpfung ganze 5 Euro Zuzahlung gekostet hat, während er dafür in den USA 1.200 USD aus eigener Tasche bezahlen musste. Generell begeistern Nora und ich ihn mehr und mehr vom Leben in Europa was ihn speziell in den Punkten Sozialsystem und der Fülle an Urlaubstagen die wir per Gesetz haben teilweise völlig ausflippen lässt. Die Tatsache, dass er sich für seine aktuelle Regierung schämt und sich dort super unwohl fühlt, tut dabei sein Übriges.
    Ich helfe ihm daher also im Moment viel dabei seinen Trip durch Europa im Sommer zu planen und bin mega beeindruckt über seine Neugier sich als Amerikaner für eher unpopuläre Ziele wie Bosnien und Albanien zu begeistern und den ursprünglichen Plan Paris in seinen Trip mit einzubauen nach meinen Bedenken schnell wieder aufgegeben hat. Strike! :-)
    Da wir mit Gonzo immer noch bei nur einem Intensivpatienten (neben den dauerhaften tierischen Bewohnern) sind, bleiben uns aktuell viele freie Nachmittage, die wir damit verbringen die Gegend in dieser Ecke zu erkunden. Wir nutzen also den Vorteil der Mobilität durch Patrick´s Auto und lassen uns in den größeren Städten in der Gegend wie zum Beispiel Sarnia treiben, die direkt an der Grenze zu den USA liegt und ein wichtigen Standort für den Transit darstellt.
    Ansonsten picknicken wir an den vielen Stränden hier und ich lasse mich von Nora´s Begeisterung für Archäologie anstecken. Wir verbringen ausufernde Zeit damit fossile Steine an den Stränden zu suchen und zu analysieren, da es diese es hier zuhauf gibt. Mein eh schon zu schweres Gepäck wird mich vermutlich aufgrund der ganzen Fundstücke finanziell noch mehr strapazieren und mich einiges an Zuzahlung für Übergepäck kosten.
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  • Oil Springs

    April 16 in Canada ⋅ 🌧 17 °C

    So langsam kommt hier richtig Leben rein. Vor ein paar Tagen sind zwei wirklich winzig kleine Waschbärenbabys zu uns gekommen, keine zwei Wochen alt. Wir haben sie erstversorgt und auf die Namen Paul und Pippi getauft. Die ersten beiden Fütterungen verliefen nach Plan und den Umständen entsprechend ganz gut. Bei der darauf folgenden Mitternachtsfütterung muss ich allerdings feststellen, dass sich das Mädchen nicht mehr bewegt und recht schnell wird uns klar, dass sie es tatsächlich nicht geschafft hat. Eigentlich hab ich mich auf Situationen wie diese eingestellt. Mir war von vornherein klar, dass sowas passieren kann und wird. Trotzdem brauch ich in diesem Moment ein paar Minuten um zu atmen und um mit der Situation umzugehen. Wir trennen Pippi schweren Herzens von Ihrem Bruder, der im ersten Moment völlig ausflippt und konservieren sie für die Untersuchung durch die Behörde. Diese wird am Ende feststellen, ob die beiden Waschbären einen Virus in sich tragen und gegebenenfalls Maßnahmen zur Bestandskontrolle unternehmen.
    Paul muss also vorerst alleine in Isolation bleiben, ist aber weiterhin unheimlich meinungsstark und aktiv, sodass wir in guter Hoffnung sind, dass er bald ein ganz fantastischer großer Waschbär wird.
    Heute nun sind weitere 5 Waschbärenbabys eingetroffen, deren Mutter von einem Auto überfahren wurde. Die Gang ist bereits 4 Wochen alt, alle haben die Augen schon offen und sind in einem richtig guten Zustand. Da wir am Tag zuvor noch zu einer Boyband Playlist unseren Trailer grundgereinigt haben und extrem viel Spass dabei hatten, sind wir uns schnell einig, dass die Namensfindung für diese fünf nach einer Boyband stattfinden wird. Jeder von uns wirft also seinen Vorschlag in die Lostrommel, am Ende gewinnt Nsync, sodass wir nun mit Justin, Joey, Lance, JC und Chris eine perfekt gecastete Waschbärenboyband im Team haben.
    Gonzo ist somit nun unser Erstgeborener und damit der große, kleine Bruder für all diese verrückten Waschbären. Er ist mittlerweile so aktiv, dass er es liebt an uns hoch und runter zu krabbeln und sich unter den Hemden und Hoodies zu verstecken.
    Mit all den Intensivpatienten nehmen die Fütterungszeiten nun deutlich mehr Raum ein, denn die Gang ist schon im Teenageralter und dementsprechend laut und wild unterwegs.
    Die Nachmittage verbringen wir weiterhin mit Picknick am Strand oder Brettspielen wie Animal-Opoly. Was im Prinzip eigentlich nur Monopoly mit Tieren ist. :-)
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  • Oil Springs

    April 20 in Canada ⋅ ☀️ 5 °C

    Meine Tage hier ähneln sich sehr, was gut ist, da ich gerne Struktur habe. Die Gang muss zusätzlich zu den anderen Intensivpatienten alle 4 Stunden gefüttert werden was uns gut beschäftigt und den Tagesablauf sehr routiniert. Wir haben damit gestartet alle 5 Boygroup Racoons kontrolliert über die Spritze zu füttern. Da die fünf aber schon so weit sind, dass sie eigenständig durch die Flasche Nahrung aufnehmen können, sind wir recht schnell darauf umgestiegen. Das hat anfangs sehr viel Zeit gekostet und gab auch immer eine Riesensauerei, da die Waschbären den Saugreflex neu lernen müssen und die Hälfte der Milch überall landet nur nicht im Waschbär selbst. Mittlerweile läuft das aber problemlos, sodass alle extrem gute Fortschritte machen und jede Fütterung zum Erlebnis wird.
    Auch unser erstgeborenes Eichhörnchen Gonzo hat zwischenzeitlich sein Gewicht verdoppelt und wir warten sehnsüchtig darauf, dass er endlich die Augen aufmacht. Sein Fell ist mittlerweile schon sehr dicht, sein Schwanz schön buschig und auch seine Bewegungen gleichen immer mehr denen eines Eichhörnchens.
    Unser zweiter Winzling Waschbär Paul entwickelt sich ebenfalls prächtig und wird nicht müde zu jeder Mahlzeit alles und jeden zusammenzubrüllen. Einzig die Tatsache, dass sich herausgestellt hat, dass Paul ein Mädchen ist musste korrigiert werden. Wir bleiben trotzdem bei Paul, da wir uns einig sind, dass wir im Jahr 2026 leben und jetzt einfach alles möglich ist.
    Vor zwei Tagen haben wir ein weiteres Eichhörnchen zum Aufpeppeln bekommen. Es ist von einem Baum gefallen und wurde daraufhin von Hunden attackiert, sodass der Kleine nun bei uns zur Regeneration gelandet ist. Wir bleiben der Muppet Show treu, sodass Gonzo jetzt mit einem Fozzie ergänzt wird. Fozzie hat bereits seine vollständige Größe erreicht, ihm fehlt es allerdings noch an Muskeln und Gewicht, sodass wir hier ordentlich Aufbauarbeit leisten.
    Er macht es uns mit seinem unfassbaren Appetit aber auch sehr leicht und atmet seine Milch in Rekordzeit weg.
    Die freie Zeit zwischen den Schichten nutzen wir jeden Tag damit die Gegend hier weiter zu erkunden. Wir besichtigen ein Stones and Bones Museum in Sarnia, welches uns mega Spass bringt, da dieses Museum am Ende eigentlich nur ausgestopfte Tiere der ganzen Welt und versteinerte Kackhaufen von verschiedenen Tieren ausstellt.
    Auch der Strand gehört uns und Nora springt mehrfach ins arschkalte Wasser, was mir den allergrößten Respekt abverlangt. Ich bleibe mit meinem Cocktail lieber am Strand sitzen und genieße das Leben.
    An einem Abend gönnen wir uns einen Klamottenwechsel und schaffen es tatsächlich die vollgesabberten Klamotten gegen eine fancy Jeans und sauberen Pulli zu tauschen um in Chatham, einer weiteren größeren Stadt hier sehr lecker Essen zu gehen.
    In Petrolia, einem 6000 Seelen-Ort hier um die Ecke sind wir mittlerweile Stammgast in einem süßen kleinen Café und Nora entscheidet sich spontan dafür ihre Haare blau zu färben, sodass ich zwischenzeitlich den Beruf wechsle und mich als Friseur ausprobiere. Ich scheitere kläglich, denn am Ende ist zwar das Bad komplett eingesaut, aber Nora ̀s Haare sehen aus wie vorher. Vielleicht bin ich doch am besten in dem Job aufgehoben den ich bisher ausübe.
    Es wird also nicht langweilig in Kanada.
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  • Oil Springs

    April 28 in Canada ⋅ 🌬 20 °C

    Und auf einmal ist sie da. Meine letzte Woche im Wildlife Rescue. Und sie wird wild. Und unvorhersehbar. Und dramatisch. Und auch extrem emotional. Davon ist aber zu Beginn noch nix zu merken, denn das Wetter schwenkt mal wieder um und plötzlich liegen wir wieder bei 25 Grad und Sonnenschein auf der großen Wiese hinter dem Haupthaus. Nora und ich beschließen diesmal die beiden Wasserschildkröten am geilen Wetter teilhaben zu lassen und so gönnen wir ihnen einen Vormittag mit uns und richtiger Sonne anstatt der künstlichen Sonne in ihrem Aquarium. Als nach einer Stunde der Größeren der beiden Schildkröten augenscheinlich die Wärme zuviel wird und sie sich unter meinem Oberschenkel im Schatten versteckt, beschließen wir den Ausflug zu beenden. Allerdings nicht bevor wir unsere ausschweifende Fachsimpelei um Gabber Musik beendet haben, die offensichtlich beste Erfindung die Holland hervorgebracht hat. Neben Poffertjes.
    Wir brechen also 10 Minuten später auf, sammeln Schildkröte Nummer 2 ein und beim Aufstehen stelle ich fest, dass Schildkröte Nummer 1 nicht wie erwartet unter meinem Bein chillt sondern verschwunden ist. Das ist der Moment in dem sich in mir ein lange verdrängtes Kindheitstrauma zurück meldet. Als ich ca. 6, vielleicht auch 7 Jahre alt war ist meine heißgeliebte Schildkröte Susi bei einem Ausflug am Badesee entwischt. Ein paar Minuten nicht aufgepasst und sie war nicht mehr zu finden. Und wurde auch nie wieder gesehen.
    Dieses nicht aufgearbeitete Trauma lässt mich sofort in Panik verfallen und zusammen mit Nora krabbel ich auf allen vieren über diese Wiese und taste jeden Grasbüschel ab. Wir finden sie nicht. In meinem Kopf sehe ich mich schon in Handschellen vor dem obersten Gericht, als plötzlich an der Scheune am anderen Ende der Wiese eine Schaufel umfällt. Im Vollsprint hetzen wir rüber und finden sie tatsächlich zwischen der Schaufel und einem Besen. Dieser Moment lässt mich eine lebensverändernde Entscheidung treffen. Niemals wieder werde ich die Verantwortung für eine Schildkröte in einem freiem Auslauf übernehmen. Mach ich einfach nicht mehr. Bin ich fertig mit.
    Auf diesen Tiefpunkt in meinem Leben folgt aber kurze Zeit später ein Hoch auf das wir schon viel zu lange gewartet haben. Unser Erstgeborener Gonzo macht zum ersten Mal die Augen auf. Erstmal nur das Linke. Und wirklich nur das Linke, was die ganze Geschichte anfangs ziemlich gruselig wirken lässt. Nora und ich fühlen uns trotzdem wie Helden und stolze Eichhörnchenmamas. Zwei Tage später fängt dann auch unser kleines Waschbärbaby Paul an die Augen zu öffnen und wir fangen tatsächlich an zu glauben, dass die Welt ab jetzt nur noch aus Sonnenschein besteht und uns nichts mehr aus der Bahn werfen kann.
    Sehr schnell schwenkt die Stimmung aber wieder um, als Gonzo bei der abendlichen Fütterung plötzlich anfängt zu niesen, röchelnd durch das Maul zu atmen und ihm dabei die Milch aus der Nase läuft. Sofort gehen die Alarmglocken an, haben wir doch gelernt, dass die große Gefahr bei Fütterung durch die Spritze ist, dass Milch in die Lunge und die Atemwege kommt und die Tiere daran ersticken. Wir holen uns also schnellstmöglich die Expertise der Leitung des Rescue zur Hilfe, die direkt eine ziemlich schlechte Prognose stellt, denn von Minute zu Minute wird Gonzo mehr und mehr apathisch und stellt seine lebenserhaltenden Maßnahmen ein. Er bekommt direkt Antibiotikum und eine Druckmassage um die Atemwege zu befreien. Im Anschluss packen wir ihn in eine Art Inkubator, ähnlich dem eines Brutkasten, der Wärme und Luftfeuchtigkeit regelt und so helfen soll, dass Gonzo wieder frei atmen kann. Wir werden noch auf die Möglichkeit eingestellt, dass er es nicht bis zum nächsten Morgen schafft, was mir eine extrem schlaflose Nacht bereitet. Aber Gonzo erweist sich als Kämpfer und übersteht diese kritische Phase. Er ist zwar weiterhin durch das Antibiotikum sehr müde und geschwächt, entwickelt aber schnell wieder Appetit und atmet nach ca 24 Stunden auch wieder normal. Die Erleichterung darüber ist am Ende nicht mit Worten zu beschreiben.
    Und wenn ich nach diesem Erlebnis geglaubt habe, es kann nicht schlimmer kommen, werde ich doch eines besseren belehrt. Kurz vor Ende meines Einsatzes hier wird Patrick bei der Fütterung von einem Waschbären gebissen. Nicht tief, aber es reicht dass die Wunde rot und warm wird und leicht anschwillt. Ein mit dem Rescue vertrauter Arzt wird direkt telefonisch kontaktiert, der bescheinigt, dass seine dreistufige Tollwutimpfung ausreichend ist, die Wunde aber trotzdem schnellstmöglich im Hospital versorgt werden muss. Das erweist sich allerdings als Problem, da Patrick (typisch Amerikaner) über einen extrem unzureichenden Krankenschutz verfügt, der für Kanada zudem überhaupt nicht gültig ist. Er muss also schnellstmöglich abreisen und zurück in die USA um sich dort ärztlich versorgen zu lassen.
    Da er aber bereits in meiner ersten Woche hier angeboten hatte Nora und mich am Ende unseres Einsatzes mit seinem Auto bis Mississauga mitzunehmen, da er eh dort vorbei muss und wir uns somit die teure und extrem lange Zugfahrt nach Toronto ersparen, stehen wir vor der Frage ob wir einen Tag vor dem offiziellem Ende unserer Arbeit auch abbrechen und mit ihm mitfahren. Der hinzugezogene kanadische Arzt nimmt uns diese Entscheidung am Ende ab, da er empfiehlt Patrick so wenig wie möglich alleine Auto fahren zu lassen. Wir packen also im Eiltempo unsere Sachen und müssen uns überstürzt von unseren Babys verabschieden, was die ganze Situation neben der Sorge um Patrick´s Gesundheit noch deutlich erschwert. Am Ende des Tages fahre ich das Auto ein Stück bis Mississauga damit sich Patrick ausruhen kann und habe so ausreichend Zeit um zu realisieren, dass meine Zeit in Oil Springs endgültig vorbei ist.
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  • Toronto

    May 2 in Canada ⋅ ☁️ 8 °C

    Die verfrühte Abreise aus Oil Springs beschert mir nun also etwas mehr Zeit in Toronto, was auch einiges an spontaner Umplanung bedeutet. Ich kann mein Apartment um eine Nacht verlängern und nehme Nora noch für diese Nacht mit bei mir auf, da sie ihr Hostel zwar auch verlängern könnte, aber bis 21 Uhr einchecken müsste, was wir auf gar keinen Fall schaffen.
    So verabschieden wir uns in Mississauga von Patrick und fahren mit der Metro bis ins Zentrum von Toronto. Dort angekommen sind wir tatsächlich kurz geflasht von den vielen Lichtern, Autos und Menschen. Nach einem Monat im tiefsten kanadischen Hinterland fühlt es sich für einen kurzen Moment irgendwie an als ob Amish Menschen das moderne Leben entdecken.
    Das Apartment hat eine mega zentrale Lage, allerdings war´s das dann auch schon. Das Zimmer hat lediglich drei Matratzen auf dem Boden und die Dusche entpuppt sich als geteiltes Badezimmer welches auch die Bewohner eines weiteren Apartments nutzen. Dafür punktet die Riesenterrasse, die wir direkt in Beschlag nehmen um uns bis in die Nacht mit Mixgetränken und Fast Food mit langen Gesprächen vom Leben im Rescue und der Arbeit mit den Tieren zu verabschieden.
    Noch im Auto habe ich mich für einen spontanen Trip zu den Niagara Fällen am nächsten Tag entschieden und finde bei meiner Recherche einen Bus für umgerechnet 9 Euro. Top Angebot, wird sofort zugeschlagen. Nora war eigentlich erst vor gut 1,5 Monaten vor ihrem Einsatz im Rescue dort, überlegt aber nicht lange und begleitet mich einfach nochmal. Zum einen ist der Preis unschlagbar, zum anderen war Mitte März alles noch vereist und gesperrt, sodass sie jetzt die Hoffnung hat mehr Attraktionen mitnehmen zu können und auch mehr von den eigentlichen Wasserfällen sehen zu können.
    So sitzen wir also am nächsten Tag nach etwas längerem rumirren tatsächlich im richtigen Bus. An dieser Stelle geht der Hinweis raus sich für die Union Station in Toronto etwas Zeit zu nehmen. Am Ende ist zwar alles super ausgeschildert, aber der Laden da ist einfach riesig und unfassbar krass verzweigt. Lohnt sich eigentlich schon als eigene Sehenswürdigkeit.
    An den Niagara Fällen angekommen erwartet uns ziemlich heftiger Regen. Wir nehmen es aber positiv, denn der Vorteil davon ist dass sich kaum ein anderer Touri an diesem Tag dorthin verirrt und der ganze Bereich so gut wie leer ist. Wir schlendern die Promenade entlang, zahlen sehr viel Geld um in den Berg und somit hinter die Wasserfälle zu kommen, was sich aber einfach so krass lohnt, denn dort ist man so nah dran, dass man die krasse Wucht sieht und spürt die diese Wassermassen mit sich bringen. Durch die Schneeschmelze rauscht einfach mal doppelt so viel Wasser runter als im Sommer.
    Am Ende des Tages eskalieren wir noch etwas im Souvenirshop und sitzen nass aber glücklich wieder im Bus nach Toronto. Hier muss ich mich dann auch schweren Herzens von Nora verabschieden. Sie ist mir super ans Herz gewachsen und ich muss ihr versprechen sie in Den Haag besuchen zu kommen. Kein Problem, der Bayer spielt bestimmt auch wieder in Holland.
    Die verbleibenden Tage nutze ich voll und ganz für mich und genieße meine Alone Time. Ich schlendere stundenlang durch Toronto, lasse mich mit meinem Buch im Park treiben, genieße das Stadtleben, gönne mir einen Theaterbesuch und zwei neue Tattoos und lasse meinen Toronto Kurzurlaub mit einem neuen Ground und dem Canadian Premier League Spiel zwischen Inter Toronto und Atlético Ottawa ausklingen. Ganz stilecht mit kanadischer Nationalhymne und einer fetten Poutine im Stadion.
    Am Ende sitze ich im Flieger nach Calgary, mein kurzer Zwischenstopp zum nächsten Einsatz im Yukon.
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  • Calgary

    May 3 in Canada ⋅ ⛅ 22 °C

    Auf meinem Weg in den Norden Kanadas gönne ich mir einen Zwischenstopp in Calgary und bin überrascht, dass hier bereits der Sommer ausgebrochen ist. Musste ich in Toronto noch meine Winterjacke auspacken, struggle ich hier damit dass ich alle meine kurzen Hosen nach ganz unten in meinen Koffer gepackt habe und diesen jetzt dafür nicht komplett auf den Kopf stellen will.
    So muss halt auch Jeans und Shirt ausreichen. Ich habe genau einen Tag Zeit für diese Stadt und lasse mir daher von der KI meines Vertrauens eine Walking Tour zusammenstellen die mir alle sehenswerten Spots von Calgary aufzeigt. Die nächsten 6 Stunden verbringe ich nun damit mich durch die Stadt treiben zu lassen, schlendere vom Calgary Tower zum Olympic Plaza und weiter zur Peace Bridge und bin begeistert vom River Walk der quasi den Fluss hier durch die ganze Stadt begleitet und der natürlich bei strahlendem Sonnenschein an einem Sonntag ein toller Spot ist um am Wasser zu sitzen, Strassenmusikern zuzuhören, Skater zu beobachten und einfach zu atmen und das Leben zu genießen.
    Ich lasse den Tag noch in einem der vielen kleinen Coffeeshops in der Sonne ausklingen. Morgen früh geht´s weiter in den Norden.
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  • Mayo / Yukon

    May 6 in Canada ⋅ ☁️ 9 °C

    Von Calgary sind es 2,5 Stunden Flugzeit bis Whitehorse im Yukon die ich hauptsächlich damit verbringe fasziniert aus dem Fenster zu schauen und die schneebedeckten Berge zu bestaunen.
    In Whitehorse angekommen, werde ich von Jens abgeholt auf dessen Hühnerfarm ich die nächsten 4 Wochen arbeiten werde und der mir in einer ersten Amtshandlung erstmal Gummistiefel kauft (ist ja schließlich muddy saison und ich werde schnell merken, dass es ohne nicht geht) und mich direkt im Anschluss in seinen Lieblingspub auf ein Willkommensbier einlädt.
    Sofort werde ich mit ins Geschäft eingebunden und bin direkt mit dabei als noch Eier an Kunden ausgeliefert und diverse Einkäufe getätigt werden. Zudem holen wir einen riesigen Anhänger mit Futter und Einstreu für die Hühner sowie einen Räucherofen ab, der demnächst eingeweiht werden soll. Dann geht es endlich auf die ca. 5 Stunden lange Fahrt nach Mayo, in Richtung der Grenze zu Alaska.
    Aufgrund einer längeren Pause wegen des überhitzten Motors und noch einigen kleineren Stopps weil das Panorama so wunderschön ist, erreichen wir die Farm erst nach 6 Stunden gegen Mitternacht. Ich werde überschwänglich von den 8 Hunden begrüßt und merke sehr schnell wie dumm die Idee war einen weißen Hoodie anzuziehen. Die erste Amtshandlung für den nächsten Tag steht also bereits fest: Wäsche waschen.
    Nachdem ich Nadja kennengelernt habe, die zusammen mit Jens die Farm betreibt, bringe ich nur noch mein Gepäck in meine Hütte, telefoniere schnell noch mit Sebastian in der Heimat der soeben aufgestanden ist und falle todmüde in mein Bett.
    Am folgenden Tag lerne ich dann recht schnell den Umfang der Farm und meine Aufgaben kennen und mir wird direkt mitgeteilt, dass ich mit allen Tätigkeiten bis zum Wochenende fit sein muss, da beide wegen Terminen unterwegs sind und ich somit für zwei Tage alleine für alles verantwortlich sein werde. Gar kein Problem.
    Hochmotiviert lerne ich im Eiltempo die Abläufe für alle 500 Hühner kennen. Zudem sind noch Gänse, Schweine, Kaninchen und die Hunde zu versorgen, was sich aber alles in einen sehr routinierten Tagesablauf packen lässt. Aufgrund der Größe der Farm und weil hier generell weit und breit niemand anderes wohnt und sich belästigt fühlen könnte, haben alle Tiere unbegrenzten Auslauf. Die Gefahr die eigentlich nur durch Luchs, Fuchs und Bär droht, wird konsequent von den Hunden fern gehalten, die als sogenannte Guardians Rasse dafür gezüchtet wurden loyal und wachsam zu sein und deren Stärke es ist mit einem großen Beschützerinstinkt und in der Gruppe „ihren“ Besitz zu verteidigen und dabei auch eigenständig Entscheidungen zu treffen.
    Ich habe sofort einen Draht zu allen Hunden. Richtig stolz macht mich, dass der Chef des Rudels nur einen halben Tag benötigt um sich von mir streicheln zu lassen und seitdem auch von sich aus auf mich zukommt und sich seine täglichen Zuwendungen bei mir abholt. Das war bisher wohl bei allen Volunteers vor mir nicht der Fall, die wurden von ihm konsequent ignoriert.
    So starte ich nun also jeden morgen damit die drei Hühnerstallungen zu säubern, die Futter- und Wasserstände aufzufüllen und die Eier einzusammeln. Alle Eier müssen im Anschluss gezählt, aussortiert und gereinigt werden, sodass diese auch per Hand in die Kartons gepackt werden können, damit die Auslieferung einmal pro Woche stattfinden kann.
    Im Gegensatz zu meinem Einsatz im Wildlife Rescue ist das hier richtig harte Arbeit und ich merke schnell dass mich das hier eher körperlich fordert. Aber ich bin schon nach zwei Tagen voll im Flow und habe mega Spaß an der Arbeit.
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  • Mayo / Yukon

    May 12 in Canada ⋅ ⛅ 10 °C

    Eine Woche bin ich nun auf der Northern Blue Bird Farm, es fühlt sich mittlerweile allerdings so an als ob ich noch nie etwas anderes getan habe. Ich bin voll integriert und hab meine festen Aufgaben und die alleinige Verantwortung für die Hunde, Hühner, Kaninchen, Gänse und Schweine. Das bedeutet ich starte 7.30 Uhr mit der ersten Runde. Die beinhaltet die Reinigung aller drei Hühnerställe, Auffüllen der Futterkrippen und Tränken und die erste Runde Eier einsammeln, zählen und aussortieren. Dazu werden noch Hunde, Kaninchen, Gänse und Schweine gefüttert.
    Im Anschluss hat sich unser gemeinsames Frühstück gegen 9 Uhr gut eingespielt, sodass wir ca eine Stunde zusammen sitzen und ausgiebige Gespräche über das Leben in Kanada führen und wir einfach über alles philosophieren was uns so einfällt. Gegen 10 Uhr mache ich meine zweite Runde und sammle nochmal in allen drei Ställen Eier ein, die im Anschluss gezählt und sortiert und direkt gewaschen und verpackt werden.
    Am Nachmittag geht´s dann ein zweites Mal auf die Fütterungsrunde. Dazwischen fahren wir entweder Eier im Ort aus, besorgen mit dem Truck neues Trinkwasser oder Feuerholz oder bauen ein neues Gehege für die 15 kleinen Ferkel die gestern bei uns ein gezogen sind.
    Bei einer dieser Fahrten durch diese fantastische Natur läuft uns ein Braunbär über den Weg der neugierig neben dem Auto herläuft und erst im Wald verschwindet als wir auf gleicher Höhe anhalten um ihm Hallo zu sagen.
    Ich habe mir zudem zur Aufgabe gemacht meine Zeit hier zu nutzen um alle fünf Hunde vernünftig zu bürsten und deren Fellknoten die durch das sehr dicke Winterfell entstanden sind zu lösen bzw. rauszuschneiden. Aktuell gehe ich noch sehr engagiert zur Sache, bin allerdings auch ein wenig glücklich, dass ich noch gut 3 Wochen habe um diese Mammutaufgabe zu meiner Zufriedenheit zu Ende zu bringen.
    Das Wochenende habe ich wie angekündigt alleine auf der Farm verbracht, was mir im ersten Moment doch etwas Respekt eingeflößt hat. Nicht weil ich Angst hatte die Aufgaben alleine nicht zu schaffen, sondern eher aus dem Grund, dass der Kopf irgendwann realisiert hat, dass ich kleines Stadtkind jetzt komplett alleine in der kanadischen Wildnis, fernab der Zivilisation ein Leben als Einsiedler führe.
    Recht schnell gewöhne ich mich aber an den Gedanken und fange einfach an mit den Hunden meine tägliche Kommunikation zu führen. Es dauert nicht lange und ich erreiche den Punkt an dem ich der festen Überzeugung bin, dass sie mir auch antworten.
    Bei den wöchentlichen Auslieferungen lerne ich viel über das Leben der indigenen Bevölkerung hier kennen. In Kanada wird diese Gruppe als First Nation bezeichnet, die sich selbst verwalten und denen das Land im Yukon offiziell gehört.
    Ich lerne zudem die Menschen im Ort Mayo kennen, allen voran die Feuerwehrleute die über den Sommer hier stationiert werden und bereits jetzt in Alarmbereitschaft sind wegen der Feuerwalzen regelmäßig jedes Jahr hier ausbrechen.
    Zudem beliefern wir auch die örtlichen Goldminen, das Rathaus, die Schule und den kleinen Schnapsladen mit unseren Eiern. Sogar ein Schwimmbad gibt es in diesem kleinen Örtchen hier. Dieses ist beheizt und eigentlich auch nur während der Sommerferien geöffnet, allerdings auch nur sofern sich ein saisonaler Rettungsschwimmer findet.
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  • Mayo / Yukon

    May 19 in Canada ⋅ ⛅ 12 °C

    Sommer im Yukon ist anders. Unerwartet. Unvorhersehbar. Irgendwie durchgedreht. Das Thermometer zeigt seit Wochen konstant zwischen 6 und 13 Grad, was mich aber trotzdem nicht daran hindert in Shirt und teilweise in Shorts rumzulaufen, weil die gefühlte Temperatur bis zu 20 Grad hochgeht. Aufgrund des trockenen Klimas und da die Sonne hier im Norden in einem deutlich höheren Winkel scheint und sehr schnell durch die Wolken kommt fühlt es sich immer dreimal wärmer an als das was das Thermometer ankündigt.
    Gleichzeitig passiert es aber auch, dass ich morgens aufwache und es tobt ein kleiner Schneesturm, während ich paar Stunden später um die Mittagszeit wieder in der Sonne sitze und mir den nächsten Sonnenbrand abhole. Es ist einfach verrückt.
    Verrückt ist auch mittlerweile meine Verbindung zu Hanna, einer der 8 Hunde hier. Von Anfang an lässt sie mich nicht aus den Augen und kommt wie ein Schatten immer hinter mir her bei allem was ich tue. Morgens liegt sie vor meiner Hütte und besteht darauf, dass sie die Erste ist die ich begrüße und bei jeder Fütterungsrunde ist sie immer an meiner Seite und wartet geduldig bis ich mit allen drei Hühnerställen durch bin, um mich dann zum Waschhaus zu begleiten und davor darauf zu warten bis ich mit zählen, sortieren und waschen der Eier durch bin.
    Ich bin ein Hundemensch, schon immer gewesen. Aber bisher war ich es selbst immer die sich die Hunde ausgesucht hat, die ich näher an mich ranlasse und mit denen ich eine Verbindung aufbaue, meine Seelenhunde quasi. Dass diesmal ein Hund mich gesucht und gefunden hat ist neu und irgendwie sehr emotional und lässt mich bereits jetzt mit Schaudern an den Tag denken an dem ich mich verabschieden muss.
    Die Hunde sind es aber allgemein die das Leben hier spannend und abwechslungsreich machen. Vor zwei Tagen fehlte Richie beim Frühstück. Der Richie der immer als erstes den Hundenapf durch die Gegend schleudert, weil er quasi dauerhungrig ist und immer essen kann.
    Nach kurzem Suchen finden wir ihn unter einer Hütte, die Schnauze komplett blutig. Offensichtlich hat es sich Richie nicht nehmen lassen ein Stachelschwein zu ärgern und die Quittung kassiert in dem sein Maul und die Nase nun komplett mit Stacheln verziert sind.
    In einer Erste-Hilfe-Aktion ziehen wir ihm die meisten der Stacheln ohne Betäubung und mit zwei Personen, die ausschliesslich dafür da sind die 50 Kilo ruhig zu halten, raus. Richie erträgt das alles unfassbar tapfer und ohne ein einziges winseln oder jammern. Allerdings stecken einige der Stacheln so tief drin, dass es zu gefährlich für Laien wie uns ist da weiter notzuoperieren.
    Der nächste Tierarzt in Dawson City ist 2,5 Fahrstunden weg und wegen dem Feiertag auch gar nicht im Dienst. Daher fragen wir die örtliche Krankenschwester in Mayo um Hilfe die uns ohne groß zu zögern Tabletten zur Beruhigung und Antibiotikum vorbei bringt, sodass wir es damit schaffen die restlichen Stacheln zu entfernen und die Entzündung einzudämmen.
    In der Hoffnung dass Richie das nächste Stachelschwein links liegen lässt, verkriecht er sich nach überstandener Behandlung wieder unter der Hütte, nicht ohne uns noch mit einem abwertenden Blick zu würdigen. Gern geschehen, Richie.
    Mein einzigen Day Off nutze ich um mit einem der Pick-Ups durch die Gegend zu düsen, mir einige Seen anzuschauen, etwas zu wandern und am Ende mit meinem Buch in der Sonne zu versacken und diese atemberaubende Natur hier zu genießen. Ich werde nicht müde die Gravel Road hoch und runter zu fahren und die schneebedeckten Berge vor mir und im Rückspiegel zu bestaunen. Was für eine wunderschöne Welt.
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  • Mayo / Yukon

    May 26 in Canada ⋅ ☁️ 10 °C

    In ein paar Tagen ist nun mein Leben als Kanadier schon wieder vorbei und ich muss lügen, wenn ich sage dass ich es nicht vermissen werde. Im Gegenteil. In den letzten Tagen kam mir immer wieder der Gedanke, dass ich doch gerne noch was bleiben möchte. Ich mag das einfache Leben im Yukon, die Menschen hier, die Landschaft, die Tiere, das Farmleben und die langen Gespräche bei nicht untergehender Sonne mit Gin Tonic. Nein, eigentlich will ich noch nicht dass es vorbei ist. Und auch wenn die Vorfreude auf den nächsten Teil meiner Reise mit jedem Tag mehr und mehr wächst, werde ich schon mehrmals am Tag etwas wehmütig. Hinzu kommt, dass mich Jens und Nadja auch nicht gehen lassen wollen und nicht müde werden mir immer wieder mit einem Augenzwinkern mitzuteilen wie sie darauf hoffen, dass mir die Einreise in die USA verwehrt wird und ich doch hierbleiben muss um den Sommer im Yukon zu erleben. Ich muss ihnen also hoch und heilig versprechen, dass ich wiederkommen werde und ich meine es auch so. Ich will und werde hierher zurückkommen.
    Bis dahin verbringe ich meine letzten 1,5 Wochen allerdings noch mit jede Menge Farming und viel Füttern, Ausmisten, Eier sortieren, waschen und ausliefern, Gewächshaus bauen, jede Menge Yukon-Bewohner in Mayo kennenlernen und mich vom kleinen dicken Eichhörnchen vorführen lassen, dass in den letzten Tagen vermehrt ganz dreist das Hundefutter klaut.
    Jens und Nadja nehmen mich noch mit nach Keno, eine alte Minensiedlung sprichwörtlich am Ende der Welt, denn die Strasse geht dort nicht mehr weiter. Hinter diesem Ort ist nur noch Wald und Alaska. Das Dorf scheint einfach in der Zeit stehen geblieben zu sein und ich lerne in der örtlichen Kneipe einige der schrulligen Einwohner kennen, die hier tatsächlich in ihrer eigenen Welt leben.
    In Mayo selbst lerne ich Kyla kennen, die eigentlich in der örtlichen Schulküche arbeitet und ihrer Freizeit Tattoo´s sticht, sodass ich mich an einem Nachmittag spontan auf ihrer Couch wiederfinde und mir ein kleines Yukon Andenken gönne. Auf dem Heimweg werde ich von den Anwohnern mittlerweile ganz selbstverständlich gegrüßt und von den Autofahrern auf eine lustige Art und Weise verspottet, wenn ich mal wieder die eigens in Kanada gültigen Vorfahrtsregeln nicht checke und die Kreuzung lahmlege, weil ich vorsichtshalber anhalte anstatt zu fahren. Ich kann mich darauf verlassen dass mich Nadja keine fünf Minuten später anruft und mir erzählt, dass ich bereits Gesprächsthema in Mayo bin und ihr soeben brühwarm erzählt wurde, dass ich typisch deutsch die Verkehrsregeln viel zu genau nehme.
    Nach nur vier Wochen bin ich hier ich hier einfach komplett integriert, als ob es nie anders gewesen wäre. Ich liebe es.
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  • Dawson City / Yukon

    May 29 in Canada ⋅ ☁️ 13 °C

    „Du warst nicht im Yukon, wenn du Dawson nicht gesehen hast.“ Diesen Satz habe ich bereits vor meiner Anreise gehört. Und auch während meiner Zeit in Mayo wurde desöfteren über Dawson in den schillerndsten Ausführungen gesprochen.
    Dawson City liegt am Klondike River und war während des Gold Rush Ende des 19. Jahrhunderts DER place to be im Yukon.
    An meinem letzten Tag darf ich mich dann selbst von der Einmaligkeit dieses Ortes überzeugen. Nach 3-stündiger Fahrt erreichen wir die Stadt die tatsächlich in der Zeit stehengeblieben scheint. Bereits weit vor Ortseingang türmen sich links und rechts des Highways die Steinberge vergangener Goldgrabungen. Die Stadt selbst könnte auch aus einem Western stammen, an jeder Ecke finden sich historische Gebäude gebaut aus dem Holz des 19. Jahrhunderts.
    Wir schlendern durch die Stadt, gönnen uns ein Dinner in einem der Restaurants das noch vor Jahren ein Saloon war und trinken in der Bar nebenan noch ein paar Bier während wir super nette Gespräche mit dem Wirt und einheimischen Gästen an der Bar führen.
    Am nächsten Tag ist es dann soweit, ich muss mich auch von Jens verabschieden, da ich von hier aus über Whitehorse nach Vancouver weiterreise und damit mein Abenteuer Kanada beenden werde. Der Abschied von Nadja und den Hunden am Tag vorher liegt mir noch auf der Seele, sodass wir uns glücklicherweise sehr kurz halten, was es mir etwas leichter macht nicht schon wieder sentimental zu werden.
    Ich stehe am Ende meiner kanadischen Zeit also in der kleinsten Abflughalle der Welt, in Dawson City, mache eine der skurillsten Erfahrungen mit der Sicherheitskontrolle in dem ich einfach durch ein provisorisches Zelt direkt vor dem Flieger laufe und im vorbeigehen gefragt werde, ob ich Waffen oder Bärenspray dabei habe. Ich antworte mit Nein und darf ohne weiteres in den Flieger einsteigen. Im Flieger selbst wird mir mitgeteilt, dass sich jeder der abgezählten 25 Passagiere bitte auf eine Reihe durch das ganze Flugzeug verteilen soll. Am Ende sitzen wir über 35 Reihen verteilt in einem A321 und ich werde doch noch emotional, als ich beim Anblick der schneebedeckten Berge final realisiere, dass ich den Yukon jetzt wirklich verlassen werde. Dieser Fleck Erde hat sich so sehr in mein Herz gebrannt, eigentlich will ich noch nicht dass es vorbei geht, fühle aber am Ende unheimliche Dankbarkeit für diese wahnsinnig coole Zeit die ich hier hatte.
    Nach einem Zwischenstopp in Whitehorse endet diese Reise in Vancouver. Ich genieße das zivile Leben mit einem Badezimmer ganz für mich alleine (das erste Mal seit zwei Monaten) und einem Kingsize Bett, bevor am nächsten Tag die neue Etappe meines Abenteuers Nordamerika startet.
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    Trip end
    May 30, 2026