• Mayo / Yukon

    May 19 in Canada ⋅ ⛅ 12 °C

    Sommer im Yukon ist anders. Unerwartet. Unvorhersehbar. Irgendwie durchgedreht. Das Thermometer zeigt seit Wochen konstant zwischen 6 und 13 Grad, was mich aber trotzdem nicht daran hindert in Shirt und teilweise in Shorts rumzulaufen, weil die gefühlte Temperatur bis zu 20 Grad hochgeht. Aufgrund des trockenen Klimas und da die Sonne hier im Norden in einem deutlich höheren Winkel scheint und sehr schnell durch die Wolken kommt fühlt es sich immer dreimal wärmer an als das was das Thermometer ankündigt.
    Gleichzeitig passiert es aber auch, dass ich morgens aufwache und es tobt ein kleiner Schneesturm, während ich paar Stunden später um die Mittagszeit wieder in der Sonne sitze und mir den nächsten Sonnenbrand abhole. Es ist einfach verrückt.
    Verrückt ist auch mittlerweile meine Verbindung zu Hanna, einer der 8 Hunde hier. Von Anfang an lässt sie mich nicht aus den Augen und kommt wie ein Schatten immer hinter mir her bei allem was ich tue. Morgens liegt sie vor meiner Hütte und besteht darauf, dass sie die Erste ist die ich begrüße und bei jeder Fütterungsrunde ist sie immer an meiner Seite und wartet geduldig bis ich mit allen drei Hühnerställen durch bin, um mich dann zum Waschhaus zu begleiten und davor darauf zu warten bis ich mit zählen, sortieren und waschen der Eier durch bin.
    Ich bin ein Hundemensch, schon immer gewesen. Aber bisher war ich es selbst immer die sich die Hunde ausgesucht hat, die ich näher an mich ranlasse und mit denen ich eine Verbindung aufbaue, meine Seelenhunde quasi. Dass diesmal ein Hund mich gesucht und gefunden hat ist neu und irgendwie sehr emotional und lässt mich bereits jetzt mit Schaudern an den Tag denken an dem ich mich verabschieden muss.
    Die Hunde sind es aber allgemein die das Leben hier spannend und abwechslungsreich machen. Vor zwei Tagen fehlte Richie beim Frühstück. Der Richie der immer als erstes den Hundenapf durch die Gegend schleudert, weil er quasi dauerhungrig ist und immer essen kann.
    Nach kurzem Suchen finden wir ihn unter einer Hütte, die Schnauze komplett blutig. Offensichtlich hat es sich Richie nicht nehmen lassen ein Stachelschwein zu ärgern und die Quittung kassiert in dem sein Maul und die Nase nun komplett mit Stacheln verziert sind.
    In einer Erste-Hilfe-Aktion ziehen wir ihm die meisten der Stacheln ohne Betäubung und mit zwei Personen, die ausschliesslich dafür da sind die 50 Kilo ruhig zu halten, raus. Richie erträgt das alles unfassbar tapfer und ohne ein einziges winseln oder jammern. Allerdings stecken einige der Stacheln so tief drin, dass es zu gefährlich für Laien wie uns ist da weiter notzuoperieren.
    Der nächste Tierarzt in Dawson City ist 2,5 Fahrstunden weg und wegen dem Feiertag auch gar nicht im Dienst. Daher fragen wir die örtliche Krankenschwester in Mayo um Hilfe die uns ohne groß zu zögern Tabletten zur Beruhigung und Antibiotikum vorbei bringt, sodass wir es damit schaffen die restlichen Stacheln zu entfernen und die Entzündung einzudämmen.
    In der Hoffnung dass Richie das nächste Stachelschwein links liegen lässt, verkriecht er sich nach überstandener Behandlung wieder unter der Hütte, nicht ohne uns noch mit einem abwertenden Blick zu würdigen. Gern geschehen, Richie.
    Mein einzigen Day Off nutze ich um mit einem der Pick-Ups durch die Gegend zu düsen, mir einige Seen anzuschauen, etwas zu wandern und am Ende mit meinem Buch in der Sonne zu versacken und diese atemberaubende Natur hier zu genießen. Ich werde nicht müde die Gravel Road hoch und runter zu fahren und die schneebedeckten Berge vor mir und im Rückspiegel zu bestaunen. Was für eine wunderschöne Welt.
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