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  • Day43

    Day #40 disturbing, youngest past

    October 15, 2017 in Cambodia ⋅ ⛅ 27 °C

    Denkt man an Geschichte, fallen einem uralte Geschehnisse ein, aus längst vergangenen Jahrhunderten und Epochen, dessen Jahreszahlen man sich für eine Prüfung im Geschichtsunterricht ins Kurzzeitgedächtnis drücken musste.

    Dieser Ausschnitt aus der Vergangenheit, wie er sich hier in Kambodscha abgespielt hat, ist noch so jung und zugleich so grotesk grausam, dass es mir die Sprache verschlug, als ich die Schauplätze dieser dunklen Ära besuchte.

    Bereits in Vietnam waren die Dokumentationen des Krieges und dessen Folgen erdrückend und natürlich kann ein bestimmter Krieg nicht mehr aufwiegen als ein anderer. Den Schmerz, die Verluste und Zerstörungen welche Kriege verursachen, sind niemals Messbar und immer unnötig.

    Und trotzdem, was sich in diesem kleinen Land, welches eingeklemmt zwischen Vietnam und Thailand gerne mal vergessen geht, vor weniger als 40 Jahren abgespielt hat, machte mich tief betroffen, insbesondere weil ich noch nie davon gehört habe und weil es etliche Jahre nach dem 2. Weltkrieg geschehen ist, in einer Zeit in welcher die ganze Welt auf das Thema Genozid sensibilisiert hätte sein solllen.

    Zum Ende hin, des Vietnam Krieges, wurde auch Kambodscha stark in Mitleidenschaft gezogen. Amerikanische B52 Bomber entluden bereits zu Vietnamkriegszeiten gezielt Sprengsätze über kambodschanischem Gebiet. Ziel waren nach wie vor die Vietkong und ihre Sympatisanten, getroffen wurden aber hauptsächlich kambodschanische Zivilisten.
    Die wachsende Wut dieser Umstände trieb das einfache Volk direkt in die Arme einer kleinen maoistisch, sozialistisch orientierten Gruppierung, später bekannt unter dem Namen Khmer Rouge.

    Im Frühjahr, 1975 zogen sich die USA und auch Frankreich aus dem Land zurück. Kambodscha war bereit für die Unabhängigkeit. Viele bejubelten die aufstrebende Macht der Khmer Rouge und glaubten an die Visionen des Anführers Pol Pot. Dieser versprach ein Paradies, nach dem Vorbild des Kommunismus, in welchem Alle gleich waren und jeder genug zum leben hat. Misstrauen und Paranoia verhinderten jedoch jede Form von logischem und rationalem Denken, was schlussentlich zu einer Katastrophe führte.

    Innert 48 Stunden wurden die Bewohner Phnom Penhs und anderer grosser Städte auf das Land getrieben, um Zwangsarbeit zu verrichten. Die Khmer Rouge rekrutierten hauptsächlich Kinder für ihre Bewegung und bildeten sie zu erschreckend effizienten Soldaten aus. Minderheiten, Akademiker und gebildete Menschen wurden zu Feinden erklärt.

    Das tragen einer Brille oder zarte Hände, waren bereits Beweis genug, dass man samt Familie, verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurde. Im von uns besuchten Hochsicherheitsgefängnis, Tuol Sleng, besser bekannt als "S-21", wurde den Gefangenen unter Folter ein schriftliches Geständnis aberzwungen, in welchem sie festhalten mussten, dass sie für die CIA oder den KGB arbeiteten, Organisationen, von welchen die Opfer vermutlich noch nie gehört haben, nur um sie anschliessend auf den "Killing Fields" zu ermorden.

    Das S-21 war ein ehemaliges Schulgelände mit mehreren Gebäuden, welches von den Khmer Rouge umfunktioniert und umgebaut wurde. In den Klassenzimmern wurden zum Teil Ziegelsteinmauern hochgezogen, um winzige Einzelzellen zu erschaffen. In anderen Räumen wurden Verankerungen im Boden angebracht um Gefangene, zu hunderten, an Fussfesseln, dort festzuhalten.
    In den Folterkammern fand man jeweils einen leeren, metallenen Bettrost mit Fesseln vor, an der Wand das dazugehörige Bild, welches zeigte wie die Befreier die Opfer nach dem Einmarschieren vorfanden. Die offenen Durchgange der Stockwerke waren mit Stacheldraht gesichert, damit die Gefangenen nicht hinunterspringen und sich selber umbringen konnten.

    Als wir im Innenhof der Anlage auf einer Bank sassen, erschien plötzlich ein Pfau, der seelenruhig auf der Suche nach Nahrung, umherspazierte. Mit seinem schillernden Federkleid und der eleganten Gangart, bildete er einen surealen und etwas tröstenden Kontrast zu diesem bedrückenden Ort, welchen ihn umgab.

    Ich habe vorher noch nie ein Konzentrationslager dieser Art besucht.

    Anschliessend an den S-21 Besuch, fuhren wir raus, zu einem der Schauplätze, bekannt als "Killing Fields".
    Gefangene, welche ein Geständnis abgelegt haben, wurden in Lastern hierher gebracht und noch in der selben Nacht, ermordet und in Massengräbern verscharrt. Um kein Misstrauen seitens der Bevölkerung zu erwecken, verwendete man für die Exekutionen keine Schusswaffen, welche zu viel Lärm verursacht hätten, sondern prügelte die Gefangenen zu tode. Ein anderes Argument war auch, dass die Kugeln zu teuer und wertvoll waren, um Verräter damit zu töten.

    Heute steht vor Ort eine Gedenkpagode, in welcher sich die Gebeine der Opfer meterhoch stapeln. Unter dem angrenzenden See, liegen immer noch tausende von anonymen Toten. Man beschloss, sie dort ruhen zu lassen.

    So geschah es von 1975-79, Nacht für Nacht, mit lauter Propagandamusik, um die Schreie zu übertönen und ohne dass Details dieser Grausamkeiten die Landesgrenzen wirklich überschritten oder angehört wurden.
    Alle Menschen mit Fachwissen waren ermorded oder geflohen und die Menschen aus den Städten hatten keine Ahnung von Landwirtschaft. Das Volk verhungerte langsam und wurde gezwungen, sich zu tode zu arbeiten.

    Keine vier Jahre dauerte es, bis die Khmer Rouge Bewegung und ihr "Steinzeitkommunismus" am Ende und zerschlagen waren. Von einer 8 Millionen Bevölkerung wurden rund 3 Millionen durch ihre eigenen Landsleute und ohne Grund getötet.

    Die Anführer konnten in den Untergrund fliehen und wurden viel zu lange nicht verurteilt. Die Grausamkeiten, welche sie begangen haben, wurden von den grossen Nationen dieser Welt nicht anerkannt, schlimmer noch, die Khmer Rouge wurde von den Weltmächten weiterhin als Regierung Kambodschas anerkannt und hatte sogar einen Sitz in der UNO.

    Die ehemaligen Kindersoldaten sind heute gerade mal in ihren 40ern.
    Das erste Strafgerichtsverfahren gegen einen der Anführer der Khmer Rouge wurde 2009 eröffnet.
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    Katharina Wenger

    Ein sehr dunkles Kapitel der neueren Geschichte, das heute überall wiederholt wird (Burma, Afrika ua).

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