• Vitlycke - Felsritzungen als Weltkulturerbe

    September 18 in Sweden ☁️ 15 °C

    Wenig los war am Morgen beim Vitlycke Museum, das Museum, Café und Laden hatten aber geöffnet, und wir haben die Umgebung ausgiebig zu Fuß erkundet. Das Museum ist der Besucherpunkt für das Weltkulturerbe der Felsritzungen von Tanum, ein Gebiet von immerhin 45 Quadratkilometern mit rund 510 bekannten Fundstellen. Entstanden sind die Bilder über einen enorm langen Zeitraum der Bronzezeit, etwa 1800 bis 500 vor Christus, ein genaues Alter lässt sich für einzelne Ritzungen allerdings kaum bestimmen, da die gängigen naturwissenschaftlichen Methoden wie die C14-Datierung hier nicht greifen. Archäologen behelfen sich deshalb mit den dargestellten Waffentypen, die eine grobe zeitliche Einordnung erlauben.

    Was die Figuren tatsächlich bedeuten, ist bis heute nicht abschließend geklärt, die Forschung tastet sich eher vorsichtig heran. Auffällig ist, dass Alltagsszenen komplett fehlen, keine Häuser, keine Kinder, keine Arbeitsszenen, stattdessen wiederkehrende Motive wie Schiffe, Stiere, Wagen und menschenähnliche Figuren. Das spricht eher für eine bewusste, wahrscheinlich religiös-kultische Bildsprache als für zufällige Kritzeleien, und wenn man bedenkt, dass jedes Motiv mühsam mit einem härteren Stein wie Quarz aus dem Granit herausgeschlagen wurde, bekommt man eine Ahnung davon, wie viel handwerkliches Können und Zeit unsere bronzezeitlichen Vorfahren dafür aufgebracht haben müssen.
    Direkt neben dem Museum liegt der Bronzezeithof, zwei rekonstruierte Langhäuser und eine Werkstatt, die genau das zeigen, wovon die Felsbilder selbst merkwürdigerweise schweigen: den Alltag. Keine Häuser, keine Felder, keine Tiere finden sich auf den Ritzungen, dafür aber hier, zum Anfassen nachgebaut. Wer möchte, kann sich im Sommer sogar an alten Handwerkstechniken versuchen, etwa Pfeilspitzen aus Feuerstein schlagen oder mit Pfeil und Bogen schießen. Für uns war es vor allem ein guter Kontrast zu den stummen, rätselhaften Bildern nebenan, hier bekam die Bronzezeit auf einmal ein Gesicht.
    Von Vitlycke aus sind wir weiter ein kurzes Stück nach Aspeberget gefahren, dem heiligen Berg mit rund zwanzig Bildtafeln, der größten Ansammlung der Region. Das Hauptmotiv dort ist eine Stierprozession, darüber eine Sonnenscheibe, getragen von zwei weiblichen Figuren, vermutlich als Fruchtbarkeits- oder Sonnensymbol gedacht. Besonders im Gedächtnis geblieben ist uns eine Reihe von elf Personen, zehn Männer und eine Frau, die als Tanz- oder Prozessionsszene gedeutet wird.
    Gut zwei Kilometer entfernt und deutlich stiller gelegen, von Bäumen umgeben statt direkt an der Straße liegen die Felsritzungen von Litsleby. Dort dominiert eine 2,3 Meter große speertragende Männerfigur die Tafel, vermutlich die größte menschliche Darstellung, die sich auf einer bronzezeitlichen Felsritzung in ganz Europa findet. Man geht davon aus, dass sie eine Vorläuferfigur des späteren Kriegsgottes Odin zeigt, weshalb der Ort auch Speergott-Fels genannt wird.
    Die kräftige rote Farbe, die die bekanntesten Tafeln heute zieren, ist natürlich nicht original. Zwar hat man an manchen Stellen tatsächlich Spuren von Rötel aus der Bronzezeit selbst gefunden, die heutige, gleichmäßige Bemalung wird aber erst seit dem 20. Jahrhundert von den Museen aufgetragen und regelmäßig erneuert, einzig zur besseren Sichtbarkeit für Besucher. Ausgemalt wird dabei nur ein kleiner Teil, in Aspeberget etwa drei von zwanzig Tafeln, der Rest bleibt naturbelassen und zeigt sich am schönsten im flachen Licht des frühen Morgens oder späten Nachmittags.
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