Tallinns Altstadt
May 20 in Estonia ⋅ ☁️ 11 °C
Nach dem epischen Sonnenuntergang gestern ging es heute direkt hinein ins Herz von Tallinn (allerdings bei anfänglich trüben Wetter): in die mittelalterliche Altstadt (Vanalinn). Wer hier durch die Tore tritt, landet ohne Übertreibung mitten im 15. Jahrhundert. Tallinn besitzt eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Befestigungsanlagen Europas – inklusive meterdicker Stadtmauern und über 20 klobigen Wehrtürmen, die aussehen wie frisch aus einer Ritter-Doku. 🏰⚔️
Die Geschichte von Tallinn ist im Grunde eine Story über zwei Welten, die sich jahrhundertelang absolut nicht riechen konnten:
Der Domberg (Toompea): Hier oben thronte die adlige, deutsch-baltische Oberschicht. Streng, glanzvoll und mit bestem Blick nach unten.
Die Unterstadt: Unten in den Gassen regierten die fleißigen Kaufleute der Hanse. Sie scheffelten mit Pelzen, Salz und Salzheringen unendlich viel Kohle und machten Tallinn zu einem der wichtigsten Handelslager der Ostsee.
Das Ganze ging so weit, dass man die Verbindungstreppen zwischen Ober- und Unterstadt nachts durch schwere Tore verriegelte, damit das „einfache Volk“ den Adligen nicht die Silberlöffel klaute. Heute ist der Domberg zum Glück für alle offen – und bietet von Aussichtsplattformen wie Kohtuotsa den absolut besten Postkartenblick über die roten Dächer der Stadt.
Ein absolutes Must-See am historischen Rathausplatz ist die Ratsapotheke (Raeapteek). Sie wurde 1422 das erste Mal urkundlich erwähnt und ist damit die älteste durchgehend geöffnete Apotheke Europas!
Früher konnte man hier ziemlich schräge Medizin kaufen: pulverisierte Fledermausflügel, getrocknete Krötenhaut oder frisches Hirschgeweih gegen Liebeskummer. Und jetzt kommt mein Lieblings-Fact, bei dem Tallinn schon wieder im Dauerclinch liegt (nach dem Weihnachtsbaum-Beef mit Riga!): Die Esten behaupten steif und fest, dass genau hier in dieser Apotheke das Marzipan erfunden wurde – und zwar ursprünglich als Heilmittel gegen chronischen Herzschmerz und schlechte Laune. Die Deutschen aus Lübeck sehen das natürlich anders, aber ganz ehrlich: das Marzipan schmeckt in beiden Städten gut.
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