Alexander-Nevsky-Kathedrale
May 20 in Estonia ⋅ ☁️ 12 °C
Wenn man den Domberg (Toompea) hinaufschlendert, läuft man direkt auf einen architektonischen Giganten zu, der so gar nicht in das restliche, eher skandinavisch-mittelalterliche Bild von Tallinn passen will: die Alexander-Nevsky-Kathedrale.
Mit ihren wuchtigen, tiefschwarzen Zwiebeltürmen, den strahlend weißen Mauern und den opulenten Mosaiken ist sie ein absolutes Meisterwerk des historisierenden russisch-orthodoxen Stils. Aber so wunderschön die Kathedrale auch fotogen im Licht glänzt – das Verhältnis der Esten zu diesem Prachtbau ist, gelinde gesagt, extrem kompliziert. 😬
Eingeweiht wurde die Kathedrale im Jahr 1900. Zu dieser Zeit gehörte Estland zum Russischen Kaiserreich, und Zar Alexander III. drückte im Zuge einer radikalen Russifizierungspolitik ordentlich aufs Gas. Das Gebäude wurde ganz bewusst prominent auf dem Domberg platziert – und das direkt gegenüber dem estnischen Schloss (wo heute das Parlament sitzt).
Für die Esten war die Kirche von Tag eins an kein reines Gotteshaus, sondern ein unübersehbares, architektonisches Machtstatement aus St. Petersburg. Sie sollte unmissverständlich klarmachen, wer hier das Sagen hat.
Nachdem Estland 1918 das erste Mal unabhängig wurde, war der Frust über das „Symbol der Unterdrückung“ so groß, dass das Parlament 1924 tatsächlich den kompletten Abriss der Kathedrale beschloss! Die Sprengung war quasi schon geplant, scheiterte am Ende aber glücklicherweise an den immensen Kosten und logistischen Problemen.
Auch die spätere Sowjetzeit überstand die Kirche nur knapp – zwischenzeitlich dachten die Funktionäre darüber nach, das Gebäude in ein Planetarium umzuwandeln.
Heute ist die Kathedrale tipptopp restauriert und aus keinem Tallinn-Reiseführer mehr wegzudenken. Die Touristen lieben das Gebäude für seine Fotogenität und den wunderschönen Chorgesang im Inneren (ich muss sagen, mit Kirche hat es nix mehr zu tun... so viele Touristengruppen wie da rein und raus rennen).
Und die Esten? Sie haben sich zähneknirschend mit dem Riesen arrangiert. Sie sehen sie heute als historischen Teil des „Blätterteigs“ ihrer Stadtgeschichte, auch wenn die Kathedrale – gerade mit Blick auf die aktuelle Geopolitik – für viele immer noch ein etwas unbequemes Symbol russischer Dominanz bleibt.Read more


