• Das angespannte Verhältnis zu Russland

    May 20 in Estonia ⋅ ☁️ 12 °C

    ​Wer durch die Altstadt schlendert, läuft in der Pikk-Straße unweigerlich gegen eine Wand aus Protest: Direkt vor der russischen Botschaft wurde der Absperrzaun in ein emotionales Mahnmal aus Ukraine-Flaggen, Antikriegs-Plakaten und Plüschbären verwandelt. Ein einziger Blick reicht, um das tief zerrüttete Verhältnis zum großen Nachbarn zu begreifen.
    ​Für die Esten ist die Bedrohung im Osten keine abstrakte Nachricht, sondern Familiengeschichte. Fast fünf Jahrzehnte sowjetischer Besatzung und Deportationen haben tiefe Wunden hinterlassen. Seit dem Ukraine-Krieg sitzt der Schock tief: Die Angst vor einem russischen Zugriff aufs Baltikum fährt im Alltag permanent im Hinterkopf mit (wie wir ja gestern selber erlebt haben).
    ​Estlands Reaktion ist kompromisslos: Massiver Ausbau der Verteidigung im NATO-Bündnis, die Verbannung sowjetischer Denkmäler und eine radikale Umstellung des Schulsystems auf rein Estnisch. Gleichzeitig ist das Ganze ein sensibler Balanceakt, denn knapp ein Viertel der Bevölkerung im Land ist russischsprachig.
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