• Weiße Stille

    April 2 in Greenland ⋅ ☁️ -13 °C

    Heute sind wir mit Neo unterwegs – unserem entspannten Toyota-Fahrer von Arctic Albatros – Richtung Point 660 und Russell Glacier.

    Point 660 ist angeblich der einzige Ort an der Westküste Grönlands, an dem man halbwegs bequem aufs Inlandeis kommt. „Angeblich“ passt ganz gut, denn laut Neo existiert dieser Punkt eigentlich… eher so im Geiste. Vermutlich Marketing. Vielleicht 660 Meter Höhe. Nobody knows.

    Heute läuft jedenfalls alles zu unseren Gunsten: Wir haben Neo – was schon die halbe Miete ist – und dazu Windstille bei entspannten -17 Grad. Grönländische Verhältnisse eben: Wir frieren nicht, sondern loben uns gegenseitig für unsere perfekten Outfits. Echte Männerfreundschaft.

    Für die 32 Kilometer brauchen wir gemütliche zwei Stunden. Das liegt weniger an der Strecke als an Neos Philosophie, seinen betagten Land Cruiser nicht unnötig zu traumatisieren. Mit etwa 15 km/h zuckeln wir über eine Schotterpiste, die eigentlich keine ist – komplett eingeschneit und nur mit viel Fantasie als solche zu erkennen. Besonders spannend sind die Stellen, an denen plötzlich kleine Brücken auftauchen, die man erst sieht, wenn man quasi schon draufsteht. Spätestens hier wird klar: Einfach losfahren ist eine schlechte Idee. Ein Guide ist kein Luxus, sondern Selbsterhaltung.

    Erster Stopp: Point 660. Vor uns breitet sich ein absurdes Weiß in allen Nuancen aus. Noch beeindruckender ist aber die Stille. Diese Art von Stille, bei der man kurz zusammenzuckt, wenn der Schnee unter den eigenen Füßen knirscht – einfach, weil endlich wieder ein Geräusch existiert.

    Zweiter Stopp: der Russell Glacier. Eine massive, grünlich-blaue Eisskulptur, die so aussieht, als hätte sich die Natur gedacht: „Ich kann auch Kunst – nur größer.“

    Und falls jemand denkt, das sei einfach nur hübsch anzusehen: Es ist auch ziemlich gefährlich. Näher als 200 Meter dürfen wir uns dem Eiskoloss nicht nähern.

    Ps
    Zu den dunkelblauen Bildern: Auf dem Rückweg entdecke ich zufällig seltsame Einschlüsse im Eis. Mein erster Gedanke: Methan – irgendwo hatte ich dazu schon einmal spektakuläre Bilder gesehen. Abends nachgeschlagen bestätigt sich mein Verdacht: Laut einer Studie aus 2014 könnte der grönländische Eisschild tatsächlich eine globale Methanquelle sein.
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