Ein Tag ohne Wanderung ist sinnlos
July 17, 2025 in England ⋅ ☁️ 17 °C
WHITBY * Heute war wieder ein Reisetag, zumindestens hat es sich so angefühlt, auch wenn es nur circa 50 km Fahrstrecke waren.
Vormittags habe ich mir in Hutton-le-Hole noch das Ryedale Folk Museum angeschaut, ein volkskundliches Freiluft-Museum über die Lebensweise der Landbevölkerung in den North York Moors von der Eisenzeit bis in das 17. Jahrhundert hinein. Viele translozierte Gebäude, das war für mich natürlich interessant. Ansonsten: kann man sich anschauen, aber halb so schlimm, wenn man es verpasst.
Ich habe für den Weg einen Ham and Cheese-Pie und Wasser gekauft, und bin dann Richtung Norden aufgebrochen. Die Strecke führte über die Hochmoore. Auf der Strecke gab es immer wieder tolle Ausblicke, schöne Täler, karge und weite Heideflächen. Die Straßen sind auf den Hochmooren breit und relativ gerade, in den Tälern jedoch oft sehr schmal, sehr kurvig, mit ständigen Steigungen und Gefällen. Bei Gegenverkehr gibt es dann ein großes Hallo, aber irgendwie passt es auch immer. Gelegentlich stehen noch Schafe im Weg, zweimal hatte ich die Situation, dass ein Schafbock nicht von der Straße ging, so dass ich komplett bremsen musste, und er erst dann gemütlich weg ging. Die Jungs behaupten ihren Platz.
Ich wäre gerne viel langsamer gefahren, es gab so viele Dinge zu sehen, so schöne, vielfältige Eindrücke, die ich aus den Augenwinkeln sah, und die mich neugierig machten. Aber verständlicherweise wollten andere Verkehrsteilnehmer schneller vorankommen, und so musste ich, statt mir die Landschaft anzuschauen, sehr konzentriert autofahren.
Das fühlte sich falsch an. So eine schöne Gegend, und keine Gelegenheit richtig zu schauen? Ich hab dann immer wieder angehalten, und auch besonders Punkte mit weiter Aussicht genutzt. Trotzdem hat mir das Wandern, das Eintauchen in die Weite der Landschaft, heute sehr gefehlt. Ich glaube, ich werde in diesem Urlaub nicht mehr sehr viele Kilometer fahren. Ein Tag ohne Wanderung ist möglich, fühlt sich aber nicht sinnvoll an (frei nach Loriot).
Das Nationalpark-Haus Danby hatte ich mir ähnlich der deutschen Nationalparkhäuser vorgestellt – viel ernsthafte Wissensvermittlung, und ein bisschen Ermahnungen die Natur zu schützen. Die Briten sehen das aber ganz anders, das Nationalpark-Haus war eher eine Multimedia – Vergnügen für die ganze Familie, mit Eisverkauf und Spielbereich und Holzdrachen zum Beklettern im dazugehörigen Park. Nun ja, so geht es auch. Der interessanteste Teil war für mich die industrielle Geschichte der North York Moors, ich hatte im Rosedale ja schon einiges gesehen.
Für Abenteuer hat heute eher Google Maps gesorgt. Zum einen führte es mich im Hochmoor über eine Strecke, die in Deutschland sicherlich für Autos gesperrt wäre. Ich bin dann extra nochmal 100 m zurückgefahren, und habe sehr sorgfältig geschaut, ob es Verbotsschilder etc. gibt. Die Strecke war unbefestigt, mit großen Schlaglöchern, ohne jede Kennzeichnung, und teilweise mit großen Pfützen, mitten über das Hochmoor hinweg. Genau so einen Weg war ich gestern gewandert! Aber ich dachte, mein Mietwagen hat ja Geländewagen-Wurzeln (als Mini-SUV), soll er mal zeigen, was er kann. Nach circa 3 km bin ich wieder auf einer befestigten Straße gelandet.
Das zweite Abenteuer erwartete mich in Whitby, kurz vor dem Quartier. Hier forderte mich Google Maps auf, jetzt bitte links abzubiegen, in die „Cliff Street“. Das habe ich dann auch brav gemacht, und stellte fest, dass die Cliff Street gerade einmal 50 cm breiter als mein Auto ist. Rechts und links ragten direkt Giebelwände von Häusern auf, ich bin im Grunde genommen rechts und links auf dem Gehweg gefahren, die Straße habe ich teilweise vermutlich überhaupt nicht berührt. So ähnlich war das dann auch immer wieder für einige hundert Meter, und dann war ich ziemlich plötzlich am Ziel.
Whitby ist einer der malerischten Küstenorte an der englischen Ostküste, und sicherlich der Bekannteste und Größte. Mein Zimmer habe ich gebucht, weil es günstig ist, und das Haus sehr gute Bewertung hat, aber auch: es liegt sehr zentral, und ich habe einen direkten Blick auf die bedeutendste Sehenswürdigkeit des Ortes: die Whitby Abbey. Die Whitby Abbey hat Bram Stoker zu seinem Roman “Dracula“ inspiriert, und auch der englische Maler William Turner hat die dramatische Ruine mehrfach als Vorlage genommen. Meerblick habe ich auch.
Das gesamte Örtchen, die Häuser, die Lage direkt am Meer – der Ort ist wirklich sehenswert.
In Whitby gibt es auch Trenchers, einen der besten Fish and Chips – Läden Großbritanniens. Das musste ich natürlich ausprobieren, meine ersten Fish and Chips auf dieser Reise. Und: es war gut, lebensverändernd allerdings nicht.
Morgen wandere ich ab Whitby 20 km die Steilküste entlang Richtung Norden, zu einem anderen, viel kleineren Fischerörtchen, Staithes, und fahre dann abends mit dem Linienbus zurück nach Whitby. Den Termin für die Wanderung, und auch den Ort Whitby, habe ich gestern aufgrund des Wetters gewählt, vorhergesagte 26° maximale Temperatur und kein Niederschlag erschien mir als sehr passend für eine erfrischende Wanderung unmittelbar an der Steilküste. Nun ist für morgen aber Gewitter vorhergesagt – ich glaube, ich werde trotzdem laufen. Schlimmstenfalls werde ich nass, und nehme früher den Bus zurück nach Whitby. Nur Blitzgefahr, das wäre blöd, ich glaube das funktioniert nicht so gut beim Wandern an einer Steilküste.Read more











