Meerblick und nette Menschen
July 18, 2025 in England ⋅ ☁️ 17 °C
WHITBY * „ Zimmer mit Meerblick“ fand ich immer überflüssig, insbesondere weil der Preis dann gleich nach oben geht. Das braucht doch kein Mensch!
Heute Morgen bin ich zufälligerweise um 4:30 Uhr aufgewacht, und habe aus dem Fenster geschaut. Und erstaunt festgestellt, dass ich nicht nur den Hafen und die Abtei sehen kann, sondern auch den Sonnenaufgang über dem Meer – ohne überhaupt nur einen Fuß an den Strand zu setzen. Wie cool ist das denn?
Heute war der Tag meiner großen Wanderung. Von Whitby nach Staithes, direkt an der Steilküste entlang, circa 20 km. Kommot sprach von einer „schweren“ Wanderung, mein Reiseführer von einer Stufe zwei von drei („rot“). Der Wetterbericht hatte Gewitter vorhergesagt.
Ich war also bis an die Zähne bewaffnet, als ich um kurz nach zehn vor die Tür trat. Regenhose, Regenjacke, Käppi, waren eingepackt im Rucksack, ich hatte nicht die kurze Hose angezogen, sondern die Zip-Off – Hose, damit ich, wenn es kalt wird, schnell die Hosenbeine dazu nehmen kann. Und extra alternative Rückfahrtrouten mit dem Bus herausgesucht, falls ich nass werde, und auskühle.
Als ich oben aus dem Fenster schaute, war der Himmel bedeckt, aber ansonsten alles trocken. Als ich zwei Minuten später unten zur Tür rausging, hatte es angefangen zu nieseln. “Just to wash the dust out of the air“ sagte ein anderer Gast lächelnd zu mir, der hat diese Art von Regen überhaupt nicht ernst genommen.
Ich ging dann los, das Nieseln hörte sehr schnell wieder auf, der Himmel blieb bedeckt. Im örtlichen Supermarkt stattete ich mich mit Proviant aus, ehrlich gesagt, eine sehr schlechte Sortierung, sind das die Folgen des Brexit? Ich musste Familienpackungs-Größen kaufen, ein ganzes Bund Bananen, eine 2 l Flasche Wasser – das wollte ich eigentlich nicht alles mitnehmen auf meine 20 km Wanderung!
Körperlich und kräftemäßig ging es mir während der ganzen Zeit gut, ich habe die ersten 2-3 km langsamer gemacht, als ich das normalerweise machen würde, wurde dann aber immer schneller. Letztendlich hat mir Komoot für die erste Hälfte der Tour eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 4,8 km/h angezeigt, das ist für das Gelände ganz gut. Viele Abschnitte führen an der Steilküste über das Hochland, zwei Abschnitte waren über Stränden weg, und zwischendurch ging es immer wieder sehr sehr steil Auf und Ab, aber dann immer mit Trittstufen, oder einmal sogar Treppen.
Während der Tour bin ich häufiger ins Gespräch mit anderen Wanderer – Paaren gekommen, einmal ein schottisches Ehepaar, und dann ein britisches Ehepaar aus Lancashire. Alle in meinem Alter, oder älter. Das war sehr nett, und ich konnte meine englische Sprachkenntnisse anwenden. Ich habe gelernt, dass die Westküste Großbritanniens als regenreich gilt, während die Ostküste (wo ich bin) regenarm sein soll. Das ist eine nützliche Information.
Dass die Steilküste und die Landschaft davor wunderschön und beeindruckend ist – das klingt so banal, und ist ja auch eine Wiederholung hier im Blog. Es ist einfach so. Premium.
Was heute nicht passiert ist: es gab KEIN Gewitter. Das Wetter war durchaus wechselhaft war, aber Nieselregen gab es nur noch zwei weitere Male, und sonst keinen Niederschlag. Es war eher schwül, und insgesamt sehr milde, und es wurde richtig warm, sobald die Sonne rauskam. (Fun fact: auf dem Wanderweg an der Steilküste ist es oft fast windstill, und zwar immer dann, wenn der Wind vom Meer kommt. Grund: der Weg verläuft meistens in circa 5-10 m Abstand von der Steilküste. Der kräftige Seewind wird an den Klippen steil hoch gedrückt, und geht über die Wanderer hinweg. Den Unterschied merkt man, wenn man direkt an die Kante herantritt, oder der Wind dreht, und zufälligerweise mal für zehn Minuten aus dem Landesinneren kommt. Dann kann es auch sehr schnell sehr frisch werden.
Auf halber Strecke habe ich eine lange Pause gemacht, und zwischendurch noch zweimal kurz, die 20 km bin ich gut und locker in circa sechseinhalb Stunden gelaufen. Körperlich Und konditionsmäßig hat das sehr gut funktioniert. (Obwohl, als ich eben zur Dusche ging, und mir jeder Schritt weh tat, dachte ich: kaum zu glauben, dass dieser Kerl heute 20 km gelaufen ist).
Staithes war wie erwartet ein pittoreskes Fischerdörfchen auf britische Art, sehr hübsch und besonders. Ich habe mir im örtlichen Pub ein typisch britisches Essen gegönnt – Hühnchen, überbacken mit Parmesan, einen Salat und Béchamelsoße, sowie Chips. Die Engländer scheinen italienische Küche zu lieben, oder das, was sie dafür halten.
Übrigens Fotos: heute habe ich auf 20 km circa 340 Fotos gemacht, vorgestern auf 10 km circa 170 Fotos. Das ergibt, dass ich in diesem Urlaub je Wanderkilometer circa 16 Fotos mache. Ist das als Maß tauglich, um zu messen wie schön ich eine Landschaft finde? Ich werde das mal beobachten.
Am späten Nachmittag ging ich dann aus dem Örtchen hinaus, steil die Klippen hoch, und habe mich oben an die Bushaltestelle gesetzt. Es gibt eine direkte Busverbindung die Küste entlang, so dass man theoretisch zu fast allen Orten One-Way – Routen laufen kann, und dann zum Ausgangspunkt zurückgefahren wird. Als ich an der Bushaltestelle saß, bremste plötzlich neben mir ein grauer Passat scharf in der Bushaltbucht. Ich fand das sportlich, und auch ein bisschen unangemessen. Das linke Seitenfenster fuhr runter, und eine nette, ebenfalls ca. gleichaltrige Dame sprach mich vom Beifahrersitz an, ob ich nach Whitby wolle? Die beiden hatten mich bereits im Pub in Staithes gesehen hatten, und waren sehr neugierig, was ich gemacht hatte.
Richard und Anna stellten sich dann als sehr nett heraus. Die beiden machen Campingurlaub in Yorkshire, Anna musste erst mal den Rücksitz freiräumen. Im Grunde genommen hatten die beiden überhaupt gar keinen Platz jemanden mitzunehmen.
Irgendwie passte es dann aber doch, den linken Fuß konnte ich allerdings während der gesamten Fahrt nicht wirklich auf den Boden setzen, weil es zu eng war. Irgendwann erwähnten Sie, dass auch ihre beiden Hunde mit im Auto waren, ich hatte sie gar nicht bemerkt, sie waren mucksmäuschenstill. Vermutlich hatten die beiden am meisten Platz von uns allen. Aber wir haben uns sehr, sehr nett unterhalten, und ich bin sehr schnell nach Whitby gekommen. Was für nette Menschen!
Ich hatte dann noch circa 5 Minuten Fußweg zum Quartier, weil ich Lust hatte, habe ich spontan einen großen Umweg über den Strand und über den Pier gemacht, es kam die Sonne heraus, und es hat mir wirklich Spaß gemacht da zu fotografieren.
Jetzt sitze ich auf dem Bett, schreibe den Blog, mir tun die Füße weh. Draußen sehe ich, dass Nebel in den Hafen gezogen ist und die Abteil halb im Nebel versunken ist. Ständig verändert sich das Bild da draußen. Ist Meerblick doch irgendwie cool?
Die Wanderung auf Komoot: https://www.komoot.com/de-DE/tour/2415462383?re…Read more














