• Im Regen wandern – ach so geht das

    July 19, 2025 in England ⋅ 🌧 17 °C

    WHITBY * Aha. So fühlt sich das also an, bei Regen zu wandern. Nun ja.

    Die gute Nachricht: das Gewitter ist wieder ausgefallen, insofern war der Wetterbericht falsch. Der Wetterbericht war allerdings richtig in Bezug darauf, dass es überwiegend regnen würde. Ich bin heute von Whitby nach Robin Hood‘s Bay gelaufen, circa 13 km. Der Name bezieht sich auf den echten Robin Hood, und ist bereits seit dem 16. Jahrhundert für den Ort bekannt. Tatsächlich ist Robin Hood vermutlich aber nie dort gewesen, es gibt aber ein damals bekanntes Lied, beziehungsweise Legende, die berichtet, wie Robin Hood plündernde Piraten vertreibt, und damit die Fischer beschützt. Vermutlich hat da jemand bereits im 16. Jahrhundert die Marketingchance für den zukünftigen Tourismus erkannt. Sehr clever.

    Diese Strecke bin ich damals, als ich das erste Mal in Whitby war, schon mal gelaufen. Damals ziemlich spontan, und es war mein allererster Eindruck von dem Kontrast zwischen Meer, Steilküste und lieblicher Landschaft. Im Vergleich zur Wanderung Whitby - Staithes gestern war es heute relativ gleichförmig, oder vielleicht kenne ich die Landschaft langsam auch schon.

    Es hat immer mal wieder leicht geregnet, so dass ich letztendlich nach dreieinhalb Stunden Laufen ziemlich nass, und auch kalt war. Kurz vor dem Ziel Robin Hood‘s Bay zog dann auch Nebel auf, so dass ich den Ort selber von den Klippen gar nicht sehen konnte, obwohl er eigentlich sehr malerisch in die Bucht eingebettet liegt. Auf dem Wanderweg war viel los, das hat mich erstaunt, denn gestern – als viel schöneres Wetter war – war auf ähnlicher Strecke deutlich weniger los. Ich kam wieder ins Gespräch mit anderen Wanderern, und die einhellige Meinung war: 1. es ist Wochenende, und 2. die englischen Schulferien haben begonnen. Heute war es wesentlich schwerer für mich Fotos ohne bunte Wandergruppe im Bild zu machen. Es ist halt doch touristisch hier, und die Tour die ich gelaufen bin, ist relativ kurz, relativ einfach, und wird deswegen auch gerne von Leuten gelaufen, die eigentlich keine Wandernden sind.

    Apropos „Wandernde“: An Ausstattung gab es heute alles Mögliche zu sehen. Wanderschuhe, Funktionskleidung und Wanderstöcke waren die große Ausnahme. Turnschuhe, kurze Hosen, T-Shirts (!), die gut vorbereiteten und erfahrenen England – Urlauber hatten eventuell noch Einweg-Regencapes dabei, das war’s dann aber auch schon. Ich glaube, ich habe auf der ganzen Strecke mit relativ viel Verkehr, maximal ein halbes Dutzend Menschen mit Wanderschuhen gesehen. Vermutlich bin ich zu deutsch, mit meinem Ausrüstungswahn. Regenjacke? Komplett übertrieben, der Regen hört doch jederzeit wieder auf. Wobei: damals, beim ersten Mal, bin ich diese Strecke in Cordschuhen gelaufen. (Jawohl, ich habe einmal Cordschuhe besessen. Und ich stehe dazu. Die waren supergünstig.)

    Robin Hood’s Bay ist sehr sehenswert, ich finde es noch hübscher als Staithes, der Charakter ist ähnlich. In Robin Hood‘s Bay gibt es ganz viele Nebengassen, Nebensteige, Treppen, die in winzige Gassen hineinführen. Die Höhenunterschiede innerhalb des kleinen Ortes sind beachtlich, die Ortschaft ist in eine enge Felsenbucht hinein gebaut. Es gibt eine große Vielfalt alter Häusern, jeder Quadratmeter wurde im Laufe der Jahrhunderte genutzt. Der Ort wird allerdings auch stark touristisch vermarktet, wiederum buchstäblich jeder Quadratmeter ist belegt, es wimmelt von Pubs, Souvenirgeschäften, Ferienwohnungen. Leben hier tatsächlich noch echte Einwohner? Vielleicht im Winter.

    Die zentrale Straße als Zufahrt ist sehr sehr steil, auch das eine Besonderheit. Heute Morgen beim Frühstück hatte ich eine Unterhaltung mit einem britischen Ehepaar, die Frau sagte, sie könne Robin Hood‘s Bay nicht besuchen, weil ihr der Weg einfach zu steil wäre, zu gefährlich. Dabei sah sie gar nicht so unfit aus.

    Fun fact: irgendwie fällt es mir in England deutlich leichter, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, warum eigentlich? Weil es hier nicht so drauf ankommt? Oder weil ich die Sprache anwenden möchte? Oder weil die Leute einfach aufgeschlossener sind, bis zu einem gewissen Grad?

    Die Rückfahrt habe ich heute mit dem Bus gemacht, leider hat mich niemand spontan mitgenommen, das hätte bei dem Regen heute gut gepasst. Die Schlange an der Bushaltestelle war bestimmt 60 Personen lang, der Bus fährt halbstündig. Das Einsteigen und Bezahlen jedes einzelnen Fahrgasts hat fast 15 Minuten gedauert. Der Bus war beim Ankommen schon 15 Minuten zu spät, und als alle endlich drinne waren, 30 Minuten zu spät. Ansonsten bin ich aber gut nach Whitby gekommen, neben mir saß ein Brite, mit dem ich ins Gespräch gekommen bin, das war auch interessant. Der erste Einheimische, mit dem ich gesprochen habe, Nachteil: ich habe seinen Akzent teilweise nur sehr schwer verstanden. Es stellte sich heraus, dass er auch schon viel gereist war, er kannte Kiel, Amsterdam, Brügge. Er möchte gerne noch mal zum Schloss Neuschwanstein fahren, und hat sich mit mir ausführlich über deutsche, belgische und englische Biersorten unterhalten.

    Ich war nass und kalt als ich dann in Whitby ankam, und bin relativ früh wieder auf dem Zimmer gewesen, circa 16:00 Uhr, habe warm geduscht und schreibe jetzt den Blog. Füße ausgestreckt auf dem Bett, Blick auf die nasse Abtei gegenüber. So ein lazy afternoon ist auch mal ganz schön, besonders nach zwei Tagen hintereinander mit Wanderungen.

    Morgen geht es weiter Richtung Yorkshire Dales, also in die Mitte zwischen Ost- und Westküste. Das stelle ich mir so ähnlich wie die North York Moors vor, nur etwas sanfter und lieblicher. Wohin genau weiß ich noch nicht, ich schaue mir gleich die möglichen Wanderungen an, die gemerkten Points Of Interest auf meiner Google Maps – Liste, den Wetterbericht und die verfügbaren Quartiere.

    Mit Regen- und Reisetag habe ich den Bogen noch nicht raus. Heute wäre ein idealer Reisetag gewesen, mit Museum, Stadtbesichtigung, und Autofahren. Morgen fahre ich Auto, voraussichtlich circa zweieinhalb Stunden, aber es wird nach Wetterbericht perfektes Wanderwetter geben – das muss ich noch ein bisschen üben.

    Allerdings, zu meiner Rettung: auf den britischen Wetterbericht ist kein Verlass, zumindestens nicht, wenn er mehr als 2-3 Tage in die Zukunft geht. Wurde mir auch schon mehrfach bestätigt. Ich glaube die Einflussfaktoren hier auf der Insel mit Wettereinflüssen aus allen Himmelsrichtungen sind einfach zu vielfältig, um sichere Prognosen zu machen. Mein Problem ist nur: die Quartiere buche ich immer im Voraus, für 2-3 Tage am Stück. Ich plane auch vor, welche Wanderungen ich mache, oder ob ich reisen möchte, und das mache ich von der Wetterlage abhängig. Das ist so natürlich nicht so einfach.

    Na ja, das sind ein bisschen Luxusprobleme. Wird schon klappen.

    Die Wanderung auf Komoot: https://www.komoot.com/de-DE/tour/2418604633?re…
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