Visit to a special place
July 26, 2025 in England ⋅ ☁️ 16 °C
WHALEY BRIDGE (21:25 Uhr) * Heute soll der Blog tatsächlich einmal kurz werden, ich bin bereits ganz schön müde. Dabei gäbe es eigentlich viel zu erzählen.
Losgefahren bin ich heute Morgen im Lake District, beim Frühstück habe ich mich noch mit zwei jungen Engländern unterhalten, und Bergwanderungs-Erfahrung ausgetauscht. Überhaupt: ich bin dann doch mit den verschiedensten Leuten in der Jugendherberge ins Gespräch gekommen, das endete letztendlich damit, dass ich fast pausenlos im Gespräch war. Das ist dann leider auch ein bisschen anstrengend.
Eigentlich wollte ich noch eine größere Wanderung im Lake District machen. Der Lake District hat mich wirklich begeistert, ich bin ein bisschen süchtig geworden. Die Berge haben ziemlich schnell Hochgebirgs – Feeling, ich mag das. Kalt, windig, baumlos, felsig. Bei schlechtem Wetter wird die Sicht schnell sehr eingeschränkt, Wegweiser gibt es oben fast gar nicht, man muss sich gut orientieren, und auch ganz normale Wandertouren arten gelegentlich in kleinere Kletterpartien aus. Die Gespräche in der Jugendherberge verstärken das noch, da kommen immer neue Ideen, welcher Gipfel noch geht, und warum, und wie das Wetter ist. Und alle Gipfel sind machbar, sogar der höchste Gipfel, der Scafell Pike mit 978 m.
Aber ich komme ins Erzählen, das wollte ich heute eigentlich gar nicht. Letztendlich habe ich mir dann eine andere Wanderung ausgesucht, unmittelbar neben der Autobahn. Meine Gesamtfahrstrecke waren heute circa 250 km, relativ viel davon auf der Autobahn. Ungefähr auf halber Strecke lag die Morecombe – Bay, da hatte mein Rother – Wanderführer eine Tour vorgeschlagen. Davon bin ich den größten Teil gegangen. Es war – interessant, teilweise lieblich, aber insgesamt eher ein Spaziergang, der nicht super interessant war. Aber – ich habe mal etwas ganz anderes gesehen. Danach hatte ich noch Zeit, ich hatte meine Ankunft im Quartier für 7:00 Uhr abends angekündigt, und bin dann noch an einen für mich ganz besonderen Ort gefahren.
Mit 22 Jahren, vor 36 Jahren, hatte ich noch keine echte Auslandserfahrung, das fand ich sehr doof. Ich habe mich dann direkt nach dem Zivil-Dienst einfach bei verschiedenen Agenturen per Post beworben, 1989 gab es noch kein Internet. Eine Agentur hat geantwortet, und mich auf eine Au-Pair Stelle in der Nähe von Manchester vermittelt, für drei Monate als Au-Pair zwischen zwei 1-Jahres-Au-Pairs. Der Ort war Romiley bei Stockport im Großraum Manchester.
Ich erinnere mich, dass ich damals, wie bei Auslandserfahrung bei jungen Menschen oft, zwischen Verängstigung und Begeisterung schwankte, im Grunde genommen völlig überfordert war, und trotzdem alles gemacht und auch hinbekommen habe. Ich war zuvor noch nie in Großbritannien gewesen, und war verwundert, dass der Ort Romiley irgendwie anders funktionierte als das, was ich kannte. Nach und nach habe ich verstanden, wie der Ort gewachsen ist und wie die Struktur ist. Da war mein Architektustudium noch eine ganze Ecke weg, und ich hätte nie geahnt, dass ich das mal studieren würde.
Besonders erstaunt hat mich damals der Peak-Forest-Canal, der unmittelbar an Romiley vorbeiführt. Darauf war ich nicht vorbereitet – ein Kanal, erbaut ca. 1800, circa 5 m breit, aus gehauenen Steinen gesetzt (also Steinmetzarbeiten) führte in dieser Mittelgebirgslandschaft als ebene Wasserfläche über viele Kilometer über den Peak Forest hinweg, der kurvige Verlauf passte sich den Hügeln an, und da wo das nicht mehr ging, wurden Tunnel gegraben, Brücken gebaut, oder sogar Aquädukte. Das bekannteste Aquädukt des Peak-Forest-Canals befindet sich unmittelbar in der Nähe von Romiley, in Marple Bridge. In Marple Bridge ist auch eine 200 Jahre alte Schleusenanlage mit insgesamt 16 Schleusen die 64 m Höhendifferenz überwindet. Dieses frühe Ingenieurbauwerk hat mich sehr beeindruckt, und bei mir das Interesse an dem britischen industriellen Erbe geweckt. Besonders faszinierend finde ich, dass noch heute die Brutalität des Eingriffs in die Natur spürbar wird, und gleichzeitig wurden damals alle topographischen Gegebenheiten genutzt, wo immer möglich. Zusätzlich hat sich die Natur die industriellen Bauten im Laufe von über 200 Jahren wieder zurückgeholt, der Kanal ist komplett in die Landschaft integriert, und Teil der Hügellandschaft geworden. Alles zusammen ist faszinierend zu sehen.
Ich habe später immer mal wieder in meinen Träumen die Situation der Ankunft in Romiley erlebt, oder wie ich mir das Aquädukt anschaue. Ich wusste dann immer: ich bin nie wieder da gewesen, das kann also nur damals gewesen sein, oder in meinen Träumen.
Und genau an diesen Ort bin ich heute gefahren. Ich habe mir den Kanal angeschaut, und bin ihn ein Stückchen entlang gelaufen. Ich bin sogar in die Bahnstation in Romiley gegangen, und mit dem Zug zurück zum Auto nach Marple Bridge zurückgefahren. Die Bahnstation Romiley habe ich damals sehr, sehr viel benutzt, sie war fast unverändert.
Es war für mich wirklich interessant, diese für mich damals wegweisende Zeit und meine Eindrücke von damals heute noch mal nach zu erleben, beziehungsweise die Orte zu sehen. Auf meiner Reise durch England habe ich ein Zitat gelesen: „Was du tust, bestimmt wer du wirst“. Und ich glaube, so ist es auch. Ich habe damals den Mut gehabt, nach England zu gehen, ich habe eine neue Welt erlebt, Interessen wurden geweckt, den ich später gefolgt bin. Das sollte ich mir mal hinter die Ohren schreiben, für alles Weitere das kommt.
Ich wollte den Blog heute ja kurz halten, und versuche das auch immer noch. Ich bin dann zum Quartier weitergefahren, das waren nur noch circa 15 km, nach Whaley Bridge. Der Ort des Quartiers war vom Gastgeber sehr genau beschrieben worden, und das war auch gut so, denn Google Maps half nicht wirklich weiter. Nick hat ein kleines Bauunternehmen, ist circa Anfang 60, und hat mich sehr nett empfangen. Er hat ein großes Grundstück in einem Felsental (also genau das, was ich sehr gerne mag). Auf dem Grundstück steht sein eigenes Gebäude und auch ein weiteres kleines Steingebäude von 1880, etwas abgesetzt vom Haupthaus, dass er als Gästehaus zurecht gemacht hat. Ich sitze jetzt also in einer dieser Felsenschluchten, die ich so toll finde, in einem eigenen kleinen Haus. Es ist circa 50 m² groß, auf zwei Etagen (was ein kleines bisschen umständlich ist). Wir kamen ins Gespräch und er hat mir noch ein bisschen was erzählt, welche Wanderwege ich vom Haus aus direkt erreichen kann, und auch über die Industrie-Vergangenheit des Tales, in dem ich bin, das ist in der unmittelbaren Nähe zu Manchester ja auch nicht weiter verwunderlich. Interessant ist: es gibt überall in England ehemalige Bahnstrecken, die man häufig daran erkennt, dass sie relativ gerade, flach und breit durch die Landschaft führen, egal wie die Landschaft eigentlich aussieht. Sehr gerne werden Wanderwege oder Rad-Wanderwege auf diesen Bahnstrecken eingerichtet, da gerade die alten Linien mitten durch die wunderschönsten Landschaften hindurch führen. Und siehe da: genauso so eine ehemalige Bahnstrecke, 1890 bereits stillgelegt, geht auch durch seinen Grundstück durch, jetzt wieder komplett mit Laubbäumen bewaldet ist. Es gibt sogar eine kleine gemauerte Eisenbahnbrücke, die auch zu seinem Grundstück dazugehört. Ich finde das klasse.
So, genug für heute. Ich werde heute gut schlafen. Jetzt noch den Text korrekturlesen, die Komoot-Fotos für beide Spaziergänge ergänzen, die Links in den Blog stellen, Fotos in den Blog – und dann bin ich fertig. So ein Blog ist halt doch ein bisschen Arbeit, aber ich habe etwas zum Nachlesen.
Ich habe jetzt noch zwei volle Tage und den Dienstag, am Dienstagnachmittag muss ich am Flughafen in Manchester sein, also ein kurzer Weg. Ein erstes Fazit der Reise habe ich heute beim Autofahren gezogen, da hatte ich ja Zeit zum Denken. So viele Eindrücke, die ich jetzt neu gesammelt habe, so viele Menschen, die ich kennengelernt habe, so viele Landschaften, in denen ich unterwegs war – das hätte ich nicht erwartet. Die Reise ist leider richtig teuer, aber ich finde sie ist jeden Cent zweimal wert.Und auch hier wieder: was du tust, bestimmt wer du wirst.
Der Küsten-Spaziergang auf Komoot: https://www.komoot.com/de-DE/tour/2439171629?re…
Der Special-Place-Walk auf Komoot: https://www.komoot.com/de-DE/tour/2439171629?re…Read more










