• Plötzlich Notruf 112...

    May 11 in Greece ⋅ ⛅ 22 °C

    Jedes mal wenn wir in Vathi sind schaue ich da rauf auf den Berg und sehe an der Klippe eine kleine Kapelle stehen. Und obwohl wir Beide ja Agnostiger sind zieht es uns immer wieder an die Fleckchen, an denen für den jeweiligen Herrgott ein Gotteshaus errichtet worden ist. Denn das ist meistens nach dem Motto: Lage, Lage, Lage! Also zumindest mit einer überwältigenden Aussicht.
    Somit war uns klar, dort müssen wir hinauf! Der Aussicht wegen...
    Nach eingehender Recherche über Onkel Google und Einschätzung des Geländes vom Hafen aus gesehen dürfte der Aufstieg keine große Herausforderung sein. Vor allem weil es so ausgesehen hat als wenn von der anderen Seite des Berges eine Straße bis kurz vor die Kapelle führen würde. Also nur leichtes Gepäck, keine unnötige Menge Wasser, leichte Wanderschuhe und die Drohne für allfällige Flüge unterwegs und oben am Ziel.
    Wir sattelten Schusters Rappen und marschierten frohen Mutes los um stetig Höhe zu gewinnen.
    Nach gar nicht langer Zeit bog der Weg in die griechische Pampa ab und wir fanden uns langsam im brusthohen Gras, welches den Weg überwucherte. Auch durchzogen regelmäßig Schwemmglasen von schweren Regenfällen den Pfad, welches das vorankommen mühsam gestaltete.
    Na gut, noch immer kein Grund sich Gedanken zu machen. Denn ein weiterer Blick auf Google Maps zeigte, dass der Trail offenbar bald besser werden sollte. Wir stiegen höher und höher, mal im hohen Gras, dann wieder auf steinigen Grund, dann wieder war der Weg mit Macchia überwachsen. Vereinzelt lagen umgestürzte Bäume über den Pfad und einmal versperrte uns auch ein riesiges Spinnenetz den Weg. Unter dem sind wir zerstörungsfrei durchgekrochen, die Spinne hat es uns hoffentlich gedankt.
    Die Sonne stieg höher und höher, kein Wind, kaum Schatten und unser Wasser ging langsam zur Neige.
    Noch immer 700 Meter bis zur vermeindlichen Straße und weitere 100 Meter zur Kapelle.
    An der Stelle an der die Straße einmünden sollte kam dann die große Ernüchterung: weit und breit keine Straße! Im Gegenteil! Der Trail ging so weiter wie bisher und die 100 Meter bis zur Kapelle entpuppten sich als ziemlich anstrengende Kletterpartie über ehemalige Terassen und felsiges Gelände.
    Als wir an dem Punkt angekommen waren fassten wir den Entschluss nicht mehr den selben Weg runter zu gehen, da wir sehr erschöpft und durstig waren. Mittlerweile waren wir statt der erwarteten Stunde gut das Doppelte an Zeit unterwegs.
    Aber erst mal rein in die angenehm kühle und schattige Kapelle. Nach einer größeren Runde um das Gotteshaus stellte ich fest, wir finden keinen anderen Weg hinunter ins Tal. Und die vermeindliche Straße zog sich weiter als überwucherter Pfad über Stock und Stein, mehr als zwei Kilometer bis zur eigentlichen Straße.
    Darauf beschlossen wir Rat bei Locals zu bekommen und ich rief in einer der Tavernen am Hafen an, von denen ich am ehesten vernünftige Information erwartete. Der Wirt meinte zuerst, er schickt uns Jemanden mit Wasser herauf, was natürlich unsinnig war. Denn eigentlich wollten wir ja nur einen anderen Weg erfragen.
    Seine Frau hat dann aus welchem Grund auch immer plötzlich die Rettungskette in Gang gesetzt und dann war der Teufel los!
    Per Dauerfeuer wurde ich von der Feuerwehr, der lokalen Einsatzzentrale von Methana, der Notrufzentrale, der Wirtin und weiß der Geier wer noch aller helfen wollte, kontaktiert. Ich war so überfordert dass ich nicht mehr wusste welche der über zehn verschiedenen Nummern ich zuerst antworten sollte.
    Wir hatten dann nach kurzer Überlegung beschlossen doch den selben Weg abzusteigen den wir gekommen sind. Währenddessen wurden wir bombardiert von Telefonanrufen, denen ich schon mittlerweile knieend versuchte zu erklären, wir sind in keiner Notsituation und wir sind nur durstig, aber am sicheren Abstieg! Ohne Erfolg! Zwischendurch war ich schon so genervt dass ich mein Handy kurzerhand auf Flugmodus gestellt hatte, um einerseits Akku zu sparen und andererseits sicheren Schrittes weitergehen zu können.
    Die Feuerwehr ist mit drei Fahrzeugen ausgerückt, um uns zu retten. Die sind aber bei einer völlig anderen Kapelle rumgegeistert, wir hatten sie nie gesehen. Wieder versuchten wir zu erklären, dass wir sicher sind und keine Rettung benötigen, wir wurden einfach nicht Ernst genommen.
    Wir sind dann nach etwa 90 Minuten wohlbehalten, leicht dehydriert und völlig durchgeschwitzt, komplett übersäht mit den Grannen des hiesigen "Schlirfhansel" - das sind die spitzen Widerhaken und Samen des Grases welche sich unweigerlich überall reinbohren - endlich im Hafen von Vathi angekommen, immer noch von Telefonanrufen gestresst.
    Wasser brauchten wir! Und davon viel!
    Kurz darauf erschien die Feuerwehr, nahmen unsere Daten auf und waren Minuten später wieder weg. So endlos sie mit mir telefonieren wollten, so kurz angebunden waren Sie dann.
    In der Nachbetrachtung war es gut zu wissen, dass man nach uns gesucht hatte, leider am falschen Ort. Denn die Feuerwehr war bei einer komplett anderen Kapelle als wir. Schlimm war dass es keine übergeordnete Leitstelle gab, die alle am Einsatz beteiligten koordinierte. Und nervig war dass wir über eine Stunde nicht Ernst genommen wurden, wir keine Hilfe brauchten und sicher waren.
    Für unseren nächsten Ausflug nehmen wir auf jeden Fall viel mehr Wasser mit. Besser man hat es als man hätte es!
    Und als letzten Satz möchte ich die Worte des Wirten zitieren:
    "Today you had an big desaster, tomorrow you have an great story for your friends!"
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