Levitha
August 6 in Greece ⋅ 🌬 25 °C
Die letzte Nacht in Patmos war etwas ambivalent.
Einerseits war die Bucht ruhig und finster, schön zum Schlafen im Cockpit, andereseits kroch in der Windstille gut zwei Stunden lang Güllegestank durch die Bucht. Ich vermute, der kleine Kreuzfahrer etwa 300 Meter von uns entfernt hat des Nächtens seine Fäkalientanks abgelassen. Warum man das in einer Bucht macht ist mir rätselhaft! Zum Kotzen im wahrsten Sinne des Wortes!
Nach einem schnellen Frühstück verabschiedeten wir uns von Ute und Frank - die Beiden werden wir sicher wieder treffen wenn wir in den Dodekanes zurück kommen - und segelten los Richtung Levitha. Das Eiland liegt etwa 35 km südlich von Patmos, 40 km westlich von Kalymnos und 40 km östlich von Amorgos. Es ist etwa 7,5 km in Ost-West lang und 3,5 km in Nord-Süd breit.
Und der Felsen ist unbewohnt... sollte man glauben!
In diversen Seefahrer-Apps wird beschrieben, dass hier sehr wohl wer lebt, und das wollten wir wissen.
Manolis, seine Frau Christophorina mit den Kindern Katharina, Dimitri und das Nesthäkchen Stephanos, sowie Manolis´ Bruder Anastasios und die Mutter der Beiden - die Oma - betreiben hier eine Landwirtschaft, mit etwa 650 Ziegen und Schafen, etlichen Hektar Felder mit Weizen und Hafer, hauptsächlich für das Vieh. Ein paar Hühner, zwei Hunde und KEINE Katzen runden das liebe Vieh ab.
Oma bewirtschaftet den Obst- und Gemüsegarten mit Paradeiser, Zwiebel, Gurken, Paprika, Spinat, rote Rüben, Erdäpfel, Feigen, Weintrauben, Opuntien und was man sonst noch so braucht wenn man autark sein will.
Die Insel wird von der Familie urkundlich seit mindestens 1840 bewirtschaftet, wahrscheinlich mindestens 100 Jahre länger.
Wasser kommt aus einer kleinen Quelle, die der Urururgroßvater gefasst hat, Elektrizität erzeugen hauptsächlich ein paar Paneele, ein Windrad, eine Batteriebank und wenn notwendig ein ordentlicher Dieselgenerator. Letzterer aber hie und da nur im Winter, wenn die Paneele kaum liefern.
Manolis und Bruder Anastasios leben mit der Oma ganzjährig hier, Mama Christophorina und die Kinder sind nur zu Ferienzeit hier, ansonsten im Haus in Patmos. Alle Transporte werden mit einem kleinen Kaiki - also einem griechischen Fischerboot - gemacht. Einmal die Woche muss einer der Männer nach Patmos, um all das was für den Betrieb der Taverne notwendig ist, einzukaufen. Ein echter logistischer Aufwand! Aber da geht es in erster Linie um Wasser, Bier, Softdrinks, die eine oder andere Flasche Wein, und der Müll muss weg! Fahrzeit in eine Richtung etwa drei Stunden.
Ja, und neben der Landwirtschaft betreibt man hier wie erwähnt eine kleine, feine, echt urige Taverne, ausschließlich mit eigenen Produkten.
Also Lamm- oder Ziegenfleisch, frischen Fisch der des morgens gefangen wird, sowie Zutaten aus dem Garten. Speisekarte findest du hier vergeblich, entweder Fisch, oder je nach Verfügbarkeit Lamm oder Ziege, oder auch Keftedes, also Fleischbällchen. Vegetarier können Spinat oder Feta in etlichen Varianten und Erdäpfelsticks essen. Mehr gibt es nicht.
Schon der Aufstieg zur Taverne beziehungsweise dem gesamten Anwesen ist recht spannend. Nach etwa 100 Meter endet ein gepflasterter Weg in der Wildnis. Man sieht zwar die Gebäude, aber keinen Weg. Weitere 300 Meter später trifft man dann wieder auf sowas ähnliches wie einen Weg, der dann auch zu der schnuckeligen Taverne führt.
Die Taverne ist dekoriert mit etlichen Amphorenbruchstücken, die hier aus dem umliegenden Meer geborgen wurden. Auch viele Artefakte aus dem 2. Weltkrieg sind zu sehen. Von Granaten über Gewehr- und Maschinengewehrteilen, über Helme und sonstigen Kriegsmaterial. Alles aus dem Meer geborgen und zur Mahnung ausgestellt.
Anastasios erzählte mir, die Ruine am östlichen Kap war mal das Leuchtturmwärterhaus. Es wurde von der deutschen Marine in Schutt und Asche geschossen. Auf der höchsten Erhebung hatten die Italiener eine Anlage erbaut, den Lost Place kann man heute noch besuchen.
Bis dort hin bin ich nicht gewandert, dafür war es einfach zu heiß! Aber den zweithöchsten Gipfel habe ich auf anraten von Manolis und Anastasios erklommen. Liebevoll das "Kastell" genannt zeugen ein paar Steine davon, dass hier mal eine antike Befestigungsanlage stand. Der Blick über die Insel hat den schweißtreibenden Aufstieg echt gelohnt! Alleine dass im Schatten von fast jedem Busch oder Bäumchen eine Ziege versteckt war, war die Wanderung schon wert!
Oben angekommen war die Aussicht über Levitha und den Buchten, das Anwesen und die Ländereien der Familie und im Dunst die entfernt zu ahnenden Nachbarinseln einfach sensationell! Rundherum die Glöckchen der Schafe und Ziegen, Vogelgezwitscher, hie und da hüpft ein Grashüpfer oder schillert eine Libelle, manchmal fliegt ein streng geschütztes Rebhuhn auf, der Wind weht noch sanft kühlend. Und quasi kein störendes Internet! Eigentlich deppert das so im Internet zu schreiben...
Nach meinem Abstieg vom "Kastell" machte ich noch einen Abstecher in die zweite Bucht unterhalb des Anwesens. Dort war bis auf Mama Christophorina alle versammelt zum schwimmen, baden, chillen. Oma saß bis zum Bauch im Wasser, Manolis spielte mit dem Jüngsten im Wasser, Anastasios kümmerte sich um die Quelle und Dimitri war mit der Harpune auf Jagd. Katharina schwamm auch eine große Runde, und Mama hat wahrscheinlich die Stellung im Haus gehalten.
Ich habe dann Manolis noch gefragt warum auf der ganzen Insel - oder besser zumindest dem Teil den ich bewandert hatte - überall jede Menge Keramikscherben zu finden sind. Er erzählte mir dass in antiker Zeit auf der Nordseite der Insel offenbar eine große mehr oder weniger industrielle Stätte mit etlichen Brennöfen war. Und deswegen auch auf und rund um die Insel so viele Amphoren und sonstige Töpferware zu finden ist.
Auch die vielen Säcke mit weißem Inhalt erregten meine Aufmerksamkeit. Manolis nutzt natürliche Felsbecken um dort Salz zu gewinnen. Am ehesten ist es mit Fleur de Sol zu vergleichen. Mussten wir kaufen!
Zu Guter letzt tauschten wir ein Glas selbst gemachte Apfelmarmelade gegen Feigenmarmelade!
Die beiden Männer erzählten mir noch dass eine Firma über die gesamte Insel verteilt Windräder bauen wollte, über Dreissig an der Zahl.
Dazu muss man sagen dass Beide Green Energy absolut aufgeschlossen gegenüber sind. Aber in diesem Fall wäre deren jahrhundertealte Lebensgrundlage für immer zerstört gewesen. Sechs Meter breite Straßen über 25 Kilometer, dutzende Gipfel und Bergrücken gesprengt und abgeflacht, hunderte Kilometer Kabel, da bleibt nicht viel übrig von deren Paradies.
Zum Glück stellte sich bald heraus dass der Bau hier eher unwirtschaftlich ist.
Ich für meinen Teil wünsche der Familie hier noch viele Jahrhunderte in dem kleinen Paradies, weit abseits der Zivilisation die offenbar auch die Kinder lieben, wenn sie hier sind. Auch wenn der letzte Esel von sechs Jahren verstorben ist, mittlerweile drei Traktoren die Arbeit verrichten, es ist einfach ein Kleinod, welches man unbedigt besuchen sollte. Sei behutsam wenn es dich mal hier her verschlägt! Nimm nichts mit von der Insel außer Eindrücke und was du von der Familie kaufen kannst und lass nichts da außer deine Schuhabdrücke im Staub, und vor allem lass keinen Müll da!Read more












































TravelerNehmen die dort österreichische Emigranten auf?
Travelerschwer das zu beantworten, die haben weder handy noch internet/email dort... 🥴 hinfahren und ausprobieren ob ihr bleiben dürft 😉