Tag 2 - ein Tag voller Höhen und Tiefen
August 6 in Mongolia ⋅ ☀️ 22 °C
Der Tag heute ist wohl kaum in Worte zu fassen. Aber von Anfang an:
Mit meinem Sitznachbarn im Flugzeug verstand ich mich ab der ersten Sekunde. Wirklich spannend. Der gute Herr hatte im Januar von seiner Firma eine Abfindung bekommen und muss nun bis zu seinem Lebensende nicht mehr arbeiten. Nach Mongolei ist er völlig spontan mit einer Reisegruppe geflogen – mit gerade einmal einer Woche Vorbereitungszeit. Die Reisegruppe hat definitiv die Luxusvariante einer Rundreise durch die Mongolei gebucht.
Zum Nachdenken gebracht hat mich vor allem unsere Unterhaltung, weil er mir noch einmal vor Augen geführt hat, wie sehr Menschen mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Meinungen werden gebildet, ohne Hintergründe zu kennen. Sätze wie „Das mag ich nicht“ oder „Das möchte ich nicht“ werden oft viel schneller ausgesprochen, als dass man etwas ausprobiert, sich Gedanken darüber macht oder versucht, sich ein ehrliches Bild über eine Situation zu machen. Vorurteile entstehen oft genau dort.
Auch ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich eine Meinung über eine Situation habe, die ich eigentlich gar nicht vollständig beurteilen kann.
Mein Sitznachbar hat denselben Rückflug wie ich. Wir werden uns am 22. August wiedersehen und uns über die vergangenen zwei Wochen austauschen.
Der achtstündige Flug war angenehm. Es gab diesmal sogar die Möglichkeit, beim Abendessen zwischen Rind und Hühnchen zu wählen. Auch das Frühstück war deutlich akzeptabler als damals im April auf dem Flug nach Südafrika.
Und dennoch: Geschlafen habe ich irgendwie kaum. Meine Gedanken kreisten ununterbrochen, mein Kopf entwickelte ein unerklärliches Szenario nach dem nächsten. Es ist wirklich verrückt, wie Gedanken in einer Abwärtsspirale immer wieder dasselbe Thema durchkauen. Und das Faszinierende daran: Man kommt eigentlich nie zu einem Ergebnis. Zu 99 Prozent kommen all diese Gedanken, die man sich macht, am Ende sowieso nie zum Einsatz.
So habe ich mich also selbst ungewollt wachgehalten. Nach acht Stunden Flugzeit und vermutlich kaum einer richtigen Tiefschlafphase landeten wir um 4 Uhr morgens Ortszeit in der Mongolei. Deutsche Zeit: 22 Uhr.
Bevor wir unser Gepäck abholen konnten, mussten wir uns noch etwa 1,5 Stunden an der Passkontrolle anstellen.
Nachdem wir unsere Koffer hatten, liefen wir Richtung Ankunftsbereich. Vor dem Abflug hatte ich noch eine seltsame Nachricht vom Hotel erhalten: „Dein Zimmer ist nicht fertig – sorry.“ Die Buchung auf Booking war jedoch weiterhin bestätigt, also machte ich mir zunächst keine Gedanken.
Gleichzeitig hatte Denis um einen Flughafentransfer gebeten, aber nie eine Antwort erhalten. In der Ankunftshalle dann das erste Aufatmen: Eine freundliche Frau hielt ein Schild mit Denis’ Namen in die Höhe.
Doch direkt danach folgte die nächste Herausforderung: Wir waren fünf Personen und hatten drei überdimensionierte Gepäckstücke dabei. Mit etwas Tetris gelang es uns, einen Koffer in den Kofferraum zu bekommen – der danach natürlich komplett voll war. Die beiden anderen Gepäckstücke mussten auf dem Beifahrersitz und der Rücksitzbank verstaut werden.
45 Minuten lang hatten wir die 20 kg schweren Gepäckstücke auf unserem Schoß. Eng, unbequem, schwer und warm beschreibt die Situation wohl am besten.
Am Hotel angekommen bestätigte sich dann die seltsam formulierte Nachricht. Es gab tatsächlich kein verfügbares Zimmer für mich. Gleichzeitig hatte ich aber unglaubliches Glück: Chiara hatte aus Versehen ein Zimmer für zwei Personen gebucht. Somit konnte ich bei ihr einziehen. Verrückt, aber wahr.
Aber keine Sorge: Der Tag sollte noch deutlich aufregender werden.
Um kurz nach 7 Uhr trafen wir zum ersten Mal einige Teilnehmer unserer Tour in einem Café. Und was soll ich sagen? Erneut hatte ich unglaubliche Schwierigkeiten, mich in einer größeren Menschengruppe wohlzufühlen.
Dieses Gefühl ist befremdlich. Ich beobachte und höre viel mehr zu, als dass ich selbst aktiv mitrede. Teilweise bin ich etwas überfordert mit all den Eindrücken und Einflüssen, die in diesem Moment auf mich einprasseln. Ein verrücktes Gefühl. Ich hoffe sehr, dass sich das in den nächsten Tagen noch etwas legt.
Denn eines ist sicher: Mit Rückzugsort und Privatsphäre wird es während dieser Reise schwierig. Wenn überhaupt, hat man diese wohl auf seinem Pferd.
Um kurz nach 8 Uhr verließ ich die Gruppe wieder. Ich wollte den Tag nutzen und versuchen, den Jetlag durch Bewegung und Erlebnisse zu überwinden.
Um 8:45 Uhr wurde ich von einer sehr netten mongolischen Frau abgeholt. Gemeinsam mit zwei Argentiniern war sie nicht nur unsere Fahrerin, sondern gleichzeitig auch unser Guide für den Tag.
Ich bin unfassbar dankbar für die kommenden Stunden, denn wir lernten unglaublich viel über die Geschichte und Kultur der Mongolei.
Sie erzählte uns unter anderem von der aktuellen Benzinsituation. Einige Tankstellen hatten in den vergangenen Tagen mit einem Kraftstoffmangel zu kämpfen. Besonders betroffen war AI-92, der Kraftstoff, der in der Mongolei am häufigsten getankt wird.
Die Mongolei importiert etwa 95 Prozent ihres Kraftstoffs aus Russland. Durch die anhaltenden politischen Spannungen und die Situation rund um den Ukrainekrieg ist die Versorgung teilweise komplizierter geworden.
Einige Tankstellen haben mittlerweile wieder Kraftstoff erhalten. Gleichzeitig sind die Schlangen vor diesen Tankstellen teilweise mehrere hundert Meter lang. Das führt nicht nur zu Chaos auf den Straßen, sondern verschafft einzelnen Tankstellen kurzfristig eine Art Monopolstellung. Um Hamsterkäufe zu verhindern, begrenzen einige Tankstellen die Abgabemenge pro Fahrzeug teilweise auf 20 bis 30 Liter.
Und dennoch befindet sich vor allem Ulaanbaatar mitten in einem großen Wandel. An jeder Ecke entstehen neue Hochhäuser, die Stadt wächst sichtbar. Die Einwohnerzahl steigt gefühlt täglich. Gleichzeitig ist Ulaanbaatar die mit Abstand wichtigste Stadt der Mongolei. Viele Menschen zieht es hierher, weil sich dort die meisten Arbeitsplätze, Universitäten und Möglichkeiten befinden. In der gesamten Mongolei leben etwa 3,6 Millionen Menschen, ein sehr großer Teil davon in der Hauptstadt. Fast jeder zweite Mongole lebt mittlerweile in Ulaanbaatar. Gleichzeitig gibt es in der Mongolei mehr Pferde als Einwohner. Eine verrückte Vorstellung und ein schönes Beispiel dafür, wie die alte nomadische Tradition und die moderne Entwicklung des Landes aufeinandertreffen.
Unser erster Stopp war die Chinggis-Khaan-Statue. Die Anfahrt dauerte über eine Stunde und langsam machte sich der Jetlag bemerkbar. Ich konnte meine Augen kaum noch offen halten und machte unterwegs ein kurzes Nickerchen.
Kurz vor der Ankunft ging plötzlich ein tiefes „Wow“ durch den Innenraum unseres Autos. Die riesige Reiterstatue gilt als die größte ihrer Art weltweit. Eröffnet wurde sie im Jahr 2008 zum 800-jährigen Jubiläum der Gründung des Mongolischen Reiches.
Dschingis Khan, in der Mongolei Chinggis Khaan genannt, gilt hier als Gründerfigur und Nationalheld. Im Jahr 1206 vereinte er die mongolischen Stämme und schuf eines der größten zusammenhängenden Reiche der Weltgeschichte.
Weiter ging es zu einer nomadischen Familie. Die Familie verbringt den Sommer in der Nähe der Statue. Nach nur etwa zehn Minuten Fahrt erreichten wir ihre Jurten.
Unser Guide erzählte uns, dass die Familie rund 150 Pferde besitzt. Nur ein kleiner Teil davon ist tatsächlich reitbar, während viele Stuten jedes Jahr ein Fohlen bekommen.
Besonders spannend war die Pferdemilch, die gerade in dieser Jahreszeit eine besondere Bedeutung hat. Es handelt sich um fermentierte Pferdemilch, in der Mongolei auch Airag genannt.
Klar war: Probiert wird auf jeden Fall. Denn wie soll man sich eine ehrliche Meinung bilden, wenn man etwas nicht ausprobiert hat? Beim ersten Schluck verzog ich jedoch mein Gesicht. Unglaublich sauer und mit einem Nachgeschmack, der schwer zu beschreiben ist. Mein Geschmack war es definitiv nicht.
Auch der Tee, der zum Essen serviert wurde, war im ersten Moment gewöhnungsbedürftig. Es handelte sich um eine Art schwarzen Tee mit Milch, wobei anstelle von Zucker Salz verwendet wird. Ein herzhafter Milchtee, der für uns Europäer zunächst ungewohnt schmeckt.
Ich weiß nicht, ob ich mich jemals vollständig daran gewöhnen werde, aber nach einigen Schlucken war er tatsächlich nicht mehr ganz so fremd.
Der Einblick in das Leben dieser nomadischen Familie war vermutlich der erste kleine Vorgeschmack darauf, was mich in den kommenden Tagen erwarten wird.
Nach dem Mittagessen fuhren wir weiter zum nächsten Highlight: der Steinschildkröte.
Die Steinschildkröte, auch Melkhii Khad genannt, ist eine der bekanntesten Naturformationen der Mongolei. Der riesige Granitfelsen erinnert tatsächlich an eine Schildkröte und hat für die Mongolen eine besondere Bedeutung.
Die Schildkröte steht traditionell für:
• Langes Leben und Beständigkeit
• Schutz und Stärke
• Glück und Wohlstand
Unser letzter Zwischenstopp war ein buddhistischer Tempel: der Aryabal Meditation Temple. Er liegt im Gorkhi-Terelj-Nationalpark und nur wenige Kilometer von der Steinschildkröte entfernt. Der Weg hinauf zum Tempel führt über viele Stufen und wird von buddhistischen Symbolen begleitet. Oben angekommen bietet sich ein beeindruckender Blick über die Landschaft. Eine wunderschöne Verbindung aus Natur, Ruhe und Spiritualität.
Auf der Rückfahrt Richtung Ulaanbaatar machte ich erneut ein kleines Nickerchen. Der Jetlag war inzwischen deutlich spürbar.
Im Hotel angekommen packte ich zunächst meinen Koffer aus und teilte mein Equipment auf die beiden Drybags auf. Erst danach bemerkte ich etwas, das mir sofort den Boden unter den Füßen wegzog: Mein mitgebrachter Reithelm aus Deutschland war nicht mehr auffindbar.
Ich suchte in der Lobby, fragte an der Rezeption nach und auch die Überwachungsvideos des Hotels wurden überprüft. Dort war der Helm ebenfalls nicht zu sehen.
Die Vermutung lag nahe: Ich musste ihn beim Flughafentransfer im Auto vergessen haben.
Die Dame hinter der Rezeption wollte mir helfen, aber auch mit einem Übersetzungsprogramm am Handy gestaltete sich die Kommunikation zunächst schwierig. Ich hatte mich innerlich bereits damit abgefunden.
Trotzdem war ich unglaublich enttäuscht von mir selbst. Dieser Helm war für mich ein wichtiger Bestandteil dieser Reise. Mein Kopf ist nicht nur groß, sondern auch etwas unförmig, und ein fremder Helm passt bei mir selten wirklich gut. Chiara versuchte mich aufzumuntern, aber meine Enttäuschung war in diesem Moment einfach riesig. Nach einem kurzen Einkauf machten wir noch einmal einen Abstecher zur Rezeption. Die Dame hinter der Theke musste uns zunächst enttäuscht mitteilen, dass kein Helm gefunden worden war.
Puh.
Wir erkundigten uns noch nach dem Frühstück, ob wir unseren Koffer bis zum Ende der Tour im Hotel lassen könnten und ob es möglich wäre, am nächsten Morgen ein Taxi zum vereinbarten Treffpunkt zu organisieren. Und plötzlich… ehrlich gesagt weiß ich bis heute nicht genau, wie es zu diesem Kommunikationswechsel kam… erzählte uns die Frau, dass sie meinen „Sicherheitsgegenstand zum Reiten“ gefunden hätten. Er sei bereits auf dem Weg zurück zum Hotel.
Wie bitte?
Wie war das möglich?
Unfassbar.
Ganz egal wie: Jetzt kann es losgehen. Morgen um 9 Uhr holt uns der Bus ab, der uns etwa 30 Stunden Richtung Ulaangom bringen wird. 1.300 Kilometer weiter westlich. 1.300 Kilometer über teilweise kaum ausgebaute Straßen.
Was für ein Abenteuer.
Ab morgen besteht die Vermutung, dass ich keinen Strom, kein fließendes Wasser und nur sehr begrenzte Privatsphäre haben werde. Aber genau das ist es doch, was diese Reise ausmacht.
Jetzt bin ich erstmal zuversichtlich und gehe schlafen. Alles, was ab morgen passiert, ist Abenteuer und gehört zu einer Reise, die hoffentlich unvergesslich wird.
Im Nachhinein musste ich feststellen, dass ich die meisten Situationen erstaunlich gelassen angenommen habe. Okay… bei der Helmsituation vielleicht nicht ganz. Aber letztendlich musste ich an etwas denken, das eine Freundin vor Kurzem zu mir gesagt hat:
Man sollte sich nicht fragen, warum etwas passiert, sondern wofür.
Wofür war diese Situation notwendig? Was kann ich daraus für die Zukunft mitnehmen? Was möchte mir diese Erfahrung vielleicht zeigen?
Vielleicht geht es gar nicht darum, dass immer alles nach Plan läuft. Vielleicht geht es darum, zu lernen, mit den unerwarteten Momenten umzugehen. Und genau diese Momente sind es am Ende, die aus einer Reise ein echtes Abenteuer machen.Read more














Viel Spaß,freue mich schon weiter lesen zu können 😚 [Mama]
Traveler
....absolut krass
Traveler
mega....auch der Reiter!