• Tag 3 - 24h Nachtbus

    August 7 in Mongolia ⋅ ☁️ 28 °C

    Chiara und ich haben bis 7 Uhr geschlafen und unsere restlichen Sachen zusammengepackt. Um 7.30 Uhr hat uns die Dame hinter der Rezeption Frühstück aufs Zimmer gebracht.

    Ein Teller mit drei Gurken, zwei Tomaten, drei Scheiben Wurst, einem hart gekochten Ei und einer halben Scheibe Toast. Alles andere als sonderlich appetitlich, aber wir haben den Großteil aufgegessen – aus Respekt.

    Für 8.30 Uhr hatten wir gestern das Taxi an der Rezeption bestellt. Heute Morgen war die Frau hinter der Rezeption etwas überrascht von unserem Gepäck und teilte uns per Übersetzer mit, dass sie das Taxi storniert hat und uns jetzt ein größeres Auto sucht. Es war bereits 8.45 Uhr und die Frau lief zur Hauptstraße und suchte uns ein Taxi. Zehn Minuten später kam sie von der Straße zurückgerannt – mit einem Auto.

    Mittlerweile mussten wir schon öfter feststellen, dass man in der Mongolei Zeit mitbringen muss. An der Kasse im Supermarkt fällt beispielsweise plötzlich das System aus – alle warten. Pünktlichkeit wird nicht großgeschrieben, jedoch ist die Hilfsbereitschaft schon deutlich ausgeprägter. Ein Lächeln bei den meisten Mongolen bleibt bisher allerdings noch aus.

    Wir starteten unsere Reise gegen 10 Uhr, machten jedoch noch einen Halt am Supermarkt. Um 11 Uhr ging es dann endlich los, doch zuerst mussten wir uns durch den Stau der Hauptstadt kämpfen. Zäh ging es im Stop-and-Go voran. Der Busfahrer hatte definitiv einen Bleifuß – mehrere Male machte er eine gepflegte Vollbremsung mit einem begleitenden Hupen.

    Als wir die Hauptstadt verlassen hatten, trat im ersten Moment Erleichterung auf. Die Luft wurde wieder deutlich besser, man traute sich wieder durchzuatmen. Gleichzeitig hatte man die Hoffnung auf eine angenehmere Fahrweise. Doch dem war nicht so. Der Busfahrer fuhr in Hochgeschwindigkeit über die teilweise sehr schlecht erhaltene Asphaltstraße.

    Nach einiger Zeit machten wir eine Pinkelpause. Ich hatte erstmal Glück, meine Blase hatte sich noch nicht angekündigt. Aber das schon einmal benannte Problem, dass weit und breit kein Busch oder Baum war, existierte weiterhin. Die Frauen mussten also ihren blanken Hintern in die Wildnis strecken. Naja, ich gehe davon aus, dass das Schamgefühl in den nächsten Tagen nicht mehr bestehen wird.

    Um halb 3 machten wir Mittagspause. Wir hatten die Möglichkeit, Ramen oder mongolisch essen zu gehen. Auf der Toilette – das wusste ich von dem Guide von gestern – gibt es außerhalb der Stadt kein Toilettenpapier mehr. Daher separierte ich mir einige Lagen Toilettenpapier, um immer darauf zugreifen zu können.

    Die meisten von uns haben sich für Ramen entschieden.

    Ehrlich gesagt bin ich tatsächlich etwas deprimiert über die Reisegeschwindigkeit. Um 17 Uhr fuhren wir endlich weiter. Von den 1.350 km hatten wir gerade einmal 250 km zurückgelegt. Die Busfahrt wird sicherlich noch zäh.

    Die Stimmung in der Gruppe war dabei erstaunlich entspannt. Jeder wusste, was auf einen zukommt, und irgendwie hatten sich alle mit der Situation abgefunden. Jeder arrangierte sich so gut es ging mit den Gegebenheiten, machte das Beste daraus und wartete einfach ab, was die nächsten Stunden noch bringen würden.

    Beeindruckend ist jedoch die Weite. Das Gras hat kaum Zeit zu wachsen, die Sommerzeit ist viel zu kurz, der Winter ist lang und zäh. Zweistellige Minusgrade sind Standard. Immer wieder sieht man Kuh-, Schaf- und Pferdeherden und mittendrin stehen die weißen, runden Zelte der Mongolen.

    Und dennoch stelle ich mir immer wieder die Frage: Warum muss man nochmal 1.350 km Richtung Westen fahren?

    Egal – mitgehangen, mitgefangen.

    Die Nacht war erträglich, dennoch machte der Busfahrer immer wieder unvorhergesehene Vollbremsungen, sodass man fast vom Sitz geflogen ist. Also hieß es: anschnallen.

    Bevor wir durch die Nacht fuhren, machten wir nochmal eine Pinkelpause an einer Tankstelle. Die Toiletten: ein drei Meter tiefes Loch, darüber ein Hüttchen mit einem Loch im Boden. Der Tankstellenwart öffnete uns die „neuen“ Hüttchen. Der Gestank war erträglich. Toilettenpapier gab es natürlich keins, nur das selbst mitgebrachte aus Deutschland.

    Ich war heilfroh, dass es kaum gestunken hatte. Dennoch hatte ich mit diesem Toilettengang ein neues Erfahrungslevel freigeschaltet.

    Ach, und zum Thema Vorurteile: Der deutsche Tourleiter hatte eine kurze Sicherheitseinweisung gegeben. Er erwähnte einerseits, dass wir vergessen sollen, was wir auf europäischen Pferden gelernt haben, und andererseits sollen wir nicht den Ausrüstungsstandard erwarten, den wir aus Europa kennen. Dabei hat er mich angeschaut.

    Ob Zufall oder nicht, aber ich habe das größte Verständnis dafür, dass Mongolen ihre Pferde als Nutztiere halten und sie nicht wie in Deutschland als Luxusgut gelten.

    Ich bin jedoch sehr gespannt auf die mongolische Kultur und darauf, mit welchen Eigenarten ich konform bin und welchen ich mit erstmaligem Unverständnis begegnen werde.
    Read more