• Tag 5 - erster Tag auf dem Pferd

    August 9 in Mongolia ⋅ ⛅ 14 °C

    Um 6 Uhr sind wir aufgewacht. Am Abend zuvor hatte uns unser mongolischer Guide empfohlen, mit Luftmatratze und Schlafsack draußen zu schlafen. 13 von 17 Leuten haben sich schließlich in zwei Reihen nebeneinander gelegt. Es wurde gequatscht, spekuliert und gemeinsam der Sternenhimmel beobachtet. Am Horizont hatte es plötzlich angefangen zu gewittern, aber trotzdem waren alle zuversichtlich, dass das Gewitter an uns vorbeiziehen würde.

    Doch dann kam der erste Regentropfen und plötzlich rannten alle zurück in ihre Zelte. Chiara hatte zu diesem Zeitpunkt schon tief und fest geschlafen und war von dem spontanen Umzug ins Zelt entsprechend wenig begeistert. Wenige Minuten später schüttete es dann tatsächlich aus Kübeln.

    Trotz des nächtlichen Umzugs war die Nacht erstaunlich erholsam. Ich hatte allerdings ein kleines Problem damit, im Schlafsack die richtige Temperatur zu finden. Ich habe mit kurzer Hose und T-Shirt geschlafen und trotzdem immer wieder geschwitzt und gefroren. Keine Ahnung, woran das lag und was ich heute Nacht anders machen soll.

    Am Morgen haben wir wieder versucht, Ordnung in unser Chaos zu bringen. Hat nur so semi gut funktioniert. Erst haben wir unsere Sachen gepackt, um 8 Uhr gab es Frühstück und anschließend haben wir unser Zelt abgebaut. Danach versuchten wir, den Mongolen beim Bepacken der Kamele zu helfen. Insgesamt wurden 14 Kamele beladen.

    Da die Mongolen kaum ein Wort Englisch sprechen, werden wir mit Händen und Füßen zu dem gelotst, was der jeweilige Mongole als Nächstes benötigt. Irgendwie funktioniert die Kommunikation trotzdem erstaunlich gut. Der Umgang mit den Tieren ist in vielerlei Hinsicht für uns wohl kaum nachvollziehbar. Den Kamelen wurde ein spitzer Dorn durch die Nase geführt, wodurch sie handelbar wurden. Damit haben sie sich auf Kommando hingelegt und waren halfterführig. Beim Packen wurden zunächst ihre Höcker mit Decken gepolstert und anschließend das Gepäck mit Schnüren festgezogen.

    Nicht jedes Kamel kam mit dieser Prozedur zurecht. Keines hat sich jedoch gewehrt oder war irgendwann nicht mehr handelbar. Man merkt es eher daran, dass die Kamele anfangen zu schreien. Am Ende hat sich aber jedes Kamel mit der Situation arrangiert und das getragen, was ihm auf den Rücken geschnallt wurde.

    Das Faszinierende: Es wurde wirklich alles auf die Kamele gepackt. Essen, Gepäck, Zelte, Küchenutensilien und sogar das Schaf fand auf einem Kamel Platz. Die Zuteilung der Pferde wirkte auf mich zunächst etwas systemlos. Es gab wohl die zuvor eingeteilten Gruppen, allerdings spielte das anscheinend hauptsächlich im Umgang mit dem Pferd eine Rolle. Ich hatte vorher gesagt: „Gebt mir das schwierigste Pferd.“ Am Ende war es eigentlich nur deshalb schwierig, weil es im Umgang etwas sensibler war und ich nur mit viel Ruhe an die rechte Seite meiner Packtasche kam. Jeder von uns hatte rechts und links eine kleine Packtasche. Darin befanden sich Regenklamotten, Getränke, die Essensbox und alle möglichen Eventualitäten wie Sonnencreme, Mückenspray, Kopfschmerztabletten und eigentlich alles, was man unterwegs eventuell benötigen könnte. An die großen Taschen auf den Kamelen kommen wir nach dem Bepacken erst wieder, wenn wir abends am Camp angekommen sind.

    Die Pferde haben keine Namen. Das zeigt meiner Meinung nach auch schon, welchen Stellenwert das Pferd in dieser Herde für die Mongolen hat. Es ist ein Nutztier. Ein Tier, das ein paar Mal im Jahr Touristen durch das Altai-Gebirge im Westen der Mongolei trägt und ansonsten seine Freiheit genießt.

    Das Altai-Gebirge ist dabei eine ganz eigene Welt. Es erstreckt sich über mehrere Länder, unter anderem die Mongolei, China, Russland und Kasachstan, und wirkt im Westen der Mongolei unglaublich ursprünglich. Schroffe, karge Berghänge treffen auf grüne Täler, weite Ebenen und Flüsse, die sich durch die Landschaft ziehen. Dazwischen stehen immer wieder schneebedeckte Gipfel. Gerade diese Mischung macht das Altai so besonders: Die Landschaft wirkt gleichzeitig rau und wunderschön, weit und doch irgendwie gewaltig.

    Und genau hier leben die Menschen teilweise noch sehr eng mit der Natur. Es gibt kaum Straßen, kaum Infrastruktur und nur wenige feste Siedlungen. Stattdessen ziehen die Nomaden mit ihren Tieren durch die Landschaft und leben in ihren Gers. Pferde, Kamele, Schafe und Yaks gehören selbstverständlich zum Alltag. Für uns ist das eine völlig andere Welt. Für die Menschen hier ist es einfach ihr Zuhause.

    Wenn man dann auf einem mongolischen Pferd durch diese Landschaft reitet, bekommt man noch einmal ein ganz anderes Gefühl für das Land. Keine Straße, kein Zaun, kein Gebäude weit und breit. Nur die Herde, die Berge und diese unglaubliche Weite. Genau deshalb fühlt sich der Ritt durch das Altai wahrscheinlich auch so besonders an. Die Pferde in der Herde sind alles Wallache. Die Stuten bekommen regelmäßig Fohlen und sind in der Regel nicht reitbar. Die Pferde kommen von drei unterschiedlichen Mongolen, wobei jeder dieser Mongolen zwischen 30 und 60 Pferde besitzt. Unfassbar, wenn man sich das einmal vorstellt. Die Pferde sind mongolische Pferde: robust, trittsicher und perfekt an die Bedingungen hier angepasst. Das Equipment erfüllt seinen Zweck. Trotzdem kann man bei fast jedem Pferd irgendetwas bemängeln: Gebiss zu tief, Sattelgurt zu schmal, Gebiss ausgeschlagen oder zu lang. Es ist definitiv nicht mit europäischen Standards vergleichbar. Aber es erfüllt seinen Nutzen und für mich war es in Ordnung. Ich habe es einfach als Teil dieser Kultur akzeptiert.

    Bevor es aufs Pferd ging, gab es noch eine kleine Sicherheitseinweisung. Wichtig war vor allem: Die Pferde sind zwar an Reiter gewöhnt, bei allen anderen Tätigkeiten soll man jedoch anhalten und absteigen. Also zum Beispiel zum An- und Ausziehen der Jacke, zum Trinken oder für sonstige Dinge. Erst erledigen, was man machen möchte, dann wieder aufsteigen.
    Tatsächlich sind die Pferde ansonsten teilweise sehr scheu. Zumindest meines, vor allem wenn es um Berührungen an verschiedenen Körperstellen ging. Ob ich also tatsächlich dazu komme, ihm meine Hagebutten zu füttern, bleibt noch abzuwarten. Einerseits ist es nicht unbedingt gern gesehen, andererseits ist mein Pferd extrem kopfscheu. Aber mal schauen. Vielleicht schaffe ich es heimlich und kann dadurch ein bisschen Vertrauen aufbauen.

    Als jeder Teilnehmer sein Pferd zugeteilt bekommen hatte und die Kamele vollständig gepackt waren, ging die wilde Fahrt endlich los. Die Organisation Wandermut hatte fünf bis sieben Reitstunden pro Tag empfohlen. Einige Teilnehmer hatten jahrelang Reitpause oder noch gar keine Reiterfahrung. Letztendlich waren tatsächlich alle Pferde einigermaßen brav. Woran man allerdings schnell den puren Reitanfänger erkannte, war der Herdentrieb. Mal Trab, mal Schritt, und plötzlich wollte das Pferd einfach nicht mehr dort entlang, wo der unbeholfene Reiter hinwollte. Und allein mit Ziehen kommt man auch bei mongolischen Pferden nicht besonders weit.

    Mein Pferd war am Anfang ebenfalls etwas eigenwillig. Allerdings war schnell klar, dass es sich nicht sonderlich bemühen musste. Es gab die Kontrolle einfach an mich ab, senkte den Kopf und lief in dem Tempo, das ich wollte. Das machte die Sache natürlich ziemlich angenehm.
    Ganz anders bei ungefähr drei Vierteln der restlichen Reiter. Einigen juckte es regelrecht in den Fingern und sie mussten immer wieder auftraben. Und dann zeigte sich der Herdentrieb besonders deutlich: Trabte eines, trabten drei Viertel der Herde einfach mit. Am Anfang war das noch ziemlich witzig. Mit der Zeit wurde es für den einen oder anderen Reiter allerdings ziemlich nervig, keine wirkliche Kontrolle über sein Pferd zu haben. Der mongolische Guide meinte dazu sinngemäß: Man müsse dem Pferd einfach zeigen, wer der Chef ist.

    Aber seien wir ehrlich: Kein Reitanfänger hat nach ein paar Stunden plötzlich die Autorität, sich erfolgreich gegen ein mongolisches Pferd durchzusetzen. Es war ein bisschen wie der Reitanfänger im Schulbetrieb. Nur dass hier nicht das bockige Pferd in der Mitte der Halle steht, sondern die gesamte Herde einfach ihrem Herdentrieb folgt.

    Natürlich kann man sich die Frage stellen, ob das ethisch vertretbar ist. Für mich war es jedoch vor allem spannend zu sehen, wie unterschiedlich der Umgang mit Pferden in verschiedenen Kulturen sein kann. Ich habe versucht, es nicht mit unseren europäischen Maßstäben zu bewerten, sondern als Teil dieser Lebensweise zu akzeptieren. Die mongolischen Guides empfahlen den Reitanfängern, sowohl im Trab als auch im Galopp einfach im Steigbügel zu stehen, also eine Art leichten Sitz einzunehmen und sich mit einer Hand festzuhalten. Das klappte tatsächlich erstaunlich gut und einige der Reiter hatten ziemlich schnell den Dreh raus.

    Wir selbst waren jeweils ungefähr eine Stunde vor und eine Stunde nach dem Mittagessen zu Pferd unterwegs. Und ich muss sagen: Mein Pferd und auch der Sattel waren überraschend bequem. Schritt und Galopp fühlten sich richtig angenehm an. Der Trab war dagegen ziemlich ungewohnt. Die Tritte der mongolischen Pferde sind deutlich kleiner und dadurch musste ich viel schneller aufstehen und wieder hinsetzen, als ich es gewohnt bin.

    Auch das Wetter ist hier spannend. Sobald die Sonne herauskommt, wird es richtig warm. Morgens, solange die Sonne noch hinter den Bergen steckt, ist es dagegen ziemlich frisch. Man startet also erstmal mit langen Klamotten und zieht sich Stück für Stück aus, sobald die Sonne über die Berge kommt.
    Nach etwa acht Kilometern kamen wir an unserem Camp an. Die Pferde wurden abgesattelt und jedem wurde eine Art Beinfessel angelegt. Sieht im ersten Moment etwas brutal aus, hindert die Pferde aber nicht daran, sich fortzubewegen. Sie können eben nur nicht mehr besonders schnell und vor allem ziemlich unelegant laufen. Danach wurden die Kamele von ihrem Gepäck befreit und ebenfalls in die Freiheit entlassen. Spannend finde ich ja, dass keines der Tiere so weit wegläuft, dass man es am darauffolgenden Tag nicht wiederfindet.

    Morgen ist es wohl unsere Aufgabe, unsere Pferde selbstständig wiederzufinden. Ich bin gespannt, ob ich meines wiederbekomme. So scheu, wie es manchmal ist, bin ich mir da noch nicht ganz sicher. Nachdem wir die Kamele abgeladen hatten, sortierten wir das Equipment und bauten anschließend unser Zelt wieder auf. Heute waren wir dabei schon deutlich routinierter. Man merkt tatsächlich, dass man sich langsam an dieses Leben gewöhnt.

    Nach dem Zeltaufbau hatten wir noch etwas Zeit für Freizeit. Drei Mädels und ich liefen zum Fluss und versuchten, so gut wie möglich, bei dem eiskalten Wasser Körperhygiene zu betreiben. Auch wenn es so kalt war, dass man währenddessen das Gefühl hatte, fast zu erfrieren, war es danach eine absolute Wohltat. Anschließend spielten wir Volleyball, Karten und ich musste zum ersten Mal meine Filterflasche ausprobieren. Die Anwendung war erstaunlich einfach und das Wasser schmeckte tadellos. Ein weiterer kleiner Luxus, den man hier plötzlich ganz anders zu schätzen weiß.

    Zum Tagesabschluss und noch vor dem Abendessen wurde das zuvor gekaufte Schaf geschlachtet. Man hatte die Möglichkeit, dabei zuzuschauen. Ich habe mich dafür entschieden.

    Die Mongolen machten es wirklich professionell. Ich hatte ehrlich gesagt damit gerechnet, dass das Schaf schreien und sich heftig wehren würde. Doch der zuständige Mongole war so schnell und geschickt, dass man keinen einzigen Ton hörte. Er kniete sich auf die Kehle des Schafs, schnitt innerhalb weniger Sekunden den Bauch eine Handbreit auf, griff hinein und durchtrennte mit der Hand eine Arterie. Danach wurde das Schaf von seinem Fell befreit und jedes einzelne Körperteil sorgfältig separiert. Für mich war es erstaunlicherweise völlig in Ordnung, dabei zuzuschauen. Vielleicht auch deshalb, weil ich wusste, dass dieses Schaf bis zu diesem Tag ein sehr gutes Leben hatte. Es hatte in einer Herde gelebt, frei, ohne Zäune und ohne die Einschränkungen, die wir von der Tierhaltung kennen.

    Die Stimmung unter den Teilnehmern war interessiert. Nur eine kleine Handvoll wollte lieber nicht zuschauen. Ein bisschen Respekt hatte ich anschließend trotzdem vor dem Abendessen. Denn zum Abendessen gab es natürlich Schaf. Meine Bedenken waren allerdings schnell entschärft. Das Schaf schmeckte tatsächlich sehr lecker. Die Mongolen verwerten selbstverständlich alles. Für sie gab es die Innereien, während wir Europäer natürlich nur die Teile bekamen, die für uns etwas vertrauter sind. Nach dem Abendessen gab es noch eine kurze Vorstellungsrunde. Danach ging es für mich ans Lagerfeuer. Allerdings nicht nur zum gemütlichen Zusammensitzen, sondern vor allem, um in meinem Buch weiterzuschreiben. Während die anderen Teilnehmer den Abend am Lagerfeuer verbrachten, saß ich da und schrieb Seite um Seite. Ich wollte die ersten Eindrücke dieses Tages unbedingt festhalten. Zu viele neue Dinge waren passiert, zu viele Eindrücke prasselten auf mich ein.

    Heute war schließlich der erste richtige Tag zu Pferd. Und irgendwie fühlt es sich schon jetzt so an, als würde diese Reise jeden Tag ein kleines bisschen verrückter werden.
    Read more