• Tag 6 - Adlerfütterung

    August 10 in Mongolia ⋅ ☀️ 14 °C

    Heute bleiben wir an Ort und Stelle und kehren nach unserem Ausritt wieder zum Camp zurück. Daher konnten wir ausschlafen und mussten auch nicht unsere Sachen packen.
    Um 9 Uhr gab es Frühstück. Faszinierend finde ich wirklich, wie abwechslungsreich unsere Köchin jeden Tag die Mahlzeiten zubereitet. Unter diesen Bedingungen jeden Tag etwas anderes auf den Tisch zu bekommen, ist schon eine Leistung. Mein Schlaf war heute sehr erholsam. Nachdem ich in der Nacht noch eine warme Jogginghose angezogen hatte, habe ich auch nicht mehr gefroren. Laut unserem mongolischen Guide soll es die nächsten Tage sogar noch kälter werden. Mal schauen, wie gut mein Schlafsack damit klarkommt.

    Um 11 Uhr richteten wir die Pferde für einen zwölf Kilometer langen Ausritt.
    Apropos: „Pferde finden“. Die Pferde wurden morgens einfach in der Herde zusammengetrieben und wir mussten unser eigenes Pferd darin erkennen. Eigentlich ziemlich simpel. Wenn man allerdings bedenkt, dass die Pferde keine Namen haben und teilweise alle sehr ähnlich aussehen, ist es schon eine kleine Herausforderung. Letztendlich findet man sein Pferd aber erstaunlich schnell wieder. Die Mongolen halfen uns erneut dabei, die Pferde fertig zu machen. Heute ließ ich mir zeigen, wie genau die Kombination aus Halfter und Trense funktioniert. Zum Reiten wird das Halfter zunächst gelockert, das Gebiss zwischen die Zähne gezogen und anschließend das Halfter wieder angezogen. Fertig ist die Trense. Nach dem Reiten läuft das Ganze genauso unkompliziert rückwärts: Gebiss wieder heraus, Halfter an und das Gebiss hängt anschließend hinter dem Unterkiefer ungefähr auf Backenhöhe. Simpel, aber genial. So musste ich meinen ohnehin schon kopfscheuen Kerl nicht auch noch an den Ohren anfassen.
    Wobei ich mittlerweile merke, dass er mir langsam vertraut. Sobald man ihn einmal berührt hat, sind die weiteren Berührungen kaum noch ein Problem. Nur diese allererste Berührung ist jedes Mal speziell. Danach lässt er sich erstaunlich gut anfassen. Und beim Reiten wird das Vertrauen ebenfalls immer größer. Das kleine mongolische Pferd ist unglaublich trittsicher. Egal ob Unebenheiten, Steine, Löcher oder schwierige Stellen im Gelände, es findet seinen Weg. Man lernt ziemlich schnell, dem Pferd zu vertrauen und nicht bei jedem Schritt darüber nachzudenken, ob es gerade irgendwo stolpern könnte.

    Als alle Pferde gerichtet waren, hieß es: aufsitzen und los.

    Unsere zwölf Kilometer führten uns heute hauptsächlich durch den Wald. Wir ritten durch dichtes Unterholz, über kleinere Flüsse und immer wieder über unebenes Gelände. Einen richtigen Weg gab es eigentlich nicht. Das Pferd suchte sich einfach seinen eigenen Weg durch die Landschaft. Eins ist sicher: Mit einem normalen europäischen Ausritt hat das hier nichts zu tun. Man muss irgendwann aufhören, jeden einzelnen Schritt des Pferdes kontrollieren zu wollen. Stattdessen muss man ihm vertrauen. Und genau das macht das Reiten hier so besonders. Das Pferd weiß offenbar ziemlich genau, wo es hintreten kann und wo nicht. Reflexartig versucht man natürlich, die Pferde mit Schnalzen anzutreiben. Doch tatsächlich reagieren die kleinen mongolischen Pferde auf ein „Tschu, Tschu“ und das sogar erstaunlich gut.

    Vier Mongolen ritten heute mit uns mit. Einer ganz vorne, den man in der Regel nicht überholen sollte. Einer in der Mitte, der immer wieder nach dem Rechten schaute und dabei ganz besonders viel Spaß daran hatte, die Gruppe ein bisschen aufzumischen. Einer bildete den Abschluss und hielt die Gruppe zusammen. Und unser mongolischer Guide war vor allem für die Übersetzung zuständig.

    Heute hatte eigentlich jeder schon ein deutlich besseres Gefühl für sein Pferd. Die Unsicherheit vom ersten Tag war bei vielen verschwunden.
    Eine Reiterin war allerdings noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen. Letztendlich wurde sie durch die Gruppendynamik mitgezogen. Bei ihr hatte ich allerdings besonders stark das Gefühl, dass ihr bisher jeglicher Bezug zu Pferden fehlte. Jeder darf für sich selbst entscheiden, ob diese Art des Reisens das Richtige für ihn ist. Und ich hätte durchaus Verständnis dafür, wenn jemand das Ganze aus ethischen Gründen kritisch sieht.

    Um ein kurzes Bild zu beschreiben: Sie kommentierte praktisch jeden ihrer Schritte. Bei einem unfreiwilligen Tempowechsel hörte man ihre Euphorie wahrscheinlich kilometerweit. Am Ende hatte sie in einer Hand einen Stock zur Beschleunigung und versuchte mit der anderen Hand, ihr fehlendes Gleichgewicht über den Zügel auszugleichen.

    Wir haben viele Reitanfänger in der Gruppe, doch keiner ist mir bisher so unangenehm aufgefallen wie sie.
    Mittagspause machten wir unter einer Gruppe von Bäumen. Wir bekamen das bereits zubereitete Essen aus unseren Tupperboxen und machten es uns mitten im Wald gemütlich. Danach ging es auf einem anderen Weg wieder zurück. Auf dem Rückweg wurde der eine oder andere Reiter etwas übermütig und immer mal wieder wurde es etwas wackelig. Aber keiner ging heute getrennte Wege und am Ende kamen alle heil wieder im Camp an.
    Im Camp hatten wir wieder etwas Zeit für uns. Einige Mädels entschieden sich dazu, ihre Haare im kalten Fluss zu waschen. Ich lehnte dankend ab. Nicht unbedingt, weil ich das kalte Wasser meiden wollte, sondern eher, weil ich bei der Menge an Haaren teilweise schon zu Hause mit ausreichend fließendem Wasser Probleme habe, sie vernünftig sauber zu bekommen. Im eiskalten Fluss hätte ich wahrscheinlich irgendwann einfach aufgegeben.
    Die restliche Zeit bis 17 Uhr verbrachten wir mit Kartenspielen. Es gab mittlerweile auch schon Teilnehmer, die sich zwischendurch zurückzogen und einfach etwas Zeit für sich benötigten.
    Und das ist völlig in Ordnung. Wir sind hier 17 Menschen, verbringen praktisch jeden Tag und jede Nacht miteinander und erleben ständig neue Dinge. Da darf man auch einfach mal sein eigenes Ding machen und keinen Bock auf Gruppending haben.

    Um 17 Uhr hieß es dann:
    ADLERFÜTTERUNG.
    Fünf Teilnehmer hatten die Möglichkeit, ein traditionelles Gewand anzuziehen, den Adlerhandschuh überzustreifen und mit etwas Futter in der Hand einen Adler anzulocken. Die Adlerjagd ist hier im Westen der Mongolei tief in der Kultur der kasachischen Bevölkerung verwurzelt. Besonders in der Provinz Bayan-Ölgii wird die jahrhundertealte Tradition bis heute gepflegt. Die Adlerjäger, die sogenannten Bürkütchi, trainieren vor allem weibliche Steinadler und gehen traditionell vom Pferd aus auf die Jagd. Dabei werden unter anderem Füchse gejagt. Die Verbindung zwischen Adler, Pferd, Jäger und der Landschaft des Altai ist ein wichtiger Teil der kasachischen Identität in dieser Region. Die Tradition wurde deshalb auch als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Für uns war es heute natürlich keine Jagd, sondern die Möglichkeit, diesen beeindruckenden Tieren einmal ganz nah zu kommen.

    Anfangs gestaltete sich die Fütterung allerdings etwas schwierig. Der erste Adler war nur schwer dazu zu animieren, seinen Flug zum Futter zu starten. Glücklicherweise standen zwei Adler zur Verfügung und so konnte schließlich jeder, dieses Erlebnis selbst erleben. Ich war ehrlich gesagt ziemlich beeindruckt, als der Adler auf mich zuflog. Und dann kam er. Der Adler breitete seine Flügel aus und flog direkt auf mich zu. Schon allein dieser Moment, in dem dieses riesige Tier auf einen zufliegt, war unglaublich aufregend. Die Landung auf meinem Arm war dann noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Der Aufprall war so kraftvoll, dass mich der mongolische Adlerjäger festhalten musste, damit ich nicht das Gleichgewicht verliere.

    Und dann saß er da. Ein etwa zwölf Kilogramm schwerer Adler landete auf meinem Arm und breitete seine Flügel aus. Als er mit seinem Schnabel nach dem Futter rupfte, merkte man sofort, wie viel Kraft in diesem Tier steckt. Der Schnabel war dabei erschreckend nah an meinem Gesicht und trotz des dicken Handschuhs hatte der Adler tatsächlich die Möglichkeit, mich mit seiner Kralle ein wenig durch den Handschuh zu pieksen.
    Halb so wild. Aber auch das hat noch einmal eindrucksvoll gezeigt, welche Kraft in diesen Tieren steckt. Das Gefühl war sensationell. Ich glaube, man kann so einen Moment nur schwer beschreiben. Dieses riesige Tier fliegt auf dich zu, landet mit voller Wucht auf deinem Arm und breitet seine Flügel über dir aus. Man steht einfach da und realisiert für einen Moment gar nicht richtig, was gerade passiert. Ein wirklich beeindruckender Moment.

    Das Abendessen war mal wieder erstaunlich abwechslungsreich. Es gab frittierte Teigtaschen mit Fleisch und Gemüse. Leider vergesse ich immer wieder, Fotos von den lecker zubereiteten Gerichten zu machen. Irgendwie hat man hier nur selten sein Handy griffbereit. Einerseits, weil man den Akku sparen muss, andererseits gibt es sowieso keinen Empfang.

    Und damit wohl eine der häufigsten Fragen: Vermisse ich es, nach Hause telefonieren zu können?
    Natürlich gibt es Momente, in denen ich bestimmte Personen oder Situationen vermisse. Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich an der Situation ohnehin nichts ändern kann. Ich kann niemandem kurz schreiben, erzählen, was gerade passiert ist, oder spontan telefonieren.
    Und irgendwie ist das völlig in Ordnung.
    Die Zeit ohne Telefon geht tatsächlich viel schneller vorbei, als ich gedacht hätte. Vielleicht nimmt man die Dinge dadurch sogar intensiver wahr, weil man nicht ständig darüber nachdenkt, ein Foto zu machen oder jemandem sofort davon zu erzählen. Man erlebt es einfach.

    Morgen werden wir wieder aufbrechen und weiterziehen. Die nächsten Tage soll es noch einmal deutlich kälter werden. Schauen wir mal.
    Heute war jedenfalls einer dieser Tage, an denen ich abends im Zelt liege und mich frage, ob das gerade wirklich passiert. Vor ein paar Tagen saß ich noch im Alltag, und heute reite ich ohne richtigen Weg durch das Altai-Gebirge und halte einen zwölf Kilogramm schweren Adler auf meinem Arm.

    Und genau für solche Tage bin ich hier.
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