Tag 7 - erster Umzug ins neue Camp
August 11 in Mongolia ⋅ ☀️ 15 °C
Heute begann der Tag leider mit einer unschönen Nachricht.
Das Pferd unseres deutschen Teamleiters hatte sich gestern beim Ausritt an der Innenseite des Vorderbeins verletzt. Es war gestolpert und hatte sich dabei selbst ins Vorderbein getreten. Gestern sah es zunächst gar nicht so schlimm aus, heute war das Pferd allerdings stocklahm. Man sah deutlich, dass es Schmerzen hatte.
Unser Teamleiter bekam deshalb ein neues Pferd. Eigentlich schreibt Wandermut für solche Fälle ein Ersatzpferd vor. Nur gab es hier schlichtweg keines.
Also bekam unser Teamleiter ein Pferd von einem mongolischen Horseman und das verletzte Pferd wechselte zu dem Mongolen. Mit musste es trotzdem. Nicht, weil irgendjemand das wollte, sondern weil wir mitten im Nirgendwo waren. Keine Straße, kein Internet, keine Möglichkeit, kurzfristig ein anderes Pferd oder einen Tierarzt zu organisieren. Erst in zwei Tagen würde es überhaupt die Möglichkeit geben, das Pferd auszutauschen.
Es tat einem wirklich im Herzen weh, das Pferd so laufen zu sehen. Auch unser Teamleiter fand die Situation alles andere als richtig. Aber was sollte er machen? Es gab in diesem Moment schlicht keine andere Möglichkeit.
Um 8 Uhr gab es Frühstück.
Danach mussten die Mongolen zunächst einmal die Pferde und Kamele suchen. Die Tiere werden nach getaner Arbeit einfach in die Freiheit entlassen. Heute stand ihnen dafür eine schier endlose Weite zur Verfügung, eingerahmt von zwei Bergkämmen. Da kann es schon einmal etwas dauern, bis man seine Vierbeiner wieder eingesammelt hat.
Als alle Tiere am Camp angekommen waren, begann das Bepacken der Kamele. Heute hatte jeder schon einen Plan und wusste ungefähr, was ihn erwartete. Dadurch konnten wir die Mongolen bei ihrer Arbeit deutlich produktiver unterstützen.
Ich hatte relativ schnell eines dieser sanftmütigen Wesen in die Hand gedrückt bekommen. Anfangs war mir das noch etwas unheimlich. Am ersten Tag hatte es schließlich geheißen, dass Kamele drei bis vier Meter weit spucken können. Aber auch hier wendete sich das Blatt ziemlich schnell.
Das Kamel suchte sogar meine Nähe. Irgendwann schnüffelte es völlig unerwartet an meinem Stirnband. Ich erschrak, das Kamel zuckte ebenfalls zusammen und wir standen beide kurz etwas verdutzt voreinander.
Ein ziemlich witziger Moment.
Es versuchte es kurze Zeit später noch einmal und diesmal blieb ich ruhig. Im Gegenzug kraulte ich es hinter dem Ohr. So langsam scheinen sich also auch meine Vorurteile gegenüber Kamelen zu verabschieden. Irgendwann wurden alle Kamele hintereinander gebunden. Nur ich durfte mein Kamel nicht abgeben. Alle anderen waren bereits fertig und auf dem Weg, ihre Pferde einzusammeln. Nur ich stand noch da, hielt mein Kamel in der Hand und wartete auf weitere Anweisungen.
Am Ende wurde die Situation mit einem Lachen aufgelöst. Ich hatte die ganze Zeit das Frontkamel in der Hand. Das erste Kamel der gesamten Karawane. Nachdem wir unsere Pferde eingesammelt hatten, halfen uns die Mongolen erneut beim Fertigmachen. Ich trenste, der Mongole sattelte. Mittlerweile sind die Abläufe so eingespielt, dass jeder genau weiß, was zu tun ist. Als alle fertig waren, hieß es aufsitzen.
Heute sollte zum ersten Mal in der Gruppe galoppiert werden.
Ein Teilnehmer hatte heute besonders große Probleme, die Kontrolle über sein Pferd zu bekommen. Im ersten Moment wurde ich gefragt, ob ich ihm das kleine Einmaleins des Reitsports erklären könne.
Ehrlich gesagt schaute ich mir die beiden erst einmal an und stellte ziemlich schnell fest: Der kleine Schimmel hatte es faustdick hinter den Ohren.
Ich befürchtete, dass das mit den beiden nicht mehr funktionieren würde. Der Teilnehmer war sehr versteift, wurde zunehmend frustriert und war sichtlich verärgert über sein Pferd.
Die zweite Überlegung war deshalb, ob er mein Pferd bekommen sollte.
Zizi trabt beispielsweise nicht einfach los, nur weil andere Pferde antraben. Er lässt sich auch problemlos von der Herde weglenken. Für mich wäre ein Tausch überhaupt kein Problem gewesen. Doch unser mongolischer Guide hatte etwas dagegen. Er meinte, mein Pferd sei das wildeste und schwierigste der ganzen Gruppe.
Alle waren überrascht.
Ich ebenfalls.
Nach den letzten Tagen hätte ich Zizi definitiv anders eingeschätzt. Am Ende fanden wir aber einen anderen Teilnehmer, dessen Pferd offenbar einfacher zu bedienen war. Kurz vor unserem ersten Galopp überprüften die Mongolen noch einmal bei allen den Sattelgurt. Drei Viertel der Teilnehmer waren noch nie zuvor galoppiert. Dementsprechend groß war bei vielen die Nervosität. Ich hatte allerdings nicht erwartet, dass daraus ein schneller Galopp werden würde. Nicht bei diesen kleinen, trittsicheren Pferden und vor allem nicht bei diesem Gelände.
Und ich sollte recht behalten.
Die größte Herausforderung war gar nicht die Geschwindigkeit, sondern auf dem unebenen Boden sicher und im Gleichgewicht auf dem Pferd zu bleiben. Für europäische Verhältnisse war der Galopp wirklich nicht schnell. Für das Niveau unserer Gruppe war er allerdings ausgezeichnet.
Und ganz ehrlich:
Es war richtig cool.
Als wir zum ersten Mal gemeinsam galoppierten, dachte ich tatsächlich: Wow. Ich galoppiere hier gerade mitten durch das Altai-Gebirge. Und Zizi war dabei sogar eines der schnelleren Pferde.
Nach dem zweiten Galopp durfte ich dann endgültig das wahre Gesicht meines Pferdes kennenlernen.
Mittlerweile hat mein Pferd übrigens auch einen Namen.
Zizi.
Eine Teilnehmerin namens Elea meinte irgendwann, er sehe teilweise aus wie ein Zebra. Aber Zebra kann ich mein Pferd ja schlecht nennen. Also wurde aus Zebra kurzerhand Zizi. Zizi ist ein Buckskin, also ein Pferd mit sandfarbener Grundfarbe und schwarzem Langhaar. Er ist ein kleiner mongolischer Wallach und eigentlich eher ein Pony, denn er ist nicht größer als etwa 1,45 Meter. Und je öfter wir galoppierten, desto mehr Vertrauen bekam ich in seine Fähigkeiten. Überall waren Löcher. Große, kleine, versteckte, sichtbare. Dazu Steine, Unebenheiten und Stellen, an denen ich mich gefragt habe, wo er jetzt wohl hintreten wird.
Aber Zizi ist kein einziges Mal gestolpert. Er ist in kein Loch getreten. Er wusste einfach, was er tat. Und genau dadurch konnte ich immer mehr loslassen und ihm vertrauen.
Nach knapp zwei Stunden machten wir unsere Mittagspause. Dort warteten bereits die Kamele und die restlichen Mongolen aus der Gruppe auf uns. Wir hatten einen richtig schönen Aussichtspunkt erwischt. Unser neuer Campspot lag in einem Tal. Rechts und links von uns türmten sich die Berge auf und ganz oben an den Gipfeln war teilweise noch etwas Schnee zu sehen.
Die Landschaft hier ist wirklich unglaublich.
Nach weiteren ungefähr zwei Stunden kamen wir schließlich an unserem neuen Camp an. Knapp 2.500 Meter über dem Meeresspiegel bauten wir unser blaues Küchenzelt und anschließend unsere eigenen Zelte auf. Heute und morgen wurden wieder kalte Nächte erwartet. Das Zeltaufbauen ist mittlerweile schon zur Routine geworden. Chiara und ich sind bei allem rund um unser Zelt inzwischen ein richtig gut eingespieltes Team. Jeder weiß, was der andere macht, und irgendwie funktioniert das Ganze mittlerweile fast automatisch. Als alles aufgebaut war, gesellten sich einige Mongolen zu uns.
Erst wurde mit den Teilnehmern, natürlich nur mit denen, die wollten, gewrestelt. Danach wurde Armdrücken gemacht und anschließend spielten wir wieder Karten.
Die Mongolen haben dabei eine unglaubliche Auffassungsgabe. Obwohl wir sie nicht verstehen und eigentlich nur unseren mongolischen Guide als Übersetzer haben, lernen sie neue Spiele unfassbar schnell. Die Mongolen haben beim Wrestling übrigens fast immer gewonnen. Ich habe mich lieber herausgehalten. Nicht unbedingt aus mangelnder Motivation, sondern eher aus Angst, mir irgendwo etwas zu verrenken oder zu brechen. Das war es mir dann doch nicht wert. Die Stimmung war unglaublich lustig. Wir haben viel gelacht und irgendwann hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, langsam wirklich in der Gruppe angekommen zu sein.
Und dann kam das Abendessen …
Nach dem wieder einmal abwechslungsreichen Abendessen durfte jeder Teilnehmer sagen, was er gut beziehungsweise schlecht fand oder was ihn beschäftigt. Und dann wurde es kurz etwas unangenehm. Eine Teilnehmerin beschwerte sich darüber, dass ich sie bei einer Erklärung korrigiert hatte. Sie erwähnte allerdings nicht meinen Namen, sondern erzählte die Situation etwas durch die Blume und in einer deutlich geschönten Version.
Ich wusste sofort, um welche Situation es ging.
Ein absoluter Reitanfänger hatte Probleme mit Koordination und Gleichgewicht und wusste nicht, wie er die Zügel halten sollte. Die Teilnehmerin erklärte ihm die klassische Variante: jeweils einen Zügel in einer Hand, Daumen oben drauf und den Zügel zwischen kleinem und Ringfinger. Grundsätzlich natürlich richtig. Das Problem war nur: Der Anfänger stand mit viel zu langen Bügeln, verkrampft auf den Zehenspitzen im Sattel und sollte jetzt zusätzlich noch eine korrekte Zügelführung umsetzen.
Nicht einmal ich mache das in so einer Situation.
Also erklärte ich ihm eine einfachere Variante: beide Zügel in eine Hand und die andere Hand am Sattelknauf festhalten. Die Teilnehmerin fühlte sich dadurch offenbar hintergangen und nicht ernst genommen. Als sie die Situation beim Abendessen ansprach, wusste ich sofort, dass sie genau diesen Moment meinte. Ich entschuldigte mich deshalb auch direkt.
Trotzdem war die Luft im ersten Moment zum Schneiden.
Und ehrlich gesagt fragte ich mich: Warum muss man so etwas in der gesamten Gruppe ansprechen?
Aber gut.
Es wurde angesprochen und damit hoffentlich auch aus der Welt geschafft.
In der Reiterwelt habe ich in den letzten Jahren gelernt, dass ungefragte Verbesserungen jeglicher Art nicht unbedingt erwünscht sind. Selbst wenn man nur einen gut gemeinten Tipp geben möchte, gilt eigentlich: Wer nicht fragt, möchte auch keine Hilfe, Anmerkungen oder Verbesserungsvorschläge. Ganz nach dem Motto: Viele Wege führen nach Rom. Und mittlerweile ist das für mich auch in Ordnung. Wenn etwas meiner Meinung nach nicht korrekt oder nicht fair gegenüber dem Pferd ausgeführt wird, schaue ich weg, drehe mich um und gehe weiter. Sicherlich ist das auch nicht immer richtig, aber es verhindert Ärger, Stress und Unzufriedenheit.
Hier ist es allerdings etwas anders.
Ich habe in den vergangenen Tagen den einen oder anderen Teilnehmer bereits gefragt: „Darf ich dir helfen?“ Und wenn die Antwort Ja war, habe ich geholfen. Mein Wissen und meine Tipps werden hier tatsächlich dankend angenommen. Als die restlichen Teilnehmer merkten, dass gerade Kritik an mir geäußert wurde, war sich der Großteil der Gruppe außerdem ziemlich schnell einig: Sie möchten grundsätzlich Hilfe und dürfen während des Reitens auch korrigiert werden.
Und plötzlich sprach unser deutscher Teamleiter eine neue Regel aus:
Grundsätzlich möchte jeder Hilfe und Tipps. Wenn jemand das nicht möchte, soll er das deutlich sagen.
Ich war ehrlich gesagt erleichtert.
Zumal sich herausstellte, dass zwei weitere Teilnehmer ebenfalls deutlich mehr Reiterfahrung haben und sichtlich Spaß an dieser neuen Regel hatten. Ich werde sicherlich das eine oder andere Mal etwas sagen. Aber ich fühle mich nicht dafür verantwortlich, dass plötzlich jeder Reiter durch mich die perfekte Kontrolle über sein Pferd bekommt.
Am Ende war der kleine Konflikt damit tatsächlich gar nicht so schlecht. Aus einer unangenehmen Situation entstand eine klare Regel, mit der eigentlich alle gut leben können. Unser mongolischer Guide erzählte uns anschließend noch den Plan für den nächsten Tag. Danach gingen wir ziemlich schnell zu unseren üblichen Abendaktivitäten über:
Karten spielen.
Und während wir da saßen, wurde mir bewusst, dass sich in den letzten Tagen einiges verändert hatte. Am Anfang war ich noch damit beschäftigt, mein eigenes Pferd kennenzulernen, mich in der Gruppe zurechtzufinden und überhaupt zu verstehen, wie dieses Leben hier funktioniert.
Jetzt galoppiere ich mit Zizi durch das Altai-Gebirge, kenne die Abläufe im Camp, helfe beim Packen der Kamele und sitze abends mit den Mongolen und den anderen Teilnehmern zusammen.
So langsam fühlt sich das hier tatsächlich ein bisschen wie unser Alltag an.Read more















