Tag 8 - auf 3.000m
August 12 in Mongolia ⋅ ☁️ 18 °C
Noch eine Woche …
Mit diesem Gedanken bin ich heute aufgewacht. Oje. Noch eine Woche. Tatsächlich musste ich bei dem Gedanken heute ein bisschen schlucken. Zum ersten Mal machte sich ein wenig Heimweh breit. Nicht einmal unbedingt nach bestimmten Personen, sondern nach meinem normalen Leben. Nach meinem Alltag, meiner Routine und ganz besonders nach einer richtig warmen Dusche.
Der Gedanke blieb tatsächlich eine ganze Weile.
Bis ich auf Zizi saß.
Sobald ich auf meinem kleinen mongolischen Pferd saß, fühlte ich mich wieder zu Hause. Ich fühlte mich wohl und war plötzlich bereit für das nächste Abenteuer. Sonderlich gut hatte ich leider trotzdem nicht geschlafen. Ich lag in einer Kuhle und kroch während der Nacht mehrmals wieder zurück auf meine Luftmatratze. Mit Rückenschmerzen bin ich schließlich aufgewacht.
Um 8 Uhr gab es Frühstück und kurz darauf begannen wir, die Kamele zu bepacken. Teilweise ist es dabei wirklich zäh, behilflich zu sein. Man steht daneben, wartet auf eine Anweisung und versucht irgendwie herauszufinden, was als Nächstes benötigt wird. Irgendwann wurde mir jedoch wieder ein Kamel in die Hand gedrückt. Kurz darauf waren es plötzlich zwei. Diesmal waren uns beiden die Tiere zunächst etwas unheimlich. Eines hatte sogar ein farbiges Bändchen am Ohr. Ob es tatsächlich etwas damit zu tun hatte oder ich mir das nur zusammenreimte, weiß ich natürlich nicht. Ich vermutete jedenfalls, dass damit vielleicht die Kamele gekennzeichnet wurden, die etwas komplizierter im Umgang sind. Eines davon bespuckte zumindest den Mongolen schon aus einiger Entfernung. Als alle Kamele fertig bepackt waren, sortierten die Mongolen die Tiere und nahmen mir irgendwann auch das letzte Kamel aus der Hand. Als ich damit fertig war, waren die anderen bereits auf der Suche nach ihren Pferden.
Ich lief ebenfalls los.
Und plötzlich sah ich einen Mongolen auf meinem Pferd, der gerade über den Bergkamm ritt.
Oh, wie freundlich.
Danke fürs Mitbringen.
Die Mongolen sind wirklich unfassbar gastfreundlich. Sie lachen viel, nehmen das Leben ziemlich unkompliziert und scheinen sich an vielen Dingen nicht unnötig lange aufzuhalten.
Zwei Dinge bekommt man allerdings regelmäßig zu spüren. Erstens: Wenn es heißt „jetzt“, gibt es kaum Spielraum. Wenn wir jetzt loswollen oder jetzt das Abendessen fertig ist, dann bedeutet das tatsächlich jetzt. Und wenn man nicht schnell genug reagiert, wird solange gestresst oder genervt, bis man da beziehungsweise fertig ist.
Zweitens: Ungeduld. Wenn etwas nicht so läuft, wie der Mongole es sich gerade vorstellt, ist er schnell genervt oder macht es einfach selbst.
Heute durften wir schon deutlich mehr alleine machen. Satteln, trensen, aufsteigen, Fußfessel dran und los. Die Abläufe saßen mittlerweile und wir wurden immer schneller. Um 11 Uhr waren wir bereit zum Aufbruch. Heute sollten wir einen der Bergkämme überqueren, der sich direkt neben unserem Camp auftürmte. Etwa 500 Höhenmeter lagen vor uns. Der Aufstieg schlängelte sich teilweise steil und serpentinenartig den Berg hinauf. Überall Geröll, Steine und ein Untergrund, der mit einem normalen Reitweg wirklich nichts zu tun hatte.
Etwa 30 Minuten ritten wir bergauf.
Und die kleinen Vierbeiner waren unglaublich. Sie stiefelten motiviert den Berg hinauf, obwohl die Pferde irgendwann zu schwitzen begannen und teilweise ordentlich arbeiten mussten. Trotzdem blieben sie bis zum höchsten Punkt motiviert. Es ist wirklich unfassbar, mit welcher Leichtigkeit und welchem Biss diese Pferde einen solchen Berg hinaufgehen. Man selbst muss sich dabei richtig festhalten und den Pferden mit langem Zügel vertrauen. Sie brauchen ihren Hals, um ihr Gleichgewicht zu finden und die Unebenheiten auszugleichen.
Lenken?
Fehlanzeige.
Das Pferd weiß definitiv besser, wo es den Berg hinaufkommt. Ich hatte dabei keine Angst, aber großen Respekt. Teilweise ging es direkt neben uns steil bergab. Und gerade auf diesem Untergrund war der Aufstieg sicherlich deutlich anspruchsvoller als jeder normale Bergaufritt. Aber ich vertraute Zizi mehr als mir selbst. Und genau das ist wahrscheinlich das Faszinierendste an diesen Pferden. Oben angekommen waren wir auf ungefähr 3.000 Metern Höhe. Und der Blick war einfach atemberaubend. Auf der einen Seite der Fluss, auf der anderen Seite, über den Bergkamm geritten, die endlose Weite. Es war windig und kalt. Die Windjacke war definitiv notwendig. Ganz oben machten wir kurz Pause. Eigentlich nur, um zu warten, bis alle wieder zusammen waren. Manche Pferde waren schneller den Berg hinaufgekommen, andere deutlich langsamer. Zizi gehörte natürlich zu den schnelleren. Ich stand dort oben und schaute in diese Landschaft. Und plötzlich wurde mir wieder bewusst, wie unglaublich weit und leer die Mongolei eigentlich ist. Auf der anderen Seite des Bergkamms sah man einfach nur Weite.
Keine Häuser.
Keine Straßen.
Keine Menschen.
Nichts.
Faszinierend und gleichzeitig irgendwie erschreckend, wie endlos weit und voller Nichts ein einziger Fleck Erde sein kann. Weiter unten angekommen, gab es weder Busch noch Baum.
Aber ich musste aufs Klo.
Unser mongolischer Guide meinte nur, dass sich die Landschaft sowieso nicht verändern würde. Also stieg ich ab, entfernte mich zehn Meter von der Gruppe und pinkelte. Meine Pinkelhilfe habe ich übrigens immer noch nicht wirklich ausprobiert. Im Nachhinein hätte ich das wohl wirklich zu Hause testen müssen, denn momentan habe ich mehr Angst davor, mich beim Benutzen komplett vollzupinkeln, als vor allem anderen. Nach dem Mittagessen machten wir uns auf den Weg zu unserem Campspot für die nächsten zwei Tage. Dort angekommen, bauten wir wieder alles auf: Küchenzelt, Schlafplätze und diesmal sogar ein Klozelt. Mittlerweile läuft das Ganze fast automatisch.
Als wir fertig waren, liefen wir zu einer mongolischen Familie. Die Familie wusste nicht, dass wir kommen. Aber offenbar ist genau das hier überhaupt nichts Ungewöhnliches. Die Familie empfing uns trotzdem unglaublich gastfreundlich und hieß uns in ihrer Jurte willkommen. Die Jurte war rund und der Eingang so niedrig, dass ich beim Hineingehen tatsächlich den Kopf einziehen musste. Im Inneren war alles untergebracht, was die Familie zum Leben braucht. Rechts befand sich die Küche, in der Mitte stand der Ofen und rundherum gab es Sitz- und Schlafmöglichkeiten. Gleichzeitig wurde dort auch alles Mögliche verstaut. Wir bekamen das traditionelle mongolische Milchteegetränk Suutei Tsai angeboten, einen salzigen Tee mit Milch. Der Milchtee gehört in der Mongolei zum Alltag und wird Gästen häufig als Zeichen der Gastfreundschaft angeboten.
Unser mongolischer Guide übersetzte für uns und erklärte uns gleichzeitig einige Dinge, auf die wir beim Betreten der Jurte achten sollten. Zum Beispiel nimmt man aus Respekt den Hut ab. Und man krempelt seine Ärmel nicht hoch.
Auch wenn es warm wird. Denn hochgekrempelte Ärmel können sinngemäß signalisieren, dass man bereit für einen Kampf ist. Für uns waren solche kleinen Regeln natürlich völlig neu.
Die Familie war unglaublich freundlich und hatte offenbar immer etwas für Besucher vorbereitet. Es war faszinierend zu sehen, wie selbstverständlich Gastfreundschaft hier gelebt wird.
Danach liefen wir wieder zurück zu unserem Camp. Wir entschieden uns, im Fluss noch ein Bad zu nehmen. Gestern hatte ich die Katzenwäsche ausgelassen. Heute fühlte sich das eiskalte Wasser wieder wie eine absolute Wohltat an. Zwei Mongolen machten sich währenddessen mit dem Motorrad noch auf den Weg zum Jagen.
Ihr Ziel waren Murmeltiere.
Das Motorrad hatten sie sich von der Familie ausgeliehen, die wir zuvor besucht hatten. Uns wurde allerdings ausdrücklich davon abgeraten, die Tiere zu essen. Unser Guide erklärte uns, dass Murmeltiere in dieser Region mit der Pest in Verbindung stehen und bei falscher Verarbeitung oder Kontakt mit infizierten Tieren ein erhebliches Risiko bestehen kann. Das ist tatsächlich nicht nur eine Erzählung. Murmeltiere sind in der Mongolei ein wichtiger natürlicher Wirt des Pesterregers Yersinia pestis, und es gab in der Vergangenheit dokumentierte Fälle, bei denen Menschen nach Kontakt mit oder dem Verzehr von Murmeltieren erkrankten. Zurück kamen die Mongolen tatsächlich mit vier Murmeltieren. Sie hingen tot am Motorrad. Die Tiere wurden direkt bei unserem Camp verarbeitet. Für mich war auch das in Ordnung. Es gehört eben zur Lebensweise und Kultur der Menschen hier. Was für uns ungewohnt oder befremdlich wirkt, ist für die Mongolen Teil ihres Alltags. Nach dem Abendessen musste ich allerdings mit großem Bedauern feststellen, dass meine Luftmatratze bereits Luft verloren hatte.
Ein Loch konnte ich auf die Schnelle nicht finden. Also stellte ich mich gedanklich schon einmal darauf ein, diese Nacht auf den Kameldecken zu schlafen.
Puuuuh.
Ein bisschen fühlte es sich wie ein Schlag ins Gesicht an. Nach all den Tagen mit wenig Schlaf, kalten Nächten und einer ohnehin schon nicht besonders komfortablen Schlafsituation war eine kaputte Luftmatratze wirklich das Letzte, was ich gebrauchen konnte.
Aber gut.
Morgen haben wir sicherlich Zeit und vielleicht haben wir ja Glück und finden das Loch. Und dann kam plötzlich die unerwartete Rettung. Eine Teilnehmerin fragte mich, ob ich ihre Luftmatratze haben möchte. Sie schlafe sowieso lieber auf den Kameldecken. Ich war völlig perplex. Und sagte natürlich Ja.
In diesem Moment hätte ich vor Freude und Dankbarkeit fast geheult. Manchmal sind es eben genau diese kleinen Dinge.
Eine Luftmatratze.
Ein scheinbar völlig banales Stück Campingausrüstung. Aber hier, mitten im Altai-Gebirge, nach Tagen ohne Dusche, ohne richtiges Bett und mit kalten Nächten, bedeutet so etwas plötzlich unglaublich viel.
Danke!!
Und mit diesem Gedanken ging ich schließlich schlafen. Noch eine Woche. Und vielleicht ist das gar nicht mehr so schlimm.Read more















