Tag 10 - längste Distanz
August 14 in Mongolia ⋅ ☀️ 18 °C
Die Nacht war in Ordnung.
Mein Magen hatte durch die ganzen Einnahmen zumindest etwas gearbeitet, trotzdem konnte ich erstaunlich gut schlafen. Am Morgen war mein Gesundheitszustand allerdings unverändert. Also nahm ich noch einmal vier Magnesiumkapseln und bekam von Chiara zusätzlich Tabletten gegen Verdauungsprobleme, die zweimal täglich eingenommen werden sollten. Diesmal nahm ich alles auf nüchternen Magen. Und ich hatte Hoffnung. Vielleicht passiert jetzt endlich etwas.
Um 8 Uhr gab es Frühstück.
Appetit hatte ich zum Glück immer noch. Also gab es auch heute ganz normal etwas zu essen.
Nach dem Frühstück probierte ich es noch einmal. Und tatsächlich. Es kam etwas. Kompakt. Sehr kompakt. Und in Schafsböbbel-Form. Aber es kam.
Das Kapitel war nach sieben Tagen endlich abgeschlossen.
Als ich zurück zu den anderen kam, waren alle gespannt auf meine Antwort. Zu oft hatte ich in den vergangenen Tagen mit gesenktem Kopf den Kopf geschüttelt. Diesmal war die Antwort anders. Alle jubelten. Ich bekam eine La-Ola-Welle. Jeder hat sich gefreut.
Ich ganz besonders. Verrückt, welche Themen auf so einer Reise irgendwann zur Normalität werden und wie selbstverständlich man plötzlich über Dinge spricht, über die man zu Hause niemals mit einer Gruppe von Menschen diskutieren würde.
Aber hier?
Hier war es einfach ein Erfolg für die ganze Gruppe. Bevor es losging, bekamen die Kamele noch den übrig gebliebenen Murmeltier-Sud. Unser mongolischer Guide erklärte uns, dass dieser Sud für die Kamele gedacht sei, deren Höcker schlapp herunterhängen. Er solle ihnen neue Energie geben und dabei helfen, wieder fit zu werden. Ob das tatsächlich eine traditionelle Anwendung ist oder eher das Wissen der Menschen vor Ort, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist nur: Die Mongolen haben ihre eigenen Erfahrungen und Methoden im Umgang mit ihren Tieren, die für uns teilweise sehr ungewohnt sind.
Und die Kamele waren von der Behandlung alles andere als begeistert. Ausgewählte Tiere wurden hingelegt und der Sud wurde ihnen mit einer Plastikflasche eingeflößt. Wieder einmal war das einer dieser Momente, bei denen man nicht wirklich weiß, ob man hinterfragen sollte. Aber irgendwann akzeptiert man auch einfach, dass man sich hier in einer völlig anderen Kultur befindet und nicht alles nach unseren Vorstellungen funktioniert. Kurz darauf wurden die Kamele bepackt und wir machten uns ebenfalls auf den Weg. Heute stand die bisher längste Distanz auf dem Tagesplan:
21 Kilometer. Die erste Stunde war allerdings alles andere als entspannt. Zizi war völlig von der Rolle. Ich weiß bis heute nicht, was plötzlich mit ihm los war. Er war wild, aufgedreht und irgendwie, als wäre er von einer Tarantel gestochen worden. Es gab mehrere Situationen, in denen ich mir dachte: Junge, was ist denn plötzlich mit dir los? Zum Glück legte sich irgendwann ein Schalter um. Plötzlich war mein Zizi wieder der Alte. Langer Zügel, gesenkter Kopf und gemütlich im Schritt. Ich war wirklich erleichtert.
Denn wenn das die kompletten 21 Kilometer so weitergegangen wäre, hätte ich heute ganz schön etwas zu tun gehabt. Die Grundgeschwindigkeit war heute insgesamt deutlich höher. Fast schon ein bisschen stressig.
Immer wieder mussten wir antraben oder galoppieren, um zur vorderen Gruppe aufzuschließen. Für mich war das mit Zizi überhaupt kein Problem. Er war wieder kontrollierbar und ich hatte mittlerweile so viel Vertrauen in ihn, dass ich mich auf seine Bewegungen gut einstellen konnte.
Bei einigen anderen Reitern sah das allerdings anders aus.
Deren Pferde funktionierten wieder nach dem altbekannten Herdentrieb:
Einer trabt an.
Alle traben.
Einer galoppiert.
Die halbe Herde galoppiert hinterher.
Für diejenigen, die ihr Pferd noch nicht richtig kontrollieren konnten, war das natürlich deutlich anstrengender. Während der Tour hatten wir nur selten Internet.
Und wenn plötzlich Empfang da war, erkannte man das sofort an den Mongolen.
Einer nach dem anderen holte sein Handy heraus, scrollte durch Nachrichten oder telefonierte. Es war fast schon lustig, wie selbstverständlich die Handys plötzlich wieder interessant wurden, sobald irgendwo ein bisschen Empfang vorhanden war.
21 Kilometer durch das Altai-Gebirge:
Die Landschaft veränderte sich während unserer Strecke immer wieder. Am Anfang ritten wir noch durch endlose grüne Wiesen. Später wurde der Untergrund zunehmend steinig, schräg und unwegsam. Der Fluss begleitete uns dabei fast die ganze Zeit. Immer wieder mussten wir sogar durchs Wasser reiten. Die meisten Pferde fanden das ziemlich gut und hatten offensichtlich das Bedürfnis, direkt stehen zu bleiben und zu trinken. Allerdings war uns bereits zu Beginn der Tour gesagt worden, dass wir die Pferde möglichst nicht fressen oder saufen lassen sollten. Die Erklärung der Mongolen war, dass der Bauch dadurch dicker wird und sich der Sattelgurt anschließend schwieriger festziehen lässt. Ich vermute allerdings, dass dahinter noch etwas anderes steckt. Ein Pferd, das plötzlich stehen bleibt, um zu fressen oder zu trinken, bringt die gesamte Gruppendynamik durcheinander. Die anderen Pferde bleiben ebenfalls stehen und der Vorwärtsfluss der Gruppe wird unterbrochen.
Für uns war jedenfalls klar:
Weiterreiten.
Nach insgesamt etwa vier Stunden, inklusive einer kurzen Mittagspause, kamen wir an unserem neuen Camp an. Und trotz der langen Strecke war die Stimmung wieder richtig gut.
Eigentlich erstaunlich.
21 Kilometer im Sattel, teilweise anspruchsvolles Gelände und trotzdem sitzen die Leute danach zusammen und lachen. Mittlerweile ist die Gruppe wirklich gut eingespielt.
Die tägliche Routine: Am Camp angekommen, lief alles wie mittlerweile gewohnt. Pferde absatteln und in die Freiheit entlassen. Kamele entladen. Equipment sortieren. Küchenzelt aufbauen. Schlafzelte aufbauen.
Mittlerweile sind wir bei diesen Abläufen richtig routiniert. Nach all den To-dos wusch ich noch einen Teil meiner Kleidung und gönnte mir anschließend ein kurzes Bad im Fluss. Und ich stellte mir wieder dieselbe Frage wie schon einmal: Ist das Wasser wärmer geworden oder haben wir uns einfach an die Kälte gewöhnt?
Wahrscheinlich Letzteres.
Neues Schaf, neues Glück
Einer der Mongolen machte sich später noch einmal mit seinem Pferd auf den Weg. Er kam zurück. Mit einem Schaf. Das nächste Abendessen war also bereits gesichert.
Morgen wird das nächste Schaf geschlachtet.
Heute Abend gab es zum letzten Mal Fleisch von unserem „alten“ Schaf.
Und puh.
Diesmal war der Geschmack wirklich grenzwertig. Ich hoffe sehr, dass es die nächsten Tage wieder etwas frischer schmeckt.
Ich meine:
Neues Schaf, neues Glück.
Nach dem Abendessen saßen wir wieder zusammen, spielten Karten und unterhielten uns über Gott und die Welt. Und während ich so dasaß, wurde mir wieder bewusst, wie schnell sich diese eigentlich völlig ungewohnte Situation mittlerweile normal anfühlt. Vor ein paar Tagen hätte ich mir niemals vorstellen können, nach 21 Kilometern auf einem mongolischen Pony in irgendeinem abgelegenen Tal zu sitzen, mich über eine erfolgreiche Verdauung zu freuen, neben mir ein neu angekommenes Schaf zu haben und anschließend mit einer Gruppe Menschen Karten zu spielen.
Und trotzdem fühlt sich genau das inzwischen wie Alltag an. Morgen geht es weiter.Read more












