• Tag 11 - Touri-Tag

    August 15 in Mongolia ⋅ ☀️ 19 °C

    Heute habe ich mich irgendwie gefühlt wie ein Tourist auf einer schlecht organisierten Tour. Frag mich nicht genau, warum, aber ich versuche es mal in Worte zu fassen.

    Um 7 Uhr sind wir aufgestanden. Es hat so stark gewindet und war so kalt, dass man sich erst einmal gar nicht aus dem warmen Schlafsack herausgetraut hat. Viel Zeit zum Trödeln hatten wir allerdings nicht, denn bis 8 Uhr mussten unsere Sachen gepackt sein. Heute ging es weiter zum nächsten Camp. Das Camp von gestern hatte irgendwie einen schlechten Beigeschmack hinterlassen. Überall lag Klopapier herum, man musste aufpassen, nicht in irgendwelche Tretminen 💩 zu treten, und dann war da noch etwas, das mich zunehmend störte:

    Wir sind 1.350 Kilometer Richtung Westen gereist, um mitten durch die Wildnis des Altai-Gebirges zu reiten, fernab von Menschen, Strom und Internet. Und was begegnet uns? Schon zum zweiten Mal andere Touristen.

    Und plötzlich stellt man sich die Frage: Warum eigentlich der ganze Aufwand?

    Nach dem Frühstück wurden zunächst die Kamele gepackt. Das Packen der Kamele hat für unsere Weiterreise natürlich oberste Priorität. Heute tat mir allerdings eines der Kamele besonders leid. Man konnte ihm regelrecht ansehen, dass es ihm nicht gut ging. Es zitterte und allein sein Gesichtsausdruck vermittelte den Eindruck, dass es heute einfach nicht für diese Aufgabe gemacht war. Gepackt wurde es trotzdem. Das Kamel wurde ganz normal behandelt und ich gehe davon aus, dass den Mongolen durchaus aufgefallen ist, dass es ihm nicht gut ging. Vermutlich wurde es ähnlich heruntergespielt wie bei dem Pferd, das sich an Tag eins verletzt hatte. Hier merkt man eben noch einmal sehr deutlich, dass die Tiere hier Nutztiere sind und kein Luxusgut. Sie sind dafür da, zu arbeiten und die Menschen durch diese Landschaft zu bringen. Das ist für uns ungewohnt und teilweise schwer mitanzusehen. Nachdem die Kamele fertig waren, kamen die Pferde dran. Heute trenste und sattelte ich mein Pferd zum ersten Mal komplett selbstständig. Der Mongole überprüfte anschließend alles, hob den Daumen und drehte sich wieder um.

    Wooohuuuu! Das erste Mal alles richtig gemacht. 😄

    Heute erwartete uns lediglich ein etwa acht Kilometer langer Ritt. Nach kurzer Zeit wurden noch einmal unsere Sattelgurte kontrolliert, dann ging es zügig weiter. Uns erwartete ein ziemlich steiniger und besonders steiler Abstieg. Eigenartigerweise mussten wir dafür absteigen und unsere Pferde zu Fuß hinunterführen. Mein Pferd ist dafür allerdings überhaupt nicht geeignet. Immer wieder blieb es stehen und musste von einem Mongolen von hinten angetrieben werden. Es war einfach lästig. Und plötzlich fühlte ich mich wie der dumme Touri, der Unmengen an Geld für eine Abenteuertour bezahlt hat, aber irgendwie keine richtige Abenteuertour bekommt.

    Nach ungefähr zwei Stunden erreichten wir das neue Camp. Dort wurden zunächst die Pferde wieder in die Natur entlassen. Anschließend wurden die Kamele abgeladen und ebenfalls freigelassen. Das neue Camp erfüllte dann glücklicherweise wieder genau meine Vorstellungen. Schön abgelegen, mitten in der Natur und vor allem ohne die Verschmutzung durch Menschen. Kein herumliegendes Klopapier, keine offensichtlichen Hinterlassenschaften und einfach wieder dieses Gefühl, wirklich mitten in der Wildnis zu sein. Danach gab es Mittagessen. Es war gerade einmal 14 Uhr und trotzdem waren wir alle schon völlig kaputt. Viel Zeit zum Ausruhen blieb allerdings nicht, denn wir mussten noch das Küchenzelt und anschließend unsere eigenen Zelte aufbauen. Chiara und ich waren seit Beginn an nicht sonderlich zufrieden mit unserem Zelt. Es war eher eine Sardinenbüchse als ein gemütlicher Rückzugsort und an erholsamen Schlaf war darin kaum zu denken. Also schnappten wir uns eines der übrigen Zelte und bauten es auf.

    Als wir gerade fertig waren, kam die mongolische Guide zu uns und sagte in einem ziemlich unangenehmen und bestimmenden Ton, dass wir das Zelt wieder abbauen und stattdessen das Zelt vom Vortag nehmen sollten.

    Ich stutzte.

    Im nächsten Moment erklärte sie, dieses Zelt sei nicht windfest und außerdem undicht. Ähm … das Zelt war gefühlt noch nie aufgebaut worden. Woher wollte sie wissen, dass es nicht windfest und undicht ist? Und warum erzählt sie mir etwas, das offensichtlich nicht stimmen konnte?

    Aber gut. Ohne Widerworte bauten wir das Zelt wieder ab und unser „altes“ Zelt erneut auf. Bei gefühlten 40 Grad und endloser Müdigkeit.

    Aber hey. 🙃

    Wenige Minuten später kam sie wieder und wühlte in meiner Tasche herum. Dann fragte sie mich, ob die darin befindliche Unterlage meine sei. Ja. Sie war meine. Ich hatte sie aus Deutschland mitgebracht und mir von einem Arbeitskollegen ausgeliehen. Und warum kramt sie eigentlich in meinen Sachen herum? Puh. Ich war plötzlich minimal genervt. Also machte ich eine Pause. Das erste Mal seit zehn Tagen brauchte ich einfach kurz Zeit für mich. Wie sagt man so schön:

    „Musik an. Welt aus.“

    Und auch wenn wir hier jeden Tag darauf achten mussten, nicht unnötig Akku zu verbrauchen, musste ich mir diesen kleinen Luxus für einen Moment gönnen. Glücklicherweise tat das ausgesprochen gut. Über den Tag hinweg gibt es immer wieder verschiedene Aufgaben, für die man sich einteilen lassen kann: Weckdienst, beim Zubereiten der Mahlzeiten helfen, Tupperdosen befüllen oder Geschirr und Tupperdosen abwaschen.

    Heute habe ich zusammen mit zwei anderen Mädels die Tupperdosen sauber gemacht. Dafür standen uns zwei Schüsseln mit Wasser zur Verfügung. In einer fand mit etwas Spülmittel der eigentliche Waschgang statt, in der zweiten wurden die letzten Essensreste und der Schaum abgespült. Die dritte Person trocknete alles ab. Teilweise ist diese Arbeit sogar ziemlich befriedigend. Je nachdem, was es allerdings zu essen gab, fühlten sich die Finger danach trotzdem schmutziger an als vorher. 😄
    Das gestern gekaufte Schaf wurde heute ebenfalls geschlachtet. Dieses Mal war ich allerdings nicht dabei. Ich hatte schließlich Wichtigeres zu tun: Drei Mädels brauchten Zöpfe. Ich bin mittlerweile sozusagen die Stylistin unserer Gruppe. Um 17 Uhr stand für einige von uns noch ein Fotoshooting auf dem Programm. Da die Adlerjäger gemeinsam mit uns unterwegs waren, gehörte dieses Erlebnis ohnehin zu unserer Tour. Ein paar Tage zuvor durften wir bereits einen Adler aus der Hand füttern.

    Heute war es allerdings noch einmal etwas ganz anderes. Wir saßen in traditioneller mongolischer Kleidung auf unseren Pferden und hielten den Adler auf dem Arm. Natürlich war die ganze Aktion gestellt und es wurden entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Trotzdem war das Erlebnis unglaublich beeindruckend. Vor allem bekam man noch einmal ganz anders mit, wie kraftvoll so ein Adler eigentlich ist. Wenn dieser riesige Vogel auf dem Arm sitzt und sich bewegt, merkt man plötzlich sehr deutlich, dass man da kein kleines Haustier hält.

    Es entstanden unglaublich schöne Erinnerungen und Fotos. Und gerade in diesem Moment war es dann doch wieder genau das, wofür man hierhergekommen ist. Am Abend fanden sich einige von uns zusammen, um wieder eine Runde Volleyball zu spielen. Wir spielten vor dem Abendessen und danach noch weiter, bis die Sonne langsam unterging. Es war einfach unglaublich amüsant. Die Mongolen hatten offenbar ihre ganz eigenen Volleyballregeln, waren selbst nicht unbedingt die besten Spieler, schimpften aber bei jedem Fehler der anderen. Natürlich machten sie es selbst nicht wirklich besser.

    Die Kombination war trotzdem unheimlich lustig und sorgte für ordentlich Unterhaltung. Nachdem die Sonne untergegangen war, versammelten wir uns noch um ein Lagerfeuer. Erst war es einfach gemütlich. Wir saßen zusammen, machten Musik und genossen den Abend.

    Irgendwann wurde daraus aber deutlich mehr. Wir sangen, lachten und tanzten zusammen. Die Stimmung war einfach richtig gut. Und genau diese Momente sind es dann wieder, die all die kleinen Dinge vergessen lassen, die einen tagsüber nerven. Vielleicht ist das auch genau das Spannende an dieser Reise. Es gibt Tage, an denen man sich fragt, warum man sich das alles eigentlich antut. Warum man so weit fliegt, stundenlang auf dem Pferd sitzt, kaum Privatsphäre hat, sich über Zelte ärgert und plötzlich mit Situationen konfrontiert wird, die man aus seinem normalen Alltag überhaupt nicht kennt.

    Und dann sitzt man abends mit den Mongolen am Lagerfeuer, singt, lacht und schaut in die Dunkelheit.

    Und plötzlich weiß man wieder, warum man hier ist.

    Morgen bleiben wir hier und machen einen Ausritt zu einem Wasserfall.
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