Tag 12 - die verschwundene Pferdeherde
August 16 in Mongolia ⋅ ☁️ 18 °C
Ich habe echt gut geschlafen, der Morgen war gemütlich, keiner hatte es eilig.
Um 9 Uhr gab es Frühstück.
Mittlerweile bin ich sehr froh über einen aufklappbaren Stuhl MIT Lehne. Anfangs wurde ich deswegen belächelt, mittlerweile kann ich mir einen Morgen oder Abend ohne meinen Stuhl mit Lehne kaum noch vorstellen. Beim anfänglichen Packen blieb es allen selbst überlassen, was der jeweilige Teilnehmer mitnehmen möchte und was nicht. Ja, es gab eine Packliste von Wandermut, jedoch fand ich diese nicht unbedingt hilfreich. Später erfuhren wir, dass die Packliste für jede Tour dieselbe ist. Jetzt erklärt sich auch, warum die Liste teilweise so abgespeckt war. Wandermut bietet Abenteuertouren an, bei denen du dein Gepäck beispielsweise zwölf Tage durch die Sahara oder den Dschungel transportieren musst. Da überlegt man sich natürlich zweimal, was wirklich ins Gepäck muss.
Aber für mich war sicher: Ich wollte unbedingt einen Stuhl MIT Lehne. Die anderen Teilnehmer haben entweder einen kleinen Hocker oder ein Sitzkissen, die meisten saßen allerdings einfach auf dem Boden. Ein erstes Fazit über mein Equipment kann ich auch schon ziehen. Ich habe tatsächlich weder zu viel noch zu wenig Kleidung dabei. Anfangs hatte ich Bedenken, dass die Merinowolle, die in Deutschland unangenehm auf meiner Haut gekratzt hat, hier nicht ihren Zweck erfüllt. Mittlerweile ziehe ich das Langarmshirt sehr gerne an, egal bei welchem Wetter. Tatsächlich auch dann, wenn es eigentlich viel zu warm ist und man lieber ein T-Shirt anhätte. Es schützt mich aber perfekt vor der aggressiven Sonneneinstrahlung in der Mongolei. Und sobald die Sonne hinter den Wolken verschwindet, wird es sofort wieder kühler und auch dann erfüllt das Shirt seinen Zweck.
Die Handwärmer habe ich bisher noch nicht benötigt. Mittlerweile reiten wir den Berg auch wieder hinunter, daher bleibt die Vermutung, dass es langsam wieder wärmer wird. Tatsächlich hatten wir mit dem Wetter in der Mongolei auch wirklich Glück. Die Tour eine Woche zuvor hatte viel mit Regentagen zu kämpfen und auch die Temperaturen waren deutlich unangenehmer als bei uns.
Mit den Powerbanks musste ich auch erst den richtigen Umgang lernen. Mein Handy hatte ich einmal außerhalb des Schlafsacks liegen. Es war so kalt, dass der Akku sich über Nacht komplett leergezogen hat. Auch die Powerbank sollte nicht kalt sein. Eine kalte Powerbank hat gefühlt ihre gesamte Speicherkapazität verloren und wenn das Handy selbst kalt ist, dauert der Ladevorgang ewig. Seitdem schlafe ich mit meinem Handy im Schlafsack. Sicher ist sicher.
Sinnvoll waren auch die Wäscheklammern und das Handwaschmittel von Margit. Mit einer perfekten Größe konnte man ein paar Kleidungsstücke wieder mit einem frischen Duft versehen und mit dem Fluss, der uns eigentlich immer begleitet, war das Waschen auch kein Problem.
Eines meiner Luxusgegenstände sind das Haaröl für trockene Haare sowie mein Rasierer.
Beste Entscheidung!
Gegen 10.30 Uhr wurden wir losgeschickt, um unsere Pferde zu holen. Heute mussten wir einige Meter laufen, um an unsere Pferde zu kommen. Schnell habe ich festgestellt, dass mein Pferd nicht dabei war. Den Mongolen ist das ebenfalls aufgefallen. Insgesamt fehlten fünf Pferde. Einer der Mongolen hat mich mit einer pfeifenden Handbewegung hinterhergeschickt, während er gerade einen weiteren Hügel hinauflief. Heute Morgen hatten wir noch darüber gesprochen, dass das Pferdeeinfangen die letzten Tage eigentlich gar nicht lange gedauert hatte.
Der Mongole hatte mich bereits nach dem zweiten Hügel abgehängt. Ich habe noch versucht, weiter hinterherzukommen, musste aber ziemlich schnell akzeptieren, dass ich keine Chance hatte, mit seinem Tempo mitzuhalten. Und bevor ich mich verlaufe und am Ende nicht mehr zurück zum Camp finde, bin ich lieber wieder zurückgelaufen.
Insgesamt haben vier Mongolen nach den vermissten Pferden gesucht. In jeder Himmelsrichtung waren sie unterwegs. Immer wieder kamen sie ratlos und teilweise etwas verzweifelt zurück. Keiner konnte sich erklären, wohin die Pferde gegangen waren.
Man muss dazu noch einmal sagen, dass den Pferden Fußfesseln angelegt werden. Zwei bis drei Beine sind dabei mit einem Seil aneinandergebunden. Fortbewegung ist damit trotzdem möglich. Die Pferde sind allerdings so geschickt, dass sie mit den Fußfesseln sogar galoppieren oder sich wälzen können. Ein Entkommen ist also durchaus möglich, auch wenn es dadurch deutlich herausfordernder wird.
Für uns war die Situation völlig in Ordnung. Wir hatten die letzten Tage unfassbar viel Glück, dass die Pferde immer direkt vor unserer Haustür standen. Da darf so etwas auch mal passieren. Während der Wartezeit machten es sich die fertig gesattelten und getrensten Pferde sowie deren Reiter wieder bequem.
Eigentlich wollten wir um 11 Uhr losreiten. Nach zwei Stunden Wartezeit haben wir schließlich das Mittagessen im Camp zu uns genommen. Als alle Mongolen ratlos wieder am Camp ankamen, ritt einer noch einmal los. Und tatsächlich: Nach insgesamt drei Stunden wurden die Pferde gefunden. Hinter dem Berg, auf der anderen Seite. Um 14 Uhr ritten wir dann die nächsten 15 Kilometer Richtung Wasserfall. Der Ausritt ging durch ein faszinierendes Panorama, bergauf und anschließend wieder bergab. Das Fragwürdige an dem Ausritt war, dass wir heute ebenfalls ziemlich steil den Berg hinuntergeritten sind, dabei aber sitzen bleiben durften. Seltsam. Aber wir hinterfragen es nicht.
Der Wasserfall selbst war eher klein, aber trotzdem schön. Eigentlich sollte dort unsere Mittagspause stattfinden und wir hätten unser Mittagessen am Wasserfall gegessen. Durch die dreistündige Pferdesuche hatte sich allerdings alles nach hinten verschoben. Deshalb machten wir dort nur eine Pause, bevor es weiterging. Der heutige Ausritt war für mich einer der besten. Die Aussicht, die positive Gruppendynamik, jeder hatte sein Pferd unter Kontrolle und auch die Abwechslung bei den verschiedenen Tempi war heute einfach sehr passend.
Durch den späten Start kamen wir natürlich auch entsprechend spät an. Relativ schnell gab es Abendessen. Am Vorabend hieß es, dass das Abendessen vegetarisch und deutsch sein würde. Wir vermuteten irgendetwas mit Spätzle. Und tatsächlich gab es eine cremige Karotten-Pilz-Suppe mit Teigklümpchen. Spätzle waren es nicht, lecker war es trotzdem. Nach dem Abendessen hatte ich Abwaschdienst. Danach haben wir wieder Volleyball mit den Mongolen gespielt.
Morgen werden wir wieder ein Camp weiterziehen und langsam geht die Tour dem Ende entgegen. Und irgendwie ist genau das gerade das Verrückte. Jetzt, wo man sich langsam an alles gewöhnt hat. Man durchlebt während dieser Tour verschiedene Gefühlsmomente. Von anfänglicher Euphorie über eine mentale und völlig ungewohnte Lebensweise bis hin zu dem Punkt, an dem der Alltag langsam zur Routine wird.
Am Anfang war alles neu. Kein Strom, kein fließendes Wasser, draußen schlafen, jeden Tag mehrere Stunden auf dem Pferd und ständig neue Situationen, auf die man sich einstellen musste.
Und jetzt fühlt sich vieles davon schon völlig normal an.
Vielleicht ist genau das eine der spannendsten Erfahrungen dieser Reise.Read more










