Tag 13 - wechselhaftes Wetter
August 17 in Mongolia ⋅ ☁️ 18 °C
Richtig komisches Gefühl. Langsam gewöhnt man sich tatsächlich an die gesamte Routine. An das Aufstehen, Frühstücken, Packen, Pferde suchen, Satteln, Reiten, Camp aufbauen, Essen und wieder Schlafen. Was ich vermisse? Zuverlässigen Strom und eine ausgiebige, warme Dusche. Den Rest … habe ich mittlerweile akzeptiert. Heute habe ich ausgezeichnet geschlafen. Um 7 Uhr hat uns der Weckdienst mit einem freundlichen „Guten Morgen“ geweckt. Vor dem Frühstück hatte mittlerweile jeder seine eigene Routine gefunden. Jeder wusste, was zu tun war, ohne dass groß darüber gesprochen werden musste. Um 8 Uhr gab es Frühstück. Nochmal standen die leckeren Pancakes auf dem Tisch. Troja hatte auch noch einmal die leckere Rhabarberkonfitüre herausgeholt. Auf die Konfitüre stürzten wir uns wie die Geier. Einfach lecker. In Ulaanbaatar kaufe ich definitiv ein Glas davon für zu Hause.
Nach dem Frühstück waren die Mongolen heute besonders schnell. Zumindest für mongolische Verhältnisse ging es ungewöhnlich zügig ans Kamele-Bepacken. So schnell, dass einige von uns noch gar nicht mit ihrem Gepäck fertig waren und die Mongolen das halb fertig gepackte Gepäck bereits auf die Kamele laden wollten.
Nachdem alle Kamele fertig bepackt waren, machten wir uns auf die Suche nach unseren Pferden. Diesmal ging es deutlich schneller. Trotzdem war wieder meines unter den Pferden, die sich nicht sofort einfangen lassen wollten. Nur dauerte es diesmal keine drei Stunden, sondern vielleicht 20 Minuten, bis jeder sein Pferd hatte.
Unter den Horsemen gab es einen Mongolen, der irgendwie alles konnte und alles machte. Er konnte äußerst attraktiv Pferde reiten, sah in seinem Deel, dem traditionellen mongolischen Mantel, richtig gut aus, war derjenige, auf den gewartet wurde, wenn ein Schaf geschlachtet werden musste, konnte gleichzeitig charmant und witzig sein und flocht unserem mongolischen Guide sogar die Haare.
Ein echter Alleskönner.
Er hieß Sechna, war 25 Jahre alt und Single.
Spannend war, dass die meisten von uns entweder ihn oder einen der anderen Mongolen attraktiv fanden und durchaus Möglichkeiten sahen, mit ihnen zu flirten. Ich war zugegebenermaßen auch beeindruckt. Aber die Mongolen mit ihrem asiatischen Touch und der braun gebrannten Haut waren einfach weniger mein Typ und passten irgendwie nicht in mein Beuteschema. Tatsächlich waren die Mongolen unfassbar braun von der Sonne. Dabei scheint die Sonne hier vermutlich nur ein paar Monate richtig intensiv, während der Rest des Jahres eher kalt und ungemütlich ist.
Während der Tour waren die Mongolen irgendwann einmal im Fluss baden. Da konnte man dann auch mal sehen, wie der Rest des Körpers aussah. Käseweiß. Vor allem die Füße. Das war schon fast gruselig. Nachdem alle ihre Pferde gesattelt und getrenst hatten, ging es los. Auf unseren vorletzten Ausritt der Tour. Noch einmal hoch auf den Berg und die gigantische Aussicht genießen. Diese endlose Weite. Man kann dieses Gefühl kaum in Worte fassen. Es ist wie Durchatmen für den Kopf. Egal, was mich in den nächsten Monaten bei der Arbeit und im Alltag erwartet, hier läuft das Leben anders. Hier hat man andere Ziele und andere Prioritäten. Die Probleme der Welt zu Hause rücken plötzlich in den Hintergrund.
Was dort gerade passiert? Keine Ahnung.
Abgeschottet von der Zivilisation, ohne Internet und auf dem Rücken der Pferde zu sitzen, ist tatsächlich ein Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt. Heute war der Trampelpfad auf dem Weg zu unserem nächsten Camp noch einmal eine Herausforderung. Zumindest dachten wir das. Aber die kleinen, trittsicheren Pferde stiefelten den Berg hoch und wieder runter, als wäre es das Normalste der Welt. Kaum einer von uns hätte das wohl so trittsicher und zuverlässig hinbekommen wie diese Pferde. Mittlerweile hat man einfach vollstes Vertrauen und keinerlei Bedenken oder Zweifel mehr, dass die Pferde irgendwelche Probleme mit dem Gelände bekommen könnten.
Zur Mittagspause teilten Max und ich uns ein Red Bull. Keine Ahnung, wie das so lange in meinem Drybag überleben konnte. Ich hatte es tatsächlich noch in Deutschland gekauft. Heute war der perfekte Zeitpunkt dafür. Nicht, weil wir müde waren. Sondern weil es ein Luxusartikel war. Und genau darüber musste ich währenddessen nachdenken. Wir sprechen ständig davon, was für uns Luxus ist. Beautyprodukte, eine eiskalte Cola aus dem Kühlschrank, ein Red Bull, eine warme Dusche oder einfach jederzeit verfügbares Internet.
Hier draußen funktioniert Luxus aber ganz anders. Für viele Nomaden sind Dinge, die für uns völlig selbstverständlich sind, eben nicht selbstverständlich. Strom ist in abgelegenen Gegenden nicht immer zuverlässig verfügbar. Viele Familien nutzen inzwischen Solaranlagen, um Licht zu haben, Handys zu laden oder Radio und Fernseher zu betreiben. Größere Geräte wie Kühlschränke oder Waschmaschinen sind aufgrund der begrenzten Stromversorgung deutlich schwieriger. Und gleichzeitig gibt es Dinge, die für sie viel wichtiger sind als für uns. Ein gutes Pferd. Genügend Vieh. Futter für den Winter. Ein zuverlässiges Fahrzeug oder Motorrad, um die Tiere und die großen Entfernungen bewältigen zu können. Und natürlich die Möglichkeit, mit der Außenwelt verbunden zu bleiben. Ehrlich gesagt vergisst man unglaublich schnell, was für uns Europäer selbstverständlich ist und für andere Menschen auf der anderen Seite der Welt purer Luxus bedeutet oder dort einfach nicht existiert. Kurz vor der Mittagspause fing es an zu winden. Regen kündigte sich an.
Während der kompletten Tour hatten wir wirklich unglaublich viel Glück mit dem Wetter. Zweimal hat es nachts geregnet, ansonsten hatten wir fast ausschließlich Sonnenschein. Das Positive am Regen: Ich konnte endlich meine extra gekaufte Regenkleidung testen. Nach dem Mittagessen stand noch einmal Galopp auf dem Tagesprogramm. Mittlerweile hatte jeder an dieser Gangart den meisten Spaß gefunden.
Unser deutscher Teamleiter sagte heute, wenn wir es morgen, an unserem letzten Tag, schaffen würden, dass niemand vom Pferd fällt, dann wären wir eine außergewöhnliche Gruppe. In der Regel passiert nämlich immer irgendeine Kleinigkeit. Selbst wenn es nur eine Schramme ist. Aber runter fällt eigentlich immer jemand. Nach dem Galopp waren wir ziemlich schnell an unserem Camp. Es regnete immer noch. Nicht schlimm, aber man wurde ordentlich nass. Trotzdem hieß es nach der Ankunft: Routine einhalten. Kamele abladen. Küchenzelt aufbauen. Eigene Zelte aufbauen. Immer wieder zog ein Gewitter über uns hinweg. Heute gab es Dumplings. Und auch während des Abendessens fing es schon wieder an zu regnen. Immer wieder zogen wir uns in die größeren Zelte einiger Teilnehmer zurück und ließen uns vom Wetter weder Stimmung noch Laune verderben. Ich fand es sogar spannend, einmal einen Tag mit etwas schmuddligerem Wetter zu erleben.
Natürlich hatten wir mit dem Wetter während der gesamten Tour unglaublich viel Glück. Ohne dieses schöne Wetter wäre diese positive Gruppendynamik wahrscheinlich gar nicht so entstanden. Zum Abschied trafen wir uns alle gemeinsam: die Horsemen, Adlerjäger, Kameltreiber, Köchin und wir. Wir und die Mongolen sagten Danke für die vergangenen Tage. Vorher hatten wir Geschenke gesammelt. Jeder gab 5 bis 10 Euro Trinkgeld. Außerdem wurden leere Powerbanks gesammelt. Hier draußen bekommt man so etwas schließlich nicht einfach an jeder Ecke. Deshalb spendete ich eine meiner eigenen Powerbanks. Bei unserer gemeinsamen Abendrunde verteilten die Mongolen zunächst ein kleines Erinnerungsstück an uns. Anschließend überreichten wir jedem das Trinkgeld. Die restlichen Geschenke wie Zigaretten, Süßigkeiten und Powerbanks verteilte unser mongolischer Guide im Nachhinein.
Die Situation war uns zunächst etwas unangenehm. Es wirkte ein bisschen so, als hätten die Mongolen bereits darauf gewartet. Gleichzeitig muss man natürlich auch die andere Seite sehen. Der durchschnittliche Monatslohn in der Mongolei liegt inzwischen bei umgerechnet knapp 700 Euro brutto. Das lässt sich allerdings nicht einfach auf unsere Horsemen übertragen, weil viele Menschen auf dem Land nicht in einem klassischen Angestelltenverhältnis arbeiten. Gerade bei Viehhaltern hängt das Einkommen stark von den Tieren, den Preisen und den Wetterbedingungen ab. Tourismus ist für einige dieser Menschen deshalb eine wichtige zusätzliche Einnahmequelle. Gerade für ländliche Familien kann er eine Möglichkeit sein, neben der Viehzucht weiteres Geld zu verdienen. Und gleichzeitig bekommt man durch solche Touren einen kleinen Einblick in eine Welt, die für uns sonst kaum zugänglich wäre.
Natürlich sind wir als Touristen nicht dafür verantwortlich, wie sich das Leben dieser Menschen entwickelt. Aber man bekommt schon das Gefühl, dass durch den Kontakt mit Touristen auch andere Vorstellungen vom Leben entstehen. Sie sehen, was außerhalb der Steppe existiert. Sie verdienen Geld mit Tourismus und bekommen Dinge in die Hände, die sie sonst vielleicht nicht hätten.
Und vielleicht entsteht dadurch bei manchen irgendwann der Wunsch nach einem anderen, moderneren Leben. Luxus ist irgendwie eine Sucht. Der Mensch möchte meistens mehr und selten weniger.
Und dann gibt es uns.
Wir machen freiwillig eine zwölf Tage lange Tour fernab jeglicher Zivilisation, schlafen in Zelten, waschen uns im Fluss, haben keinen Strom, kein Internet und keine Dusche und bezahlen sogar Geld dafür, um wieder zu spüren, wie einfach ein Leben sein kann. Irgendwie schon verrückt. Als Dankeschön sangen die Mongolen am Ende noch ein paar Lieder für uns. Und damit war auch unser vorletzter Abend beendet. Morgen steht tatsächlich schon der letzte Reittag an.Read more















