• Tag 15 - Abreisetag

    August 19 in Mongolia ⋅ ☀️ 10 °C

    Um 6 Uhr wurden wir geweckt. Ein letztes Mal auf der Luftmatratze, ein letztes Mal im Zelt.

    Ein bisschen traurig war ich tatsächlich. Nach 14 Tagen gewöhnt man sich an diese völlig andere Routine. Alles war irgendwann selbstverständlich geworden. Gleichzeitig freute ich mich aber auch darauf, wieder zurück in die Zivilisation zu kommen. Fließendes warmes Wasser. Strom. Eine richtige Dusche. Dinge, die man zu Hause kaum wahrnimmt und auf dieser Reise plötzlich zu echtem Luxus werden. Um 7 Uhr gab es Frühstück und Troja machte uns zum Glück noch einmal die heiß geliebten Pancakes. Auch die Rhabarberkonfitüre durfte natürlich nicht fehlen. Ein schöner letzter Start in den Tag.

    Leider war der Morgen etwas verregnet. Also quetschten wir uns alle ins Küchenzelt. Dort war es warm, trocken und natürlich mit so vielen Teilnehmern ziemlich eng. Aber das störte niemanden. Hauptsache trocken und nicht mehr diesem kalten Wind ausgesetzt. Danach wurde ein letztes Mal alles zusammengepackt. Die Taschen verstaut, die Zelte abgebaut und kontrolliert, ob auch wirklich nichts liegen geblieben war. Nach der Verabschiedung der Mongolen ging es dann mit den Jeeps wieder Richtung Zivilisation. Unser nächstes Ziel war Ölgii. Dort sollten wir in einem Jurten-Camp übernachten.

    Was uns dort genau erwartete und wann wir ankommen würden, wusste eigentlich niemand so richtig. Informationen dazu gab es wie so oft eher spärlich. Kurz vor dem Jurten-Camp machten wir noch Halt an einem Supermarkt. Jeder hatte die Möglichkeit, sich mit Snacks bis zum Abend einzudecken. Da im Camp allerdings Abendessen vorgesehen war, kaufte ich nur eine Kleinigkeit. Zu sehr überflutete mich der plötzliche Reiz alles wieder einfach so im Supermarkt einkaufen zu können. Im Camp angekommen, fühlte ich mich dann ehrlich gesagt ein bisschen verarscht. In jeder Jurte gab es Strom und in einem separaten Häuschen sogar fließendes warmes Wasser.
    Bitte was?
    Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir im Supermarkt ordentliches Shampoo gekauft und uns vermutlich auch mit ein paar anderen Dingen eingedeckt. Diese Überraschungsaktion des deutschen Teamleiters fand ich tatsächlich noch einmal ziemlich enttäuschend. Über die gesamte Tour hinweg waren wir häufig schlecht informiert oder hatten Informationen bekommen, die sich später als falsch herausstellten. Für mich gehört genau das aber zu den Aufgaben eines Teamleiters: Die Teilnehmer vernünftig informieren und auf Situationen vorbereiten. Auch die Tatsache, dass Strom und warmes Wasser hier als Überraschung gedacht waren, fand ich eher unglücklich. Hätte ich gewusst, dass ich heute duschen und meine Haare richtig waschen kann, hätte ich entsprechend geplant. Denn ohne diese Möglichkeit wären noch zwei weitere Tage ohne vernünftige Körperhygiene und Strom vor uns gelegen, bevor wir in Ulaanbaatar im Hotel angekommen wären. Für einige von uns war die Aktion deshalb eher daneben als eine gelungene Überraschung. Naja. Improvisieren konnten wir ja mittlerweile. Also wusch ich meine Haare kurzerhand mit dem Allzweckwaschmittel, das mich die letzten Tage schon begleitet hatte. Während des Waschens fühlten sich meine Haare furchtbar trocken an. Mit ein paar Pflegeprodukten einer Teilnehmerin, bekam ich sie anschließend aber wieder einigermaßen in den Griff. Und dabei wurde mir erst richtig bewusst: Ich hatte tatsächlich 14 Tage lang meine Haare nicht gewaschen. Ich hatte sie jeden Tag eingeflochten und lediglich meinen Pony gewaschen. Und erstaunlicherweise hatte das ausgesprochen gut funktioniert. Andere Teilnehmer hatten ihre Haare dagegen immer wieder im kalten Wasser des Flusses gewaschen.

    Nach der Körperhygiene begann für mich die nächste große Aufgabe: die vergangenen Tage vom handgeschriebenen Reisebericht in meine App zu übertragen. Brutal aufwendig. Einige Teilnehmer waren mittlerweile schon fast fasziniert davon, wie konsequent ich jeden Tag meinen Bericht schrieb und anschließend alles noch einmal digital übertrug. Für mich gehört das inzwischen einfach zur Reise dazu. Zum einen weiß ich, dass Freunde und Bekannte meine Berichte unglaublich gerne lesen und dadurch ein bisschen an meinen Reisen teilhaben können. Zum anderen möchte ich nach der Reise über FindPenguins wieder ein Buch daraus erstellen. Mein Bücherregal ist mittlerweile voll mit solchen Reisebüchern und manchmal sitze ich einfach da, nehme eines davon in die Hand und blättere durch die vergangenen Reisen. Genau das ist für mich eine der schönsten Möglichkeiten, Erinnerungen festzuhalten.

    Am Abend, kurz vor dem Abendessen, besuchte ich noch zwei jüngere Teilnehmerinnen. Beide studieren Lehramt. Die eine hat bereits einen ziemlich konkreten Fünf- und Zehnjahresplan. Die andere war dagegen etwas verunsichert, weil sie nicht genau wusste, wo sie einmal hinmöchte. Und irgendwie erinnerte sie mich an mich selbst. Ich hatte nie einen Fünfjahresplan - ganz zu schweigen weiß ich nicht einmal was ich in zehn Jahren machen möchte. Hätte mich jemand vor fünf Jahren gefragt, was ich heute machen würde, hätte ich wahrscheinlich keine Ahnung gehabt. Und auch heute weiß ich nicht, wo ich in fünf Jahren stehen werde. Und das ist völlig in Ordnung. Solange man mit dem Leben zufrieden ist, das man gerade führt. Ich habe ihr versucht, meine Sichtweise zu erklären. Für mich ist das Leben ein bisschen wie ein Zug. Man steigt ein, sucht sich einen Platz und solange einem die Reise gefällt, bleibt man sitzen. Irgendwann kommt vielleicht der Punkt, an dem man merkt, dass man etwas anderes sehen oder erleben möchte. Dann darf man aussteigen und in einen anderen Zug steigen.

    Aber man muss nicht Hals über Kopf aussteigen, nur weil man gerade nicht weiß, wo der Zug in fünf Jahren ankommen wird. Ich habe damals meine Ausbildung zur Pferdewirtin gemacht und nach einem 13-monatigen Auslandsaufenthalt anschließend studiert. Ich habe alles durchgezogen, was ich angefangen habe. Und genau das würde ich auch ihr raten: Ihr Lehramtsstudium zu Ende bringen und danach schauen, was das Leben bereithält. Denn es gibt so viele Türen, die sich im Laufe eines Lebens öffnen. Manche sieht man heute noch gar nicht. Und nur weil man mit 20 oder 25 nicht weiß, was man mit 30 oder 35 machen möchte, bedeutet das nicht, dass man keinen Plan vom Leben hat.
    Vielleicht steht sie in fünf Jahren tatsächlich vor einer Schulklasse.
    Vielleicht betreibt sie aber auch ein Café.
    Ihr Café.
    Und wenn es so kommt, werde ich sie definitiv besuchen.

    Ich habe ihr gesagt, dass sie stolz auf sich sein darf. Und dass sie sich selbst auch erlauben sollte, nicht schon heute alle Antworten auf Fragen zu kennen, die das Leben vielleicht erst in einigen Jahren stellen wird. Während unseres Gesprächs bekam sie Tränen in die Augen. Sie bedankte sich bei mir und ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass sie genau diese Sichtweise in diesem Moment gebraucht hatte. Und ich war dankbar, sie mit ihr teilen zu können. Vielleicht war das einer dieser kleinen Momente auf einer Reise, die man vorher nicht erwartet und die am Ende trotzdem zu den Erinnerungen gehören, die bleiben.

    Nach dem Abendessen entschieden sich einige Teilnehmer noch dazu, Alkohol zu trinken. Gemeinsam spielten wir eine Runde „Ich habe noch nie“. Irgendwann hatte ich genug und entschied mich, ins Bett zu gehen. Kurz darauf kam noch eine weitere Teilnehmerin zu mir. Sie wollte mir noch ein paar Worte mitgeben, bevor die Reise endgültig zu Ende ging. Sie sagte, dass sie mich bewundere. Meine Bodenständigkeit. Meine Art, die Situationen während der Tour zu beobachten und einzuschätzen. Sie habe großen Respekt davor, wie ich jeden Tag den Überblick behalten hätte. Wir waren uns tatsächlich ziemlich ähnlich. Auch sie hatte sich während der Tour immer wieder etwas zurückgezogen. Wir gehörten keiner festen Gruppe an, sondern waren irgendwie überall mal dabei. Mal mehr, mal weniger. Wir brauchten nicht ständig Menschen um uns herum und machten vieles gerne mit uns selbst aus. Hilfe fragten wir nicht unbedingt sofort. Nach außen wirkten wir vermutlich beide eher distanziert und selbstständig. Sie sagte mir, ich solle genauso bleiben, wie ich bin. Mein Auftreten und meine Ausstrahlung seien bewundernswert, auch wenn man mich dadurch im ersten Moment vielleicht nicht ganz so leicht einschätzen könne.

    Ich bedankte mich für diese unglaublich lieben Worte. Danach ging sie wieder zurück zur Gruppe und ich blieb allein in meiner Jurte zurück. Und ich schlief mit einem Lächeln ein.

    Danke für diese wohltuenden Worte.

    Danke für diese faszinierende Reise.

    Gute Nacht.
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