• Giulianova, das Kloster

    October 19 in Italy ☀️ 21 °C

    Heute waren wir in Giulianova, einer Küstenstadt, deren Geschichte bis in die Römerzeit zurückreicht. Schon um 290 v. Chr. lag hier die römische Siedlung Castrum Novum Piceni. Nachdem das mittelalterliche Castel San Flaviano zerstört worden war, entstand im 15. Jahrhundert auf einem Hügel eine neue Stadt: Giulianova. Hier treffen antike Spuren, mittelalterliche Geschichte und die klare Planung der Renaissance aufeinander.

    Giulianova kenne ich seit meiner Kindheit – gefühlt war ich schon hundertmal dort. Im Sommer zog es uns abends meist nach Giulianova Lido: zum Hafen, an die Strandpromenade, die für mich immer etwas Besonderes hatte, und in die Bars unter den Pinien. Der untere Teil der Stadt war nie unbedingt eine Schönheit, doch inzwischen haben einige Straßenzüge und Plätze mit ihren modernen Cafés neues Leben bekommen.

    Die eigentliche Altstadt liegt weiter oben: Giulianova Alta. Als Kind erlebte ich sie als ziemlich heruntergekommen; heute hat sie ihren Charme wiedergefunden. Einmal verbrachten wir sogar unseren Sommerurlaub dort, bei einer Cousine meines Vaters. Auch seine Tante wohnte in einer sehr alten Villa mit einer rosafarbenen Terrasse. Im Garten stand ein Feigenbaum, so groß, dass mein Vater eine Schaukel für uns Kinder an einen seiner kräftigen Äste hängen konnte.

    Mit Giulianova verbinde ich aber auch eine schwere Erinnerung. In jenem Sommer hatten wir einen schlimmen Autounfall und mussten lange in einem Krankenhaus bleiben, das einst zum hoch oben gelegenen Kloster gehört hatte. Das Krankenhaus gibt es heute nicht mehr; es ist inzwischen ein Lost Place. Das Kloster steht noch immer.

    Zum Abschluss unseres Besuchs führte uns der Weg hinauf zum Santuario della Madonna dello Splendore. Schon der Aufstieg wurde zu einem besonderen Teil des Besuchs: Von der Unterstadt führt ein Kreuzweg durch Olivenhaine bis zum Kloster. Zwischen den Bäumen laden immer wieder Bänke dazu ein, innezuhalten und die einzelnen Stationen auf sich wirken zu lassen.

    Die lebensgroßen Figuren aus Bronze oder Kupfer wirken beinahe lebendig. In ihren Gesichtern und Körperhaltungen spiegeln sich Schmerz, Erschöpfung und Mitgefühl. Je länger man sie betrachtet, desto deutlicher tritt die jeweilige Szene hervor – als könne man für einen Augenblick nachempfinden, was die dargestellten Menschen durchleben. So wird der Weg hinauf nicht bloß zu einem Aufstieg, sondern zu einer stillen Folge von Momenten des Betrachtens und Innehaltens.

    Oben angekommen, empfängt einen die besondere Ruhe des Heiligtums. Seine Geschichte ist eng mit einer wundersamen Quelle verbunden. Der Überlieferung nach erschien die Madonna einem Holzfäller namens Bertolino, umgeben von strahlendem Licht. Bei einer weiteren Erscheinung soll am Fuß eines Baumes eine Quelle entsprungen sein. Ihr Wasser gilt den Gläubigen bis heute als heilig und wird als Zeichen des Segens verehrt.

    Die Erscheinung wird traditionell auf den 22. April 1557 datiert. Historische Dokumente belegen jedoch, dass es an diesem Ort schon früher eine Kirche und ein Kloster gab. Über Jahrhunderte prägten die Cölestiner, ein benediktinischer Mönchsorden, das Kloster. Seit dem 19. Jahrhundert betreuen die Kapuziner das Heiligtum. Auch das Tau-Zeichen, das mir im Kloster immer wieder begegnet, erinnert an den heiligen Franziskus und an ihre Geschichte.

    Heute strahlt das Kloster eine stille, beinahe romantische Schönheit aus. Mosaiken, der eindrucksvolle Kreuzweg und der friedvolle Garten laden dazu ein, den Alltag für eine Weile hinter sich zu lassen. Im Bogengang des Portikus erzählen zwanzig Mosaiken von den Geheimnissen des Rosenkranzes. Wer sich Zeit nimmt, kann immer neue Einzelheiten entdecken und die Bilder in Ruhe auf sich wirken lassen.

    Besonders der Garten bleibt mir in Erinnerung. Zwischen den alten Olivenbäumen scheinen die Wege dazu einzuladen, langsamer zu gehen. Engelstatuen halten einen Finger an die Lippen, als wollten sie leise sagen: Halte inne. Werde still. Auch die Wasserbecken mit dem heiligen Wasser gehören zu diesem besonderen Ort. Man kann sie betend durchschreiten oder einfach innehalten und das Wasser betrachten. Für viele Besucher ist es ein Zeichen der Hoffnung und des Vertrauens.

    Vielleicht ist es diese Verbindung aus Geschichte, Natur und Glauben, die das Heiligtum so eindrücklich macht. In seiner Stille scheinen die Sorgen und Katastrophen der Welt für einen Moment weit weg. Mein Weg durch den Garten wird so auch zu einem Weg nach innen: Man muss nichts suchen oder erklären, sondern darf einfach verweilen, lauschen und den Frieden des Ortes auf sich wirken lassen.

    Vielleicht ist es genau das, was Giulianova für mich ausmacht: eine Stadt, die ich immer wieder besucht habe und die doch jedes Mal neue Erinnerungen wachruft – von der belebten Küste bis hinauf in die stillen Gassen der Altstadt und zum friedvollen Heiligtum.
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