Teramo
October 17 in Italy
☁️ 17 °C
Teramo war nie eine Stadt gewesen, die ich unbedingt besuchen wollte. Aus meiner Kindheit kannte ich sie vor allem von den Ausflügen mit meiner Nonna: Wir fuhren mit dem Bus zum Einkaufen oder um etwas zu erledigen. Wir besuchten Handarbeitsgeschäfte, in denen wir Wolle und Garne für unsere Häkelarbeiten kauften, und stöberten in Läden mit Geschirr und Gläsern. An langen Abenden oder an Tagen, an denen das Wetter nicht zum Strand einlud, häkelten wir Tagesdecken, Tischdecken, Serviettenumrandungen und verzierte Handtücher. Teramo war für mich lange vor allem mit diesen vertrauten Besorgungen verbunden – nicht mit Geschichte oder Schönheit.
Nie hätte ich gedacht, dass die Stadt einen so schönen, geschichtsträchtigen Kern besitzt. In vielen Reiseführern wird sie kaum erwähnt, und wer nur hindurchfährt, sieht zunächst vor allem eine wenig einladende Neustadt. Als mir eine Einheimische in Atri erzählte, wie schön Teramo sei, konnte ich es kaum glauben. In meiner Vorstellung war die Stadt laut, heruntergekommen und schmutzig.
Heute machten wir uns auf, Teramo neu zu entdecken. Wir kamen an einem Samstag, wenn Wochenmarkt ist. Schon auf dem Weg vom Bahnhof begegneten uns Stimmen, Rufe und das geschäftige Treiben der Händler. Rund um die **Madonna delle Grazie** und entlang des Viale Madre Teresa di Calcutta reihten sich die Stände aneinander: Obst, Gemüse, Käse, Wurst, Kleidung und allerlei Haushaltswaren. Wir schlenderten hindurch und beobachteten, wie die Menschen einander begrüßten, Neuigkeiten austauschten und ihre Einkäufe erledigten. Teramo zeigte sich lebendig, bodenständig und ganz bei sich.
Der Markt weckte Erinnerungen an die früheren Ausflüge mit meiner Nonna. Damals nahm ich die Geschäfte und kleinen Besorgungen selbstverständlich hin. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie eng die Stadt mit meiner Familiengeschichte verbunden war.
Von der **Piazza Martiri della Libertà** gingen wir zum **Dom Santa Maria Assunta und San Berardo**. Das Portal, die alten Mauern und der Glockenturm zeugen von einer langen Geschichte. Im Inneren war es still – ein deutlicher Kontrast zum Markt, nur wenige Schritte entfernt. In Teramo begegnen sich Alltag und Vergangenheit ganz selbstverständlich: Die Stadt wirkt nicht wie ein Museum, sondern lebt zwischen ihren alten Mauern weiter.
Bei der **Chiesa di Sant’Anna dei Pompetti** standen wir plötzlich vor den Überresten des **römischen Theaters**, einst Teil der Stadt **Interamna Praetuttiorum**. Mittelalterliche Gebäude, römische Mauern und heutige Straßen liegen hier dicht beieinander. Teramo erzählt seine Geschichte nicht laut; sie ist in den Plätzen, Kirchen und Wegen verborgen, über die seit Jahrhunderten Menschen gehen.
Nach einem gemütlichen Mittagessen besuchten wir die **Domus del Leone**, Teil des archäologischen Rundgangs **„Teramo, città dei mosaici“**. Die Mosaiken machten das römische Leben greifbar. Über dieselben Muster gingen einst die Bewohner, empfingen Gäste und schmückten ihr Zuhause. Dabei dachte ich an die Handarbeiten meiner Kindheit: Auch meine Nonna und ich wollten mit unseren Häkelarbeiten unsere Umgebung verschönern. Vielleicht ist der Wunsch, dem Alltag Schönheit zu geben, zeitlos.
Zum Abschluss stiegen wir hinauf zum **Castello della Monica**. Der Weg war anstrengend, doch oben öffnete sich der Blick über Teramo und die Umgebung. Von hier aus fügte sich unser Rundgang zu einer Geschichte zusammen: der Markt als lebendige Gegenwart, Dom und Sant’Anna als Zeugnisse des Mittelalters, Theater und Domus als Spuren der Antike – und das Schloss als romantische Schicht aus jüngerer Zeit.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof war Teramo für mich nicht mehr nur die Stadt meiner Kindheitserinnerungen. Ich sah die Geschäfte, in denen wir Wolle kauften, und zugleich die Stadt der Römer, der Kirchen, der Märkte und der Menschen, die heute hier leben.
Teramo besitzt keine aufdringliche Schönheit. Man muss sie suchen: in einem alten Portal, einem Stück römischer Mauer, im Klang der Glocken, im Stimmengewirr des Marktes – und in Erinnerungen, die plötzlich wieder lebendig werden. Ich war gekommen, um eine historische Stadt kennenzulernen, und hatte dabei auch einen Teil meiner eigenen Geschichte wiederentdeckt.
Vielleicht muss man Teramo nicht auf den ersten Blick lieben. Man muss ihr nur Zeit geben. Dann beginnt sie leise zu erzählen. Für mich ist sie nicht länger nur der Ort, zu dem ich als Kind mit meiner Nonna zum Einkaufen fuhr, sondern ein Stück Heimat, das ich erst viele Jahre später wirklich sehen konnte.Read more















