Trang An: 30.000 Jahre im Kalkstein 🛶
April 3 in Vietnam ⋅ ☁️ 27 °C
Trang An ist ein Labyrinth aus Karstfelsen, Höhlen und eingeschlossenen Seen im Norden Ninh Binhs, das sich nur per Boot erkunden lässt. Es gibt verschiedene Routen: manche führen vor allem durch Höhlen, andere eher zu Tempeln. Wir nahmen kurz nach sieben eines der ersten Boote und wählten die Route, die von allem etwas bietet.
Traditionell wird das Boot von einer Frau gesteuert. Wir fuhren dicht an den Felsen entlang, durch niedrige Höhlen, in denen wir den Kopf einziehen mussten. Hinter jeder Höhle lag eine andere Landschaft: mal ein See mit einer kleinen Insel und einer Pagode, mal ein enger Kanal zwischen hohen Felswänden.
Genau diese Unübersichtlichkeit war jahrhundertelang ein militärischer Vorteil. Als die Mongolen im 13. Jahrhundert mit einer der größten Armeen der damaligen Welt nach Vietnam vordrangen, zogen sich die Könige der Trần-Dynastie nach Trang An zurück. Die eingeschlossenen Täler waren das perfekte Versteck: Truppen und Vorräte ließen sich hinter den Felsen verbergen, ohne dass ein Angreifer ahnte, was um die nächste Ecke lauerte. In einem Tal richteten sie einen geheimen Palast ein: Vu Lam. Hier planten sie den Gegenschlag, und zwischen den Feldzügen meditierten die Trần-Könige und legten den Grundstein für Vietnams erste eigenständige buddhistische Schule. Später, im Vietnamkrieg, dienten die Höhlen der Bevölkerung als Schutzraum vor den Bombardierungen.
Insgesamt gibt es in Trang An 48 Höhlen und 31 eingeschlossene Seen, verbunden durch Wasserwege, die teils offen zwischen den Felsen verlaufen, teils durch Höhlen, die nur abhängig vom Wasserstand zugänglich sind. Manche Höhlen sind kurze Durchfahrten, andere ziehen sich über Hunderte Meter. Die längste misst einen Kilometer und bedeutet fast zwanzig Minuten Fahrt durch den Fels.
Der Kalkstein selbst entstand vor über 250 Millionen Jahren auf dem Boden eines flachen Meeres. An manchen Felswänden haben frühere Meeresstände sichtbare Kerben hinterlassen, waagerechte Linien im Stein, die zeigen, wo einmal die Wasseroberfläche war. Das gesamte Wassersystem in Trang An wird ausschließlich durch Regen gespeist und ist von allen umliegenden Flüssen komplett abgeschnitten. Auch die eingeschlossenen Täler sind untereinander kaum verbunden. Über die Jahrtausende hat sich so auf kleinem Raum eine ungewöhnliche Vielfalt entwickelt: über 600 Pflanzenarten, begünstigt durch die Isolation der einzelnen Täler voneinander.
Die Höhlen in Trang An waren über 30.000 Jahre lang durchgehend bewohnt, so lange wie kaum ein anderer Ort in Südostasien. Nach der letzten Eiszeit drang das Meer mehrfach in die Täler ein, und die Menschen wichen jedes Mal in höher gelegene Höhlen aus, bis das Wasser wieder sank. Sie fischten, sammelten Schnecken von den Felsen und hinterließen Schicht um Schicht an Werkzeugen und Essensresten, die Archäologen heute wie ein Archiv lesen können. In einer der Höhlen fanden sie ein fast vollständiges Skelett, etwa 12.000 Jahre alt. Im Hals steckte eine Speerspitze aus Quarz. Es ist der älteste Nachweis, dass ein Mensch auf dem südostasiatischen Festland von einem anderen Menschen getötet wurde. Wer heute mit dem Boot durch diese Höhlen gleitet, fährt durch einen Ort, an dem seit der Steinzeit ununterbrochen Menschen gelebt, gearbeitet und sich gegenseitig umgebracht haben.
2016 wurde Trang An zur Filmkulisse für Kong: Skull Island, einen Hollywood-Blockbuster, der über eine halbe Milliarde Dollar einspielte. In einem der eingeschlossenen Täler entstand ein ganzes Stammesdorf als Set, das nach dem Dreh als Touristenattraktion diente. Ein paar Jahre später ließ die UNESCO es wieder abreißen, weil es in der Kernzone des Welterbes lag.Read more






















