• Marble Mountains - Berge der fünf Elemente ⛰️

    May 15 in Vietnam ⋅ ☀️ 31 °C

    Fünf bewaldete Felsen ragen aus der flachen Küstenebene südlich von Da Nang auf, mitten zwischen Häusern und Reisfeldern. Marble Mountains werden sie genannt, die Marmorberge. Eigentlich aber heißen sie Ngu Hanh Son, die Berge der fünf Elemente. Den Namen gab ihnen ein Kaiser vor rund zweihundert Jahren, und er meinte es wörtlich. Jeder Berg steht für ein Element: Metall, Wasser, Holz, Feuer und Erde. Der Name Marble Mountains kam erst später durch die Franzosen dazu.

    Heilig war der Ort schon lange. Bevor hier Buddhisten beteten, war er ein Heiligtum der Cham, des Volkes, das einst über große Teile Zentralvietnams herrschte. In den Höhlen fand man Steinfiguren ihrer hinduistischen Götter, darunter den Gott Vishnu. Spätere Generationen deuteten solche Figuren einfach zu buddhistischen um.

    Begehbar ist nur einer der fünf, der Wasserberg. Über ihn zieht sich ein Weg aus Treppen, Höhlen und Pagoden. Wir standen früh auf und nahmen die hintere Treppe, die für die meisten der Ausgang ist. Dort fährt kein Aufzug, dafür erreicht man von hier direkt die Highlights der Route, lange bevor die Besuche vom Haupteingang kommen.

    Die beeindruckendste Höhle des Berges heißt Huyen Khong, geheimnisvolle Leere, und ist zugleich die größte. Innen öffnet sie sich zu einer Halle, so hoch wie eine Kirche, mit mehreren Löchern in der Decke. Mittags fallen durch sie Lichtstrahlen wie Säulen in die Halle, genau dorthin, wo ein steinerner Buddha sitzt. Der Berg ist bis heute ein Wallfahrtsort. Zwischen den Höhlen verteilen sich Pagoden und Schreine, und wer hier betet, soll den Berg mit leichterem Kopf wieder verlassen.

    So friedlich wie heute war der Ort nicht immer. Während des Vietnamkriegs richteten die Vietcong hier ein geheimes Feldlazarett ein. Gleich unten am Strand betrieben die Amerikaner einen ihrer größten Hubschrauberstützpunkte. Verwundete wurden also in Hörweite des Gegners versorgt, im Vertrauen darauf, dass niemand ein Lazarett ausgerechnet in einem buddhistischen Heiligtum vermutet. Eines der Löcher in der Höhlendecke stammt nicht von der Natur, sondern von einer amerikanischen Bombe.

    Vom Plateau führt ein schmaler Pfad über Felsstufen noch weiter nach oben. Die Hitze machte den Aufstieg zäh, wir schwitzten vom ersten Schritt an und kamen oben vollständig durchnässt an. Dafür reichte der Blick in alle Richtungen, über die Stadt, die anderen vier Felsen, den langen Strand und das Meer dahinter.

    Marmor steckt in den Bergen, abgebaut wird er hier aber längst nicht mehr. Man stellte fest, dass die Berge bei weiterem Abbau irgendwann schlicht verschwinden würden, und verbot ihn vor gut dreißig Jahren. Vorher hatte es der Stein von hier bis nach Hanoi geschafft, in das Mausoleum von Ho Chi Minh. Am Fuß der Berge sitzt seit über dreihundert Jahren ein ganzes Dorf von Steinmetzen, das bis heute Buddhas, Löwen und Drachen aus Marmor schlägt. Nur dass der Stein dafür mittlerweile von woanders herangekarrt wird.

    Weiter unten liegt noch eine zweite Höhle, die Höllenhöhle, aber das ist eine Geschichte für sich.

    Am Fuß der Treppe hatte uns am Morgen eine Frau begrüßt und ein paar Hinweise zur Runde gegeben, die wir eigentlich nicht brauchten. Nebenbei erwähnte sie, dass ihre Familie am Ausgang einen Stand habe, an dem ihr Vater die Marmorfiguren selbst schnitze. Als wir gut zwei Stunden später auf der anderen Seite heruntergingen, wo sich bereits die ersten Reisegruppen die Treppen hochschleppten, wartete sie schon auf uns. Sie drückte uns zwei kalte Tücher in die Hand, was nach der ganzen Schwitzerei himmlisch war, und lotste uns an den übrigen Ständen vorbei zu dem ihrer „Familie". Die Figuren dort sahen aus wie an jedem anderen Stand, aber sie beharrte darauf, dass ihr Vater sie alle von Hand herstellt. Dass das nicht stimmte, war uns klar, doch für das kalte Tuch und die nette Begegnung nahmen wir trotzdem einen steinernen Wächterlöwen mit, für die Hälfte des zuerst genannten Preises. Solche Löwen, auch Fu-Hunde genannt, sitzen paarweise vor Tempeln und sollen Böses abwehren. Auf unserer Weiterreise begegnete uns exakt dieselbe Figur immer wieder. Ihr Vater beliefert also offenbar die Souvenirläden im ganzen Land 😉. Vielleicht bewahrt unserer uns ja wenigstens vor der nächsten Tourismus-Abzocke.
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