• Âm Phủ: Die Pforte zur Hölle 👹

    May 15 in Vietnam ⋅ ⛅ 33 °C

    Wir hatten gelesen, dass es in den Marble Mountains noch eine Höhle gibt, die extra Eintritt kostet. Oben auf dem Rundweg suchten wir vergeblich nach einem Eingang, bis wir erfuhren, dass sie sich unten am Fuß des Berges befindet. Es klang nach einer für Touristen hergerichteten Grotte mit ein paar Figuren, und die Bewertungen waren durchwachsen. Umso überraschter waren wir, als wir plötzlich in einer großen, verwinkelten Höhle landeten. Steile Treppen führen tief nach unten und wieder nach oben. Erst seit 2006 ist sie zugänglich, vorher war der Eingang durch Bombenschutt aus dem Vietnamkrieg verschüttet.

    Âm Phủ bedeutet Unterwelt, und den Namen verdankt die Höhle einem Kaiser. Im frühen 19. Jahrhundert besuchte Minh Mạng die Marmorberge und schickte zwölf Soldaten mit Fackeln in die Dunkelheit. Ein kalter Wind löschte jede einzelne. Der Kaiser ließ daraufhin eine Pomelo, eine kopfgroße Zitrusfrucht, mit seinem Namen hineinwerfen. Am nächsten Morgen fand ein Fischer die Frucht im Meer. Die Höhle musste also bis zum Ozean reichen, und ein Ort, der das Licht verschluckt und seine Gaben ans Meer spuckt, konnte nur die Unterwelt sein.

    Davon wussten wir beim Betreten nichts. Eine Steinbrücke führt über ein Becken, aus dem Hände von Ertrinkenden ragen. Am anderen Ufer warten Dämonen mit Ochsenköpfen und Pferdegesichtern, die Diener der Unterwelt. Dahinter steht ein Gericht: ein Spiegel, der alle Sünden eines Lebens zeigt, und eine Waage, die gute gegen schlechte Taten aufrechnet. Dann beginnen die Bestrafungsszenen. Figuren werden in Ölkesseln gekocht, auf Spießen gegrillt, von Krokodilen zerrissen. Die Skulpturen sind bunt bemalt, Stalagmiten rot wie Blut angestrichen, und das Ganze in farbiges Licht getaucht. Familien mit kleinen Kindern liefen selbstverständlich an Darstellungen entlang, für die man in Deutschland eine Altersfreigabe bräuchte. Andererseits hängt bei uns auch ein ans Kreuz genagelter Mann über manchem Kinderbett.

    Die buddhistische Hölle hat mit der christlichen allerdings wenig gemein. Es gibt keine ewige Verdammnis, keinen strafenden Gott. Die buddhistische Hölle ist temporär. Man verbüßt sein Karma wie eine Haftstrafe und wird danach wiedergeboren, vielleicht als Mensch, vielleicht als Tier, vielleicht sogar als Gottheit. Die Zehn Gerichte der Unterwelt, die in der Höhle dargestellt sind, funktionieren wie ein kosmisches Justizsystem nach chinesischem Vorbild: zehn Richter, zehn Verhandlungen, proportionale Strafen. Die Szenen in der Höhle sind deshalb keine Horrorshow, sondern moralische Erziehung: Wer lügt, verliert die Zunge. Wer stiehlt, wird zerstückelt. Für vietnamesische Eltern ist das ungefähr so bedrohlich wie für deutsche Eltern der Struwwelpeter.

    Eine Skulptur tief in der Höhle erzählt eine Geschichte, die in Vietnam jeder kennt. Mục Kiền Liên, einer von Buddhas engsten Schülern, entdeckte durch Meditation, dass seine verstorbene Mutter in der Hölle leidet. Er brachte ihr Reis, aber als sie die Schale mit einer Hand zudeckte, damit die anderen Hungrigen nichts abbekommen, ging das Essen in Flammen auf. Ihre Gier machte das Geschenk zunichte. Buddha riet ihm, nur die vereinten Gebete aller Mönche könnten sie retten. Aus dieser Geschichte entstand das Vu-Lan-Fest am 15. Tag des siebten Mondmonats, eines der wichtigsten Feste Vietnams, an dem die Tore der Unterwelt sich für einen Tag öffnen und Kinder ihre Eltern ehren.

    Am Ende des Parcours führt ein steiler Aufstieg nach oben, zum Licht, vorbei an Drachenfiguren und einer Statue der Göttin der Barmherzigkeit. Der Weg zum Himmel. Dann steht man auf einem Felsvorsprung mit Blick auf den Strand, und der Pfad endet. Sackgasse. Der einzige Weg hinaus führt zurück durch die Hölle.
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