• Tag 36: Gletscher und Seilbahn

    May 20 in Norway ⋅ ☀️ 17 °C

    Zwischen Gletschermagie und Reisebussen: Das Dilemma der Postkarten-Idylle
    Manchmal liegt das größte Unglück eines wunderschönen Ortes darin, dass er zu leicht zu erreichen ist. Genau das haben wir auf unserer jüngsten Etappe zwischen dem mächtigen Briksdalsbreen und der schwindelerregenden Loen-Seilbahn erlebt. Eine Reise durch Landschaften, die einem den Atem rauben – und die gleichzeitig an ihre Grenzen stoßen.
    Der Briksdalsbreen: Einsamkeit auf Zeit
    Nach einer ruhigen Nacht auf dem idyllischen Campingplatz Melkevoll Bretun brachen wir relativ früh auf. Unser Ziel: die berühmte Gletscherzunge des Briksdalsbreen, ein Nebenarm des gewaltigen Jostedalsbreen. Der 45-minütige Spaziergang zum Gletschersee war morgens noch ein Traum. Das eisblaue Wasser, das tosende Schmelzwasser und die schiere Masse des ewigen Eises – Natur in ihrer reinsten Form. Der Weg ist flach, perfekt ausgebaut und für absolut jeden machbar. Die Quittung folgte prompt: Schon auf dem Rückweg strömten uns die ersten organisierten Bustouristen entweder zu Fuß entgegen oder sie wurden in so kleinen Wägelchen, in denen höchstens 6 Personen Platz fanden, nach oben gekarrt. Die Magie des Ortes verfliegt schnell, wenn der Pfad zur Fußgängerzone wird. Und dabei muss ich betonen, das die heutige Besucher*innenfrquenz noch sehr erträglich war. Wir stellen uns das Ganze gerade in den Sommermonaten vor.

    Unser nächster Stopp war dan Loen:
    Die dortige Seilbahn (Skylift) ist ein Meisterwerk der Technik und schießt in nur fünf Minuten fast senkrecht über 1.000 Meter in die Höhe auf den Berg Hoven. Der Ausblick von oben? Ein absoluter Traum. Der Fjord liegt einem tiefblau zu Füßen, eingerahmt von schneebedeckten Gipfeln.
    Auch hier das gleiche Bild: Oben drängen sich die Menschen. Und genau hier wird das Dilemma des modernen Tourismus spürbar.
    Gegenden wie das Oldedalen oder Loen haben ein geografisches Problem: Sie haben keinen Platz. Enge Täler, steile Felswände und dazwischen sensible Natur.
    Der Tourismus bringt Wohlstand und Arbeitsplätze in diese ehemals entlegenen Regionen. Attraktionen wie der Skylift ermöglichen es auch Menschen, die keine Profi-Bergsteiger sind, diese grandiose Welt von oben zu sehen. Sie schaffen Bewusstsein für die Schönheit der Erde.
    Die Infrastruktur kapituliert früher oder später vor den Massen. Enge Straßen werden von Wohnmobilen und Reisebussen verstopft, die Natur wird durch den reinen Andrang belastet und das authentische, einsame "Norwegen-Gefühl" geht im Stimmengewirr der Reisegruppen verloren.
    Wie zum Beweis, dass es sie noch gibt, die unberührten Ecken, endete unser Tag kurz vor Hellesylt. Wir fanden einen Stellplatz an einer alten, berühmten Steinbrücke (ein historisches Juwel der alten Poststraßen). Hier, abseits der großen Hotspots, rauschte nur der Fluss.
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