• Tag 52: Über den Polarkreis

    June 5 in Sweden ⋅ ☁️ 17 °C

    So, endlich: Heute haben wir den Polarkreis überschritten, 8 km südlich von Jokkmokk. Ist natürlich genauso unspektakulär, wie den Äquator zu überschreiten. Aber ich liebe solche Festlegungen.
    Dafür, dass wir auch heute wieder 200 km durch das Nichts gefahren sind, haben wir ganz schön viel erlebt.
    Zunächst also Polarkreis. Da macht man halt ein paar Fotos und fährt dann wieder weiter. Aber ganz was Spannendes haben wir gelernt: Der Polarkreis ist keine feste Linie, sondern wandert, weil die Erdachse im Weltall ganz leicht schwankt.
    Diese Neigung der Erdachse ändert sich in einem Rhythmus von rund 41.000 Jahren. Aktuell richtet sich die Erde dadurch etwas mehr auf, weshalb sich der Polarkreis im Durchschnitt um etwa 14 Meter pro Jahr nach Norden verschiebt. Das Schild südlich von Jokkmokk markiert also im Grunde nur einen historischen Zustand und wandert der Realität hinterher. Zusätzlich sorgen kurzfristige Schwingungen dafür, dass die Linie im Alltag sogar um einige Meter hin und her springen kann.
    Dann Jokkmokk mit einem ganz wichtigen Museumsbesuch:
    Das Ájtte-Museum in Jokkmokk ist das zentrale Kultur- und Naturmuseum der schwedischen Sámi und das absolute Herzstück der Region. Es vermittelt eindrucksvoll und authentisch die Jahrtausende alte Geschichte, Kultur und das Überleben der indigenen Bevölkerung in der rauen Natur Lapplands. Neben Einblicken in die traditionelle Rentierzucht und das faszinierende Kunsthandwerk (Duodji) wird auch die einzigartige Flora und Fauna der arktischen Gebiete beleuchtet. Besonders faszinierend ist die gelungene Verbindung aus historischem Erbe und den Herausforderungen der modernen samischen Identität. Für jeden Besucher ist diese lebendige Ausstellung der Schlüssel, um die Kultur und die Landschaft des Nordens wirklich zu verstehen.
    Und hier bin ich auch noch eine Erklärung schuldig: In früheren Blogeinträgen habe ich von Kirchenstädten der Sami gesprochen. Dieser begriff bedarf einer Erklärung:
    Samische Kirchenstädte (Kyrkstäder) sind historische Siedlungen aus einfachen Holzhütten oder hölzernen Koten (Kåtor), die direkt um eine Kirche herum errichtet wurden.
    Da die nomadisch lebenden Sámi oft tagelange Anreisewege durch die Wildnis hatten, dienten diese Hütten als feste Übernachtungsquartiere für die gesetzlich vorgeschriebenen Kirchgänge. Zweimal im Jahr – meist zu großen Festen wie Mittsommer oder im Winter – strömten alle zusammen, wodurch die Kirchenstädte zu lebendigen Zentren für Handel, Gerichtstage und Hochzeiten wurden. Im Gegensatz zu den schwedischen Bauerndörfern, die oft aus klassischen roten Holzhäusern bestehen, spiegeln die samischen Kirchenstädte wie Lappstaden in Arvidsjaur oder das Kirchdorf in Fatmomakke mit ihren Pyramidenformen die traditionelle Bauweise der Ureinwohner wider. Heute sind die verbliebenen Siedlungen faszinierende Kulturdenkmäler, die zeigen, wie der erzwungene christliche Glaube und das soziale Leben der Sámi aufeinandertrafen.

    Nach diesem höchst interessanten Stopp fuhren wir heute noch nach Gällivare. Auf dem Weg dorthin machten wir noch einen Abstecher zum Harsprängsfallet.
    Der liegt südlich von Porjus und war einst einer der mächtigsten und spektakulärsten Wasserfälle Europas. Heute ist er ein faszinierendes Monument des industriellen Wandels.
    Ursprünglich stürzte der Stora Luleälven hier auf einer Länge von zwei Kilometern über 75 Höhenmeter hinab. In den 1940er und 50er Jahren wurde der Fall komplett trockengelegt, um das Wasserkraftwerk Harsprånget*zu bauen.
    Mit einer Leistung von fast 1.000 Megawatt ist es das größte Wasserkraftwerk des Landes. Es erzeugt rund ein Prozent des gesamten schwedischen Stroms. Auch die weltweit erste 400-Kilovolt-Höchstspannungsleitung nahm hier 1952 ihren Anfang.
    Wo einst ohrenbetäubende Wassermassen tobten, blickt man heute in einen tiefen, rauen Canyon aus nacktem Fels. Über Treppen gelangt man zu einer Aussichtsplattform, die die gewaltige Dimension der eiszeitlichen Landschaft spürbar macht. Nur zu extrem seltenen Gelegenheiten – meist für Sicherheitsprüfungen oder im Rahmen der sommerlichen Fallens Dag-Tage im Umland – werden die Schleusen der 50 Meter hohen Staumauer geöffnet. Dann erwacht der mächtige Wasserfall für kurze Zeit wieder zum Leben.

    Danach besuchten wir noch ein altes Kraftwerk, das mittlerweile zum Museum umfunktioniert wurde. Leider konnten wir dieses schönen Gebäude nur von außen besichtigen. Warum wohl? Vorübergehend geschlossen.

    Und schließlich kamen wir nach Gällivare
    Unbedingt sehenswert: Das Bahnhofsgebäude von 1893 ist ein echtes Prachtstück und steht heute unter Denkmalschutz.
    Der Bahnhof war der Schlüssel für den Aufstieg der Region, da hier die Erzbahn (Malmbanan)und später die berühmte Inlandsbahn (Inlandsbanan) zusammentrafen.

    Außerdem gibt es auch noch ein Schloss: Fjällnäs Slott. Es liegt idyllisch am Fuße des Dundret-Berges und gilt als eines der schönsten und historisch wertvollsten Holzgebäude in ganz Nordschweden. Heute wird es privat als exklusives Hotel und Restaurant betrieben, ist aber schon von außen ein fantastisches Fotomotiv vor der nordschwedischen Naturkulisse.
    Jetzt aber sitzen wir am Dundret-Berg und warten hier auf die Mitternachtssonne, falls sich die Wolken verziehen.
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