Tag 62: Kloster und Kirche
June 15 in Finland ⋅ ☀️ 21 °C
Nach dem wunderbaren Grillabend gestern haben wir heute das orthodoxe Männerkloster Uusi Valamo in Heinävesi besucht. Gleich vorweg: Das klösterliche Anwesen ist keineswegs ein alterwürdiges Gemäuer, sondern steht erst seit 1940 an diesem Standort, obwohl der Orden uralt und ehrwürdig ist. Die Geschichte ist mit der bewegten Geschichte Finnlands eng verknüpft.
Das Kloster wurde ursprünglich auf der Inselgruppe Valaam im Ladogasee in Kareliien - heute Russland - zum Zwecke der Missionierung gegründet. Zeitpunkt unklar; der Orden sagt 12. Jh., andere Fachleute meinen spätestens Ende 14.Jh.
Es diente über Jahrhunderte als nördlicher Außenposten der Ostkirche. Aufgrund dieser Extremlage zwischen Schweden und Russland wurde es mehrfach bei kriegerischen Konflikten zerstört.
Unter Zar Peter I. erlebte das Kloster im 19. Jahrhundert seine größte Blütezeit. Es entwickelte sich zu einem riesigen spirituellen und wirtschaftlichen Zentrum mit mehreren Kirchen, Einsiedeleien, landwirtschaftlichen Betrieben und Handwerkswerkstätten.
Jedoch die geopolitischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts zwangen die Ordensbrüder zur Aufgabe ihres Stammsitzes.
Nach der russischen Revolution und der Unabhängigkeit Finnlands im Jahr 1917 gehörte die Ladoga-Insel Valaam und damit der Orden plötzlich zum Staatsgebiet Finnlands. Mit dem Ausbruch des sowjetisch-finnischen Winterkrieges im November 1939 geriet das Kloster direkt in die Kampfhandlungen. Das führte im Februar 1940 zur Evakuierung durch die finnische Armee. In einer dramatischen Rettungsaktion transportierten die 200 Brüder die wertvollsten Kulturschätze – jahrhundertealte Ikonen, heilige Reliquien, das historische Archiv, u.v.m. – auf Lastwagen über den zugefrorenen Ladogasees in Sicherheit. Das Gebiet mussten die Finnen an Moskau abtreten; eine Rückkehr für den Orden war somit unmöglich geworden.
Im Sommer 1940 erwarben die Mönche das Gut Papinniemi in der Gemeinde Heinävesi (Südsavo). In der Folge konsolidierte der Orden durchaus erfolgreich.JIrgendwann aber starben die evakuiereten Mönche altersbedingt, das Kloster war ab den 60er und 70er Jahren vom Aussterben bedroht. Ab den späten 70er Jahren erlebet es aber sowas wie eine Renaissance und erstaunlicherweise traten junge finnischspracjhige Novizen ins Kloster ein.
Heute ist das Kloster mit über 100.000 Besuchern im Jahr ist eines der wichtigsten Zentren für orthodoxe Kultur in Skandinavien.
Aber auch die höchst profane Seite kommt nicht zu kurz: Ganzjährig werden ein Hotelbetrieb und Restaurant Trapesa geführt.
Und ganz klosterlike: Eine bedeutende Einnahmequelle ist die klostereigene Produktion von Beerenweinen, Likören sowie Gin, Absinth und Single Malt Whisky. Valamo betreibt die größte Destillerie Finnlands.
Außerdem veranstaltet das angeschlossene Volkshochschulzentrum Kurse zu Themen wie Ikonenmalerei, orthodoxe Spiritualität, Kunsthandwerk und Textilrestaurierung an.
Im Kulturzentrum befinden sich eine bedeutende historische Bibliothek, Archive sowie Werkstätten zur Restaurierung alter Ikonen und kirchlicher Textilien.
Durchaus spannend, was man über so ein Kloster alles lernen kann.
Und weil wir heute schon auf dem spirituellen Trip waren, fuhren wir nach dem Besuch des Klosters gleich weiter zur größten Holzkirche der Welt in Kerimäki nahe Savonlinna.
Sie sollte das hölzerne Highlight unserer heutigen Etappe werden, doch stattdessen präsentierte sich die größte Holzkirche der Welt in einem gänzlich unerwarteten Gewand. Statt der gewaltigen, gelben Fassaden des 1847 erbauten Monuments erwartete uns in Kerimäki ein komplett verhülltes Bauwerk, das hinter Planen und Gerüsten seine Geheimnisse verbarg. Die dringend notwendige Renovierung macht es derzeit unmöglich, den gigantischen Innenraum zu betreten, der mit seinen Maßen von 45 mal 42 Metern sonst weit über 3.000 Menschen Platz bietet. Auch wenn uns der Blick auf dieses architektonische Meisterwerk verwehrt blieb, so hatte dieser beinahe surreale, riesige Kasten im Herzen Südsavos doch seine ganz eigene, faszinierende Dynamik. Es ist eben genau diese Unvorhersehbarkeit, die unsere Art zu reisen so spannend macht – und ein Grund mehr, vielleicht irgendwann für den ungetrübten Blick auf diesen hölzernen Riesen zurückzukehren.
Umso mehr Raum blieb uns heute dafür, die fantastische Lage unseres heutigen Übernachtungsortes zu genießen, denn Kerimäki schmiegt sich direkt an das Ufer des Puruvesi. Dieser Teil des Saimaa-Seensystems ist weltberühmt für sein kristallklares Quellwasser mit Sichtweiten von bis zu zehn Metern, aus dem auch die fangfrischen, butterzart gebratenen Maränen stammen, die hier als lokale Spezialität gelten. Doch die idyllische Ruhe täuscht fast ein wenig darüber hinweg, wie geschichtsträchtig dieser Boden tatsächlich ist. Luftlinie trennen uns hier gerade einmal knapp 40 Kilometer von der russischen Grenze – eine geografische Nähe, die dem Ort eine ganz besondere, spürbare Tiefe verleiht. Selbst der Bau der monumentalen Kirche in den 1840er Jahren war damals, als Finnland noch zum Russischen Kaiserreich gehörte, ein bewusstes architektonisches Statement finnischen Selbstbewusstseins direkt im Grenzland.Read more






















