• Tag 65, 66, 67: Drei Tage im Mittsommer

    June 20 in Finland ⋅ ☀️ 20 °C

    Wir fuhren also am Donnerstag, nach unserem Kurzbesuch in Hamina, nach Pelinkki (finnisch) bzw. Pellinge (schwedisch). Warum? Weil wir erfahren hatten, dass dort noch ganz ursprünglich und traditionell Mittsommer (Midsommar) gefeiert wird. Pelinkki ist eine Insel im Süden Finnlands nahe Helsinki und gehört zur Gemeinde Porvoo. Um auf die Insel zu kommen dürfen wir noch einmal mit einer Minifähre fahren. Mini, weil wirklich klein und weil die Fahrt ganze 5 Minuten dauert.
    Wir wollten also an den drei Tagen auf der Insel Pelinkki gemeinsam mit Finn*innen Midsommeraktivitäten möglichst authentisch zu erleben.
    Das begann äußerst erfolgversprechend bei den Arbeiten zur Schmückung und Aufstellung der "Midsommarstangen". Das ist ein Fest, bei dem alle, die gerade auf der Insel sind und weder krank noch sonstwie verhindert sind, zusammenkommen und beim Schmücken und Aufstellen der Stange mitmachen. Und wir hatten das Glück, mittendrin zu sein. So kamen wir in den Gesprächen unversehens auf das Phänomen der "Finnlandsschweden" zu sprechen, von dem wir keine Ahnung hatten.
    Zuerst lernten wir, dass die Insel Pellinki zu nahezu 100% schwedischstämmig/-sprachig ist. Und weiter, dass in den Küstenregionen und vorgelagerten Inseln der Großteil der Finnlandsschweden lebt. Das sind heute immerhin etwa 5,2 % der Gesamtbevölkerung Finnlands (rund 290.000 Personen). Es wurde uns schnell vermittelt, dass zwar alle finnische Staatsbürger*innen sind, die schwedische Minderheitsbevölkerung durchaus sehr bewusst ihr Schwedentum zu leben versteht und alle verbrieften Minderheitenrechte sehr ernst wahrnimmt.
    Wir haben in diesen Gesprächen sehr viel gelernt, aber neugierig, wie wir sind, haben wir uns dann noch weiter schlau gemacht und wollen das jetzt auch hier weitergeben.

    Im 12. und 13. Jahrhundert wurde Finnland im Zuge von Kreuzzügen und Expansionswellen schrittweise in das schwedische Königreich eingegliedert und war bis 1809 ein integraler Bestandteil Schwedens. Schwedisch etablierte sich in dieser Zeit als die Sprache der Verwaltung, der Justiz, des Adels, des gehobenen Bürgertums und der Bildung, während die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung finnischsprachig blieb. Gleichzeitig besiedelten schwedische Bauern und Fischer die Küstenregionen.

    1809 fiel Finnland ​an das Russische Kaiserreich mit dem Status "autonomes Großfürstentum", wobei paradoxerweise die  schwedischen Gesetze und schwedisch als Amtssprache auch unter russischer Herrschaft erhalten blieben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand parallel zur finnischen Nationalbewegung eine eigene schwedische Identitätsbewegung, die den Schutz der eigenen Kultur und Sprache im nun eigenständigen Finnland (ab 1917) vorbereitete.

    ​Schwedisch ist in Finnland eine gleichberechtigte National- und Amtssprache.
    Laut finnischer Verfassung haben Bürger das Recht, Behördengänge, Gerichtsverfahren und medizinische Behandlungen in ihrer Muttersprache (Finnisch oder Schwedisch) zu absolvieren. Formulare, Gesetze und amtliche Bekanntmachungen müssen zweisprachig vorliegen. (Erinnert mich wieder an meine Heimat Südtirol)
    Kommunen sind je nach Einwohneranteil offiziell einsprachig finnisch, zweisprachig oder (im Fall von Åland) einsprachig schwedisch. Ab einem Anteil von 8 % oder mindestens 3.000 Sprechern einer Sprache in einer Gemeinde wird diese per Gesetz zweisprachig.
     Es existiert ein komplett eigenständiges, staatlich finanziertes Bildungssystem von der schwedischsprachigen KiTa über Grundschulen und Gymnasien bis hin zu Hochschulen (wie der Åbo Akademi).In den Schulen ist die jeweilige Sprache der anderen Sprachgruppe Pflichtunterrichtsfach.

    ​Das Verhältnis zwischen der finnisch- und schwedischsprachigen Volksgruppe ist im Alltag friedlich, stabil und von pragmatischem Zusammenleben geprägt. Es gibt keine ethnischen oder gewaltsamen Konflikte. Finnlandsschweden verstehen sich primär als finnische Staatsbürger mit schwedischer Muttersprache, nicht als Schweden. ​Dennoch gibt es im politischen und gesellschaftlichen Diskurs wiederkehrende Debatten, wie z.B. Pflichtschwedisch an den Schulen, Kosten der Zweisprachigkeit, schleichende Assimilation, u.ä.m.
    Soweit der intellektuelle Exkurs.

    Wir haben am Donnerstag also mitgeholfen, die Midsommarstanga aufzustellen und haben in diesem Zusammenhang einige interessante Menschen kennengelernt. Das war der 18. Juni
    Am Freitag , dem 19. Juni, wurden wir dann Zeugen des traditionellen Midsommarktes. Der fand am Freitag Vormittag statt und da stürmten sicher um die 1000 Leute die beschauliche Insel. Sie kamen mit Autos, Fahrrädern und Booten, nur um ihre Vorräte in den Sommerhäusern aufzufüllen, wo sie dann am Samstag mit Familie und Freund:innen den wirklichen Mittsommer feiern. Es war eine Tohubawohu, aber auch wir erstanden Fisch und typisch schwedisch/finnische Piroggen. Um 13:00 Uhr war dann urplötzlich der ganze Zauber vorbei, die Marktstände waren leer, weil ausverkauft und die Leute zugen mit Fisch, Brot, Kuchen Wurst und Käse von dannen.

    Wir nutzten den Nachmittag, um zu Fuß die Insel zu erkunden. Weit kommt man ja nicht, weil am Ufer überall Sommerhäuser auf Privatgrund stehen, also erwandert man die Insel eher strahlenförmig. Am Abend aßen wir dann in Benitas Cafe Fish and Chips.
    Der Samstag, 20. Juni, der eigentliche Mittsommertag, war für uns gewissermaßen der Höhepunkt dieser Expedition. Am Nachmittag gab es am Platz, an dem die Mitsommerstange stand, ein traditionelles Fest mit Gesängen und Tänzen und Ansprachen. Zuschauen war schön, zuhören auch. Verstanden haben wir kein Wort. Interessanterweise fand das Fest am Nachmittag statt, weil ab dem frühen Abend feiern alle zu Hause.

    Fazit: Die traditionellen Mittsommerfeste werden von Ehrenamtlichen und Vereinen organisiert und sind Familienfeste mit Gesängen, Tänzen und gemeinsmen Aktivitäten. Es geht ganz stark um die Gemeinschaft. Es gibt manchmel eine Kleinigkeit zu essen, manchmal auch nicht und es fließt kein Tropfen Alkohol. Die Stimmung ist dementsprechend friedlich und entspannt. Man genießt das Zusammensein.
    Richtige Mittsommerpartys gibt es nur vereinzelt und dann nur in größeren Städten, wie Helsinki oder Turku, weil der Mittsommer traditionell zu Hause gefeiert wird.
    Wir sind der Bevölkerung von Pelinkki jedenfalls dankbar, dass sie uns so herzlich in ihr traditionelles Mitsommerfeiern aufgenommen haben.
    Read more